Literatur
Günter Grass: Abschied mit Hadern und Pupsen

Nobelpreisträger Günter Grass ist seit Monaten tot. Doch erst jetzt erscheint sein letzter Gedichtband.

Anna Kardos
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Günter Grass nimmt in seinem letzten Buch Abschied von der Welt.

Günter Grass nimmt in seinem letzten Buch Abschied von der Welt.

LAIF

Was unterscheidet das Pupsen eines Normalsterblichen von jenem eines Literatur-Nobelpreisträgers? Letzteres findet, in Worte gefasst, in Reime gegossen, Eingang in die Weltliteratur. Erst recht, wenn der Autor während der Arbeit am Manuskript starb und dieses nun Monate nach seinem Tod die Leser als des Autors letztes Vermächtnis erreicht. Dennoch ist es eine Frage des Geschmacks, wie viel an verdauungstechnischen Vorgängen in die Literatur Eingang finden darf; was an Ausscheidungsprozessen künstlerisch aufgegriffen werden soll.

Und die Journalistin hätte lieber einiges davon nicht erfahren, was Günter Grass in seinem Buch «Vonne Endlichkait» (auf Preussisch für «Von der Endlichkeit») vor dem Publikum ausbreitet.

Denn da wird ausgespuckt, «was die Bronchien hergeben», da pfeift das Hörgerät eigenwillig, der zweite Herzschrittmacher verweigert seinen Dienst und der Autor tritt als «Mümmelgreis», als «zahnloser Narr» auf den Plan. Auch dass eines der längsten Gedichte des Buches von Frauenleibern handelt – von Brüsten («Ihre schlaffen, hängenden Beutel»), Scham und «griffigem Arsch» –, vermag trotz sprachlichem Beharren des Autors auf der Gegenwartsform («euch besinge ich!») die Jugend nicht zurückzubringen in den Band mit Prosagedichten und Zeichnungen. Einen Band, der soeben erschienen ist – und die literarische Welt nicht erbeben liess.

Von aktuellen Ereignissen (Griechische Wirtschaft, Flüchtlinge) und Personen (Angela Merkel) spannt darin der Autor einen Bogen zurück in seine Vergangenheit: zu einstigen kulinarischen Vergnügen (Innereien); einstigen Freunden (etwa dem tragischen Künstler Franz Witte); einstigen Verwandten (dem Grossvater, einem Tischlermeister). Doch wie sehr auch die Vergangenheit literarisch mitschwingen mag; als Realität ist sie, wie ihr Name sagt: vergangen.

Also nimmt Günter Grass in vielen seiner Gedichte Abschied und resümiert «Will – seit langem kurz von Atem – / nun mit allerletztem Zahn / nie mehr sagen Ja und Ja / nur noch Nein, Neinnein und Nein.» Worte, in denen keine hochfliegende Poesie anklingt, sondern erdenschwere Realität.

Wo bleibt der Autor, dem das Märchenhafte zeit seines Lebens nicht von der Seite wich? Der in den 1950er-Jahren Gläser durch spitze Schreie bersten liess und Blechtrommeln scheppern, in den 1970ern den Grimm’schen Butt einen tausendjährigen Dialog führen – womit er die Gemüter einer ganzen Generation an Frauen erhitzte – und der noch mit knapp über Achtzig sein Familienpatchwork für Fortgeschrittene, in Form von vier (Ex-)Frauen und zehn Kindern unter dem zärtlich versöhnlichen Begriff «Knuddelmuddel» subsummierte (im Roman «Die Box»)?

Grass wird zum Greis

In seinen letzten Prosagedichten hat der grosse deutsche Literat dem Märchenfilter abgeschworen und zeigt die Dinge, wie sie sind. Nur eben: wie sie bei jedem alten Menschen sind. Das macht den grossen Grass zum kleinen Greis.

Aber eben nicht nur. Denn auch wenn Günter Grass’ Leben gegen Ende flügellahm war – seine Literatur war es nicht. In ihr prallen Pietät und Pointiertheit aufeinander, da spricht die Erinnerung; und das Wissen um die eigene Sterblichkeit mischt sich mit dem Willen, das gelebte Leben sorgsam zu Ende zu führen.

Darum bestellen der Autor und seine Frau beim Schreiner ihres Vertrauens zwei Holzsärge (Birke für ihn; Kiefer für sie) im Voraus, mit groben Leinengriffen, aus unbehandeltem Holz. Ja, selbst das Füllmaterial bestimmen sie im Voraus: Statt Watte soll saisonales Laub dereinst die Körper des Paares auf ihrer letzten Reise weicher betten.

Und so lagern nach erfolgreichem Probeliegen die Kisten im Keller – bis eines Nachts Diebe ins Haus eindringen: «Im Keller fehlte nichts ausser den beiden länglichen Kisten, die wir uns vorsorglich hatten tischlern lassen.»​Und wie lakonisch nun der Autor hehre Transzendenz und profane Realität aufeinanderprallen lässt, das lässt Günter Grass alles Greisenhafte im Handumdrehen abschütteln.