Theatertreffen
Grösstes deutschsprachiges Theaterfestival macht Flüchtlingspolitik

Künstler und Festivalleitung setzen sich am Theatertreffen in Berlin auf, vor und hinter der Bühne für die Schutzbefohlenen ein.

Susanna Petrin, Berlin
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Europa zieht die Grenzzäune hoch: Szene aus Nicolas Stemanns «Die Schutzbefohlenen», dem prägenden Eröffnungsstück des Theatertreffens.krafft angerer

Europa zieht die Grenzzäune hoch: Szene aus Nicolas Stemanns «Die Schutzbefohlenen», dem prägenden Eröffnungsstück des Theatertreffens.krafft angerer

Angerer, Krafft

Wie viele Menschen haben auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ihr Leben verloren? Auf der Suche nach einer Statistik flackert unter dem Titel «Zahl der toten Flüchtlinge hat sich verdreissigfacht» kurz eine Gummibärchen-Reklame über den Computerbildschirm – erst danach wird die Sicht auf den Artikel des Senders N24 frei. Er besagt, dass allein 2015 bereits 1750 Flüchtlinge im Meer ertrunken seien – und da sind all die, die gar nie gefunden worden sind, und all die, die zuvor und seither gestorben sind, nicht mitgezählt.

In ihrem zynischsten Moment kommen auch im Theaterstück «Die Schutzbefohlenen» Bärchen ins Spiel. Teddys auf Kindersärgen. «Und auf den Sarg setzen wir dann ein liebes Bärli drauf, ja, wir setzen noch eins drauf!», singen die Schauspieler, «das muss ihnen genügen, sowas hatten sie früher wahrscheinlich gar nicht.» In diesen bittersten Anklagen entwickelt Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama «Die Schutzbefohlenen» seine grösste Kraft.

Aufruf zu neuer Flüchtlingspolitik

Regisseur Nicolas Stemann hat die Nobelpreisträgerin 2013 nach dem besonders furchtbaren Schiffsunglück vor Lampedusa darum gebeten, ein Stück zu schreiben. Gemäss seinen Worten lag es zwei Wochen später in seinem Briefkasten. Das Anliegen war ihr dringend, es war ihm dringend, die Theatertreffen-Jury konnte sich dessen Dringlichkeit nicht entziehen, und jetzt hat die Inszenierung das wichtigste deutschsprachige Theaterfestival, das Theatertreffen, erreicht, eröffnet – und komplett durchdrungen.

Nach fast jeder Vorstellung, auch der neun weiteren ausgewählten «bemerkenswertesten Stücke des Jahres», wird zur Solidarität mit den Flüchtlingen, zu einer Änderung der Flüchtlingspolitik und zu Spenden aufgerufen. Ein Thementag zu Flucht, Einwanderungspolitik und Asylgesetzgebung sowie eine Demo vor dem Festivalhauptgebäude fanden am Wochenende statt; Diskussionen über «Theater und Postkolonialismus» oder «Clash-of-Culture-Workshops» begleiten das Festival. Auffällig viele weitere der preisgekrönten Stücke drehen sich um Krieg und Kolonialisierung – etwa Frank Castorfs «Baal» oder Yael Ronens «Common Ground». Sogar der Fassbinder-Fokus passt dazu, hat der Filmregisseur sich doch stets auf die Seite der Ausgegrenzten gestellt.

«I am not a human being, you are not a human being.» Dieser Spiegelsatz wird in Stemanns Inszenierung auf einer Leinwand eingeblendet. Wenn wir Flüchtlinge nicht wie Menschen behandeln, sind wir selbst keine Menschen. Der ganze Abend ist ein Anrennen gegen die Unmenschlichkeit, ein Anreden von Weggeredetem, Verdrehtem. Seit Jahren pervertieren populistische Parteien die Wirklichkeit, machen Opfer zu Tätern. «Criminals without a crime», heisst es im Stück. Die EU-Organisation Mare Nostrum, die bis Ende 2014 zu noch manch gekentertem Schiff eilen konnte, wurde eingespart. Aus Kostengründen wird das Massensterben in Kauf genommen. Und aus Abschreckungszwecken. Derweil nimmt die Politik uns mit immer neuen Argumenten unser schlechtes Gewissen und entbindet uns jeder Verantwortung. Wie werden wir unser Verhalten der nächsten Generation erklären?

Eigenes Unbehagen als Stilmittel

«Die Schutzbefohlenen» ist ein Kunstwerk von Menschen, die das alles nicht mehr aushalten. Aber sie wissen auch, wie heikel es ist, wenn weisse, satte Autoren, Schauspieler und Regisseure dieses Elend im Theater verhandeln. Wie macht man das, ohne Flüchtlinge zu bevormunden und ohne sich lächerlich zu machen? Stemann begegnet seinem Unbehagen, indem er es auf der Bühne mitthematisiert. Und indem er auf Kritik reagiert und sein Werk mit der Zeit verändert. So kommen neben den Profischauspielern nun auch die echten Flüchtlinge auf der Bühne immer mehr zu Wort, als Chor und in kurzen Einzelauftritten an der Rampe – bei der Uraufführung war ihre Rolle noch viel passiver. Trotzdem ist diese Unentschlossenheit und die Vermischung möglicher Ansätze auch eine Schwäche des Stücks.

«Wir sind die Arschlöcher, weil wir nichts tun», sagt ein älterer Herr nach der Vorstellung. Ins Theater gehen und klatschen reiche nicht. Auch nicht die danach angebotenen Tischgespräche mit Flüchtlingen. «Wir grossen Kulturnationen haben Afrika lang genug ausgebeutet. Jetzt wenden wir uns ab und lassen Menschen ertrinken.» Die Politik müsse Steuergelder anders lenken – und wir müssten sie dazu bringen. An seinem Jackett haftet ein bunter Davidstern-Pin. Wer ist er? «Ich bin nur ein Mensch, der Augen im Kopf hat.»

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