Theater Basel
«Grosse Oper über eine Aussenseiterin ohne Platz in der Männer-Welt»

Der Regisseur Christof Loy inszeniert Richard Strauss’ «Daphne» und erklärt, weshalb die Oper ein Meisterwerk ist.

Christian Flur
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Daphne-Probe: Verloren mitten im Sauf- und Huren-Gelage. Monika Rittershaus

Daphne-Probe: Verloren mitten im Sauf- und Huren-Gelage. Monika Rittershaus

Richard Strauss’ Spätwerk «Daphne», die bukolische Tragödie in einem Aufzug von 1938, führt ein Schattendasein. Die Oper wird in der Musikwelt gerne mal nonchalant als minderwertig bezeichnet. Dies auch deshalb, weil das Libretto von Joseph Gregor weder mit früheren Operntexten von Hugo von Hofmannsthal noch mit jenen von Stephan Zweig mithalten kann. Regisseur Christof Loy, der am Theater Basel «Daphne» inszeniert (morgen ist Premiere), ist da konträrer Meinung. Er nennt die Oper, die auf der antiken Sage beruht, ein Meisterwerk, spricht von einer «grossen Oper über eine Aussenseiterin», für die kein Platz ist in der Männer-Welt und die unter einer abgrundtiefen Einsamkeit leidet. Früh schon habe er «Zuneigung für das Werk und für die Titelfigur empfunden, die sich fremd fühlt unter den Menschen», erzählt Loy im Gespräch. Natürlich wirke die latinisierte Sprache Gregors etwas schwerfällig, da müsse man Übertragungsarbeit leisten.

Christof Loy aber rühmt uneingeschränkt Richard Strauss’ Komposition – «eine durchgängig psychologische Musik, genau gearbeitet in verschiedenen Schichten. Damit arbeite ich gerne», sagt der Regisseur, der Strauss’ Opern liebt und sie gerne inszeniert.

In einer ländlichen Welt

Für den Regisseur zeigt sich in «Daphne» eine neue Seite des dem Leben zugewandten Komponisten: jene der Melancholie. Er sieht den Grund dafür in der Emigration, die Strauss 1938 mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewählt habe: den Rückzug in die bayrischen Alpen.

«Daphne», die Geschichte aus der antiken Mythologie, spielt denn auch in einer ländlichen Welt der Schäfer und Hirten. Daphne ist eine zurückgezogene junge Frau, die sich verschwistert sieht mit Bäumen und Pflanzen. Ihre Mitmenschen nimmt sie als zerstörerische Wesen wahr. Daphne weist auch den sie umschwärmenden jungen Liebhaber Leukippos zurück und will nicht am Fest des Dionysos mitfeiern, diesem «grossen Sauf- und Huren-Gelage», wie Loy es formuliert. Gott Apollo verguckt sich in Daphne, kommt – als Hirte verkleidet – zum Fest. Leukippos seinerseits umwirbt Daphne – verkleidet als Frau. Als seine Maskerade fällt, weckt er in Apollo heftige Eifersucht. Der Gott bringt ihn um – und erkennt, falsch gehandelt zu haben. Er nimmt Leukippos mit in den Olymp und verwandelt die trauernde Daphne in einen Baum.

Die ländliche Welt, die Strauss wohl vor Augen hatte, als er «Daphne» komponierte war die bayrische Alpenwelt, in die er sich selbst zurückzog. In sie wohl übertrug er die antike Dichtung. In dieser rüden, patriarchalischen Landgesellschaft lässt Loy seine «Daphne» spielen. Er holt sie in unsere Gegenwart, in die alpine Gesellschaft, die der in München lebende Regisseur bestens kennt.

Denn: «Mythen muss man immer wieder neu erzählen.» Für den Regisseur könnte jeder Bauernhof Ort dieser Geschichte sein. «Bereits die Griechen holten sich die Götter in ihre irdische Welt. In der Renaissance waren sie als Renaissance-Menschen gekleidet.» Und der Gott Apollo in Strauss’ Oper «stellt hier sogar sein Gott-Sein infrage», wenn er aus Eifersucht seinen menschlichen Nebenbuhler tötet. Apollo nähert sich als Mensch gar dem Tierischen an.

Wie der Apollo als Figur in «Daphne» etwas Metaphorisches hat, so ist auch die Alpenwelt auf der Bühne des Theaters Basel als Metapher zu lesen: für das Ländliche, für eine Gesellschaft, die mit Naturgewalten lebt und im Erntedankfest aufgestauten Trieben unkontrollierten Lauf lässt. «Hier werden die Naturgewalten bei den Menschen losgetreten.» Hier ist der Mensch nah am Tier – fern der «Qualitäten, die auf ein Göttliches hinweisen könnten».

«Eine Schwester der Salome»

Daphne ist in dieser Welt eine Fremde und stösst als Aussenseiterin auf völliges Unverständnis. Daphne, «die sich von den Männern nicht anfassen lässt», spricht zu den Bäumen, den Pflanzen. Ihr Verhältnis zu den Eltern, die in dieser ländlichen sozialen Struktur etabliert sind - die Gastgeber am Fest –, ist arg gestört. Zugleich sei in der jungen Frau eine Sehnsucht nach Sinnlichkeit, danach, in der Sonne zu verglühen, merkt Loy an. «Dies, obwohl sie Sexualität als etwas Schmutziges betrachtet.» Der Konflikt schwelt in ihr unauflösbar. Und darin deutet Loy Daphne auch als eine Schwester Salomes, der Tochter von Herodes, die den heiligen Jochanaan begehrt, ihn köpfen lässt, damit sie ihn endlich küssen kann.

Von der göttlichen Ausstrahlung Apollos fühlt sich Daphne angezogen. «Beide geraten in einen rauschhaften Zustand. Sie erfährt ihre eigene Sexualität und verschliesst sich dieser noch mehr.» Loy spricht von einem sexuellen Trauma, das auf ihr lastet und wohl auf einen früheren Missbrauch zurückgeht. Dies könnte der Grund sein, dass Daphne in «gefährlicher Weise in ihre eigene menschliche Realität flieht». In der Inszenierung denkt er die Möglichkeit eines Missbrauchs mit, ohne ihn manifest zu machen. «Wir wissen einfach, dass Daphne in einer ausschliesslichen Männerwelt aufgewachsen ist. Der Chor am Dionysosfest ist ein reiner Männerchor», erklärt Loy. Daphnes Mutter ist ihr als einzige Frau genau so fremd wie all die Männer um sie herum. Die Verbindung von Trieb, Sexualität und Gewalt sei direkt fühlbar. «Aber die Vorgeschichte soll Rätsel bleiben.»

Das Ende in der Sprachlosigkeit

Die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum am Schluss ist alles andere als freiwillig. Für Loy wird die Frau in den Wahnsinn getrieben, in dem es keine Brücke mehr zur realen Umwelt gibt. «Sie endet im Stammeln, in der Sprachlosigkeit.» Im Schluss zeige sich wiederum deutlich Strauss’ Identifikation mit der tief verletzen Frau, die sich aus dem Leben heraus zieht in die Sprachlosigkeit.

Die Schönheit der Musik, die Strauss zu dieser Sprachlosigkeit komponiert habe, sei schlicht unerträglich – und zeige darin die immense Dimension der Tragik. Und darin zeige sich die grosse Kunst von Strauss’ Komposition, die uns so stark berührt.

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