Film
Gotthelf und das geordnete Chaos auf dem Filmset

Der Film «Gotthelfs ‹Besenbinder von Rychiswyl› und wie Franz Schnyder ihn verfilmte» auf dem Ballenberg, ist raffiniert gemacht. Aber machen Sie sich selbst ein Bild!

Rosmarie Mehlin
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So gehts auf einem Schweizer Filmset zu und her
8 Bilder
Der Film-Sponsor und Bürstenfabrikant mit seiner Tochter
Alles auf Anfang!
Die Schauspieler machen sich bereit für ihren nächsten Einsa
Der Kameramann mit seiner Crew bei den Dreharbeiten
Das Meitschi bei der Maskenbildnerin
Der Tonmeister bei seiner Arbeit am Filmset von Gotthelf
Die Dreharbeiten werden aufmerksam verfolgt

So gehts auf einem Schweizer Filmset zu und her

Aargauer Zeitung

E brönnti Creme im Magen, den Duft von frisch gemähtem Gras in der Nase, in den Ohren das Gackern von Hühnern: Über dem Rothorn jagen Wolken, während in der Idylle vom Freilichtmuseum zwischen Brienzwiler und Hofstetten eine Menschenschlange auf eine Tribüne zusteuert. Auf dem Ballenberg wird wieder Landschaftstheater gespielt.

Oper unter freiem Himmel, Musical, Theater, Spektakel – landauf, landab ist Freilichtkultur Trumpf. Auf dem Ballenberg ist es das seit 1991, an immer wieder anderen Schauplätzen innerhalb des Museums. Und mit ganz wenigen Ausnahmen sind die Spielorte jeweils weit gefasst, werden nicht nur Häuser, sondern wird die Landschaft – nomen est omen – zu einem wesentlichen Teil einer Aufführung.

Doppelspiel mit Gotthelf

Verschiedene zeitgenössische Autoren haben bis heute vereinzelt Stücke für den Ballenberg geschrieben oder Klassiker bearbeitet, unter anderem von Ibsen, Zuckmayer, C.F. Meier, Gottfried Keller sowie mehrfach von Jeremias Gotthelf, so auch diesmal: «Gotthelfs ‹Besenbinder von Rychiswyl› und wie Franz Schnyder ihn verfilmte» nennt der Aargauer Autor Paul Steinmann das Stück.

Wie der Titel verspricht, wird diesmal kein Gotthelf aufgeführt, jedenfalls nicht direkt. Vielmehr wird dessen 1851 geschriebene Erzählung verfilmt – vor den Augen und Ohren des Theaterpublikums. Ein Doppelspiel ists also, wird das Publikum doch gleichzeitig Zeuge von Dreharbeiten und von der Geschichte um Hansli, der sein Glück als Besenbinder macht.

Sie wollen das Kino erobern

Im Mittelpunkt der Filmarbeiten steht indes nicht Gotthelf, sondern ein tragisches Stück der wahren Biografie des bekannten Schweizer Regisseurs Franz Schnyder (1910–1993), dem 1941 mit «Gilberte Courgenay» der Durchbruch gelungen war und dessen Gotthelf-Verfilmungen ein Millionenpublikum begeistert hatten.

In dem aktuellen Stück nun schreibt man das Jahr 1974 und eine junge Generation von Schweizer Filmregisseuren wie Tanner und Goretta ist dabei, die Kinoleinwände zu erobern. Verbittert und gequält von Selbstzweifeln versucht Schnyder mit der Verfilmung vom «Besenbinder von Rychiswyl» an seine früheren Erfolge anzuknüpfen.

Verzweifelter Regisseur

Das ganze Filmteam leidet unter der Launenhaftigkeit und den cholerischen Ausbrüchen des Regisseurs; das Theaterpublikum ist Zeuge. Gleichzeitig erlebt es die liebenswerte Geschichte vom vaterlosen Hans, der auf Rat seines Gönners und Erziehers Besenbinder wird, damit erfolgreich ist, eine zwar nicht schöne, aber «gschaffige» und liebe Frau findet und schliesslich als gemachter Mann dasteht. Das Chaos am Set, Schnyders Verzweiflung und das finale finanzielle Desaster seines Projektes bildet dazu einen harten und eindrücklichen Kontrast.

Als Zuschauer wird man also ständig hin- und hergerissen zwischen 1974 und 1851, zwischen Hektik, Chaos und Intrigen «hinter den Kulissen» und dem beschaulich-gemächlichen Leben in Rychiswyl, zwischen Hans im Glück und Franz im Elend. Autor Steinmann und das Landschaftstheater Ballenberg führen das Publikum damit in ungewohnte Gefilde.

Doch der Besuch von «Gotthelfs ‹Besenbinder von Rychiswyl› und wie Franz Schnyder ihn verfilmte» ist ein vergnügliches und vielseitiges Erlebnis: Das Stück vermittelt ebenso witzige, wie bittere Einblicke in die Arbeit und Psyche von Filmern und Schauspielern, wie es dem Zuschauer ein wenig bekanntes kleines Werk von Gotthelf nahebringt. Autor Steinmann hat diese beiden Ebenen gekonnt, raffiniert und mit träfen Dialogen unter einen Hut gebracht.

Typen mit Charakter

Die Musik von Rafael Baier untermalt das Geschehen mitreissend: Melodien zwischen Volkslied, Walzer, Tango, Jazz sind unaufdringlich omnipräsent. Dem Schwyzer Regisseur Stefan Camenzind ist es ausgezeichnet gelungen, die beiden Handlungsebenen zu verknüpfen und die Intentionen des Autors umzusetzen.

Die Filmcrew, ebenso wie die Schauspieler und die Rollen, die sie im Film verkörpern, sind allesamt Typen mit viel Charakter und Profil. Dies ganz besonders auch, weil die so genannten Laien eine Bühnenpräsenz zeigen, von der sich gar so mancher Profi eine Scheibe abschneiden könnte. Und weil sämtliche Mitwirkenden – egal, ob grosse Rolle oder Statisterie, ja selbst zwei Gänse – die Funken mannigfaltiger Talente nur so stieben lassen und mit umwerfender Spiellust, Temperament, Feuereifer bei der Sache sind.