Starker Franken
Gibt es die Musikstars nun zum Schnäppchenpreis?

Die Auswirkungen des starken Frankens machen auch vor der Kulturindustrie nicht Halt. Die Institute stehen vor neuen Herausforderungen. Die Frage ist: Braucht es gar mehr Subventionen?

Christian Berzins
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Opernstars bald im Doppelpack? Anna Netrebko und Elina Garanca können in Zürich mehr als in München oder Salzburg verdienen.

Opernstars bald im Doppelpack? Anna Netrebko und Elina Garanca können in Zürich mehr als in München oder Salzburg verdienen.

Gabo/Deutsche Grammophon

Die Zahnpasta ist in Waldshut halb so teuer wie in Bad Zurzach und sogar die Schweizer Uhr ist in Weil billiger als in Basel. Aber welchen Einfluss hat der starke Franken auf Schweizer Kulturinstitute? Salopp gefragt: Sehen wir die Netrebkos, Barenboims und Pollinis bald noch zahlreicher auf Schweizer Bühnen? Profitieren jene Schweizer Veranstalter, die mit den Künstlern Euro-Verträge ausgehandelt haben? Oder verlieren Basel und Zürich nun Besucher, da eine Zürcher Opernkarte nun bisweilen mehr kostet als ein Parkettplatz an der Mailänder Scala?

Euro- oder Franken-Rechnung?

Als Schweizer Festival mit 80 bis 85 Prozent Besucheranteil aus der Schweiz zieht es Lucerne Festival vor, den Zahlungsverkehr primär in Schweizerfranken abzuwickeln. Das heisst, da alle Einnahmen in Schweizerfranken generiert werden, sollen idealerweise auch alle Ausgaben in Schweizerfranken erfolgen. «Mit unterschiedlichen Währungen bei Einnahmen und Ausgaben zu operieren, wäre Währungsspekulation, die wir nicht als unser Kerngeschäft erachten. Sollte in Ausnahmefällen der eine oder andere Künstler eine Bezahlung in Fremdwährung bevorzugen, so ist dies Bestandteil der branchenüblichen Vertragsverhandlungen», sagt Marketing-Leiter Helmut Bachmann.

Vorsichtig lässt Bachmann durchblicken, dass der starke Franken bei Gagenverhandlungen durchaus hilfreich sei, er meint aber auch, dass monetäre Gründe bei weitem nicht alleine ausschlaggebend sind, ob ein Künstler in Luzern auftrete oder nicht.

Die Konkurrenz in Gstaad nennt hingegen einen anderen Aspekt. Hier ist Geschäftsführer Christoph Müller froh, in Euro gewirtschaftet zu haben, da in Euro verhandelte Künstler plötzlich zwanzig Prozent günstiger seien. «Ich habe glücklicherweise einige grosse Projekte langfristig in Euro abgeschlossen für 2015.» Andererseits verliert sein Gstaad Festival Orchestra auf den bereits geplanten vier Ausland-Gastspielen im Sommer/Herbst 2015 wiederum zwanzig Prozent des budgetierten Gagen-Volumens.

Im Opernhaus Zürich gibt es zurzeit ein vorsichtiges Lächeln, wenn man über Gagen spricht. Kein Wunder: Die Topgage der Salzburger Festspiele liegt bei 13 000 Euro. Die Zürcher Topgage liegt bei etwa 18 000 Franken – inoffiziell noch höher. Singt ein Star sechs Vorstellungen, ergibt sich ein Unterschied von 30 000 Franken. Finanzchef Christian Berner sagt, dass die Gagen in der Regel in Franken bezahlt werden, womit es für ausländische Künstler attraktiver wird, in Zürich zu arbeiten. «Hier resultiert sicher ein gewisser Wettbewerbsvorteil für uns, um besonders gefragte Künstler engagieren zu können.» Kommt hinzu, dass das Opernhaus ein Teil der Bühnenbilder und Kostüme im Ausland anfertigt, was erneut Ersparnisse mit sich bringt.

Negativ ist der teure Franken hingegen aber für die prestigeträchtigen Zürcher Operngastspiele, weil diese in der Regel in Fremdwährung bezahlt werden, das Opernhaus aber Kosten in Schweizerfranken hat. «Es wird somit noch schwieriger werden, Gastspiele finanziert zu bekommen», so Berner.

Beim Thema Gastspiele beginnt auch der Basler Christoph Müller richtig zu klagen – und das in seiner Rolle als Konzertmanager des Kammerorchesters Basel (KOB). Er spricht von einem grossen Minus in der Rechnung: «Gagenerträge aus Gastkonzerten stellen etwa 75 Prozent des KOB-Umsatzes dar und davon kommt der grösste Teil aus dem Euro-Raum – in Euro. Als Privatorchester ist es für das KOB ein grosser Schicksalsschlag, nun plötzlich zwanzig Prozent höhere Gagen am Markt verlangen zu müssen. Das gibt der Konzertveranstalter-Markt schlicht nicht her.» Kurzfristig bedeutet es für das KOB für die bereits durchgeplante und mit 1 zu 1.23 budgetierte Saison 2015/2016 ca. 240 000 Franken weniger Einnahmen durch Gagen, und von jetzt bis Ende Saison 2014/2015 auch bereits ein Minus von 80 000 Franken. Mittelfristig, Saison 2016/2017 und folgende, müsste man das Orchester für zwanzig Prozent höhere Gagen verkaufen, was unrealistisch ist.

Es stellt sich für das KOB daher die Frage, wie man den Ausfall für 2015/2016 ersetzen kann. Müller nennt zwei Möglichkeiten: Entweder sagt man bereits geplante Konzertprojekte ab oder man überlegt sich, wie die Finanzierung des Orchesters anders gestaltet werden kann, damit es dennoch am Markt eine Chance hat. Da müssten dann allerdings Sponsoren und Mäzene helfen – oder eben die öffentliche Hand, mit Subventionen für eine Überbrückung. Berechtigt? Das KOB gilt immerhin als aktivstes Schweizer Orchester im Ausland mit jährlich ca. 50 bis 60 Gastkonzerten.

Wie reagieren die Besucher?

Sorgen machen Müller, nun wieder als Menuhin-Festival-Chef, auch die ausländischen Gäste – erfreulicherweise sind das in Gstaad vierzig Prozent. «Hier wird sich zeigen, wie empfindlich der Markt spielt, ob dieses Publikum bereit ist, zwanzig Prozent mehr auszugeben, um in Gstaad dabei zu sein.» Auch in Luzern lässt sich die Entwicklung der Ticketnachfrage aus dem Ausland noch nicht abschätzen, derzeit liegen keine Stornierungen vor, allerdings beginnt der umsatzmässig bedeutendste freie Verkauf erst am 2. März. «Grundsätzlich ist sicherlich zu erwarten, dass die Wechselkursänderungen sich in der einen oder anderen Art und Weise nicht unbedingt verkaufsfördernd auswirken. Wir unterliegen da ähnlichen Strömungen wie der Premium-Tourismus in der Region Luzern», sagt der Marketingleiter Bachmann.

Im Opernhaus Zürich rechnet man damit, dass man den neuen Kurs an der Billettkasse spüren wird, auch wenn die Kunden aus dem Euro-Raum in der Grössenordnung von fünf Prozent liegen. Im Theater Basel hat man im Moment keine Besuchereinbrüche in Zusammenhang mit dem Eurokurs. Erstaunlich: Trotz unmittelbarer Grenznähe kommen bloss sieben Prozent der Besucher aus dem Ausland.

Gewinner und Verlierer

Halten sich Plus und Minus die Wage? Für die festen Häuser dürfte eher ein Gewinn herausschauen – für Festivals wie Verbier und Gstaad, die internationaler agieren und auf Touristen angewiesen sind, eher ein Minus. Und wer als Schweizer Institution in Euro-Ländern gastiert, muss massive Einbussen hinnehmen. Ob es deswegen zusätzliche Subventionen geben wird?

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