Debatte
Giacobbo/Müller – wollt ihr eigentlich ewig senden?

Den einen hängts langsam an, den anderen längst zum Hals heraus; wieder andere betrachten das Format als gewohntes, ja geliebtes Stück Sahnetorte am Sonntagabend: «Giacobbo/Müller» im Schweizer Fernsehen. Weiter beissen oder abstellen?

Max Dohner und David Egger
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Mike Müller und Victor Giacobbo.

Mike Müller und Victor Giacobbo.

Keystone

Giacobbo/Müller polarisiert: Die einen lieben es, die anderen schalten um beziehungsweise ab.

Höchste Zeit, der Sonntagabend-Satiresendung ein Pro&Kontra zu widmen.

PRO: Als Turnerabend-Clowns sind sie unschlagbar – bis auf einen

«Giacobbo/Müller» kommt verlässlich aus dem Häuschen und kräht sein bewährtes Programm. Das Duo ist unsere Satire-Kuckucksuhr, sagt Autor Max Dohner.

«Giacobbo/Müller» kommt verlässlich aus dem Häuschen und kräht sein bewährtes Programm. Das Duo ist unsere Satire-Kuckucksuhr, sagt Autor Max Dohner.

Nordwestschweiz

Nur einen Fehler habe er begangen, singt Bob Dylan im Lied «Mississippi»: «Ich bin einen Tag zu lang geblieben.» Einen Tag zu lang – denn am Vorabend erschöpfte sich die Gunst der Angebeteten. Zu spät hat der Barde es bemerkt.

Nun kennt die Schweiz keinen Strom wie den Mississippi. Im Vergleich dazu nur Bäche. Auch bei der Halbwertszeit von Gefühlen gilt Anderes: Hiesige Zuwendung ist verlässlich. Sie sackt nicht gleich ab um die Hälfte, nicht mal am Sonntagabend. Geht also «Giacobbo/Müller» nicht den Bach runter? Obwohl die beiden auch schon zu lang drin stecken?

Was geht am Fernsehen denn nicht den Bach runter? Da ist der Kampf um Dauer besonders zäh – oder umgekehrt: Da verplätschert die Zugkraft einer Sache meist doppelt so rasch wie in anderen medialen Gewässern. Weil Fernsehen ein seichter Sumpf sei, wird oft behauptet, und ein Morast.
Auch Morast spräche nicht gegen die kurze Flatulenz von TV-Ware; immerhin halten Moorleichen Hunderte von Jahren. Wenn alles weiterläuft wie bisher, erreicht «Giacobbo/Müller» spielend dieses Saftalter. Die zwei scheint die Aussicht nicht zu grausen, irgendwann als Beispiel für «legendäre TV-Momente» herhalten zu müssen. Auf gleicher Schiene mit den «Teletubbies». Auf dem Podest helvetischer Satire: vor «Söll emoll choo!», aber hinter Dölf Ogis Tannli-Rede am Lötschberg-Tunnel. Diese Stand-up-Comedy bleibt unser Gipfel in den Alpen.

Auch «Giacobbo/Müller» ist zum Dauerbrenner geworden. Der Brenner stottert und flackert. Die zwei sind nicht immer im Bild, wie sie die vorliegenden Pyros schmeissen sollen. Es sind Amateure an der Trickkiste, wie wir selber. Das erklärt die jeweils verlässliche Kumpanei zwischen Saalpublikum und Komikern auf der Bühne. Niemand orientiert sich hierzulande an Strömen, nur an Bächen. Jeder kriegt dafür einen Gartenzwerg-und-Maikäfer-Bonus. «Giacobbo/Müller» zündet verlässlich mal einen Kracher, mal ein Chäpsli. Mal gut getimt wie im Grind des Zürcher Böögg, mal verspätet wie auf dem Sechseläutenplatz beim Bräteln. Das unsichere Händchen beweist: Die zwei meinen es nun wirklich nicht böse.

Das ist der kuschelige Reiz, ihnen zuzuschauen: Giacobbos/Müllers Zitterspiel tradiert das geliebte zeitlose Muster von Conférenciers am Turnerabend.

KONTRA: Satire ist ein Freipass – nur nutzt ihn beim SRF niemand

«Giacobbo/Müller» ist das Langweiligste, seit Mike Müller dick ist. Wir brauchen eine neue und richtig böse Satiresendung. Oder gar keine, sagt David Egger, az-Stagiaire

«Giacobbo/Müller» ist das Langweiligste, seit Mike Müller dick ist. Wir brauchen eine neue und richtig böse Satiresendung. Oder gar keine, sagt David Egger, az-Stagiaire

AZ

Auch sieben Jahre nach ihrer Premiere witzeln Viktor Giacobbo und Mike Müller noch darüber, dass der eine fett ist und der andere Ohren wie ein Elefant hat. Genauso gutmütig wie Elefanten moderieren Dick und Doof denn auch durch die Sendung. Als Beispiel die harmlosen Gespräche mit den Politikern: Sesselkleber interviewen Sesselkleber und suhlen sich ohne Biss im Schenkelklopferhumor – fehlt eigentlich nur noch ein Herrgöttli, um am Schluss anständig darauf anzustossen.

Besser wäre es, die Politiker gnadenlos satirisch ins Kreuzverhör zu nehmen. Dafür sind Satiriker da: Um ohne Rücksicht auf Verluste ganz böse zu unterhalten. Vorbilder in Sachen Bosheit sind zum Beispiel Roger Schawinski und Andreas Thiel. Und wie echte politische Satire mit Biss funktioniert, die in unterhaltender Form auf Missstände hinweist, können sich Giacobbo und Müller bei Oliver Welke von der deutschen «Heute-Show» abschauen. Die Show nutzt den Freipass der Satire und ist lustig bis zum Umfallen.

Bei Giacobbo und Müller lassen hingegen die Gäste regelmässig die Spannungskurve absacken. Ursus und Nadeschkin haben wir schon genug oft gesehen, die entlocken nur noch den Fans gesitteten Bratwurst-Humors ein schallendes Lachen.

Doch auch ich muss eines zugeben: Die Sketches mit Diktator Kim, die sind schon noch glatt – und lassen uns die Tragödie im gleichgeschalteten Nordkorea nicht vergessen. Doch der allmächtige dicke Giel kommt viel zu selten, dieses Jahr zum Beispiel erst einmal. Die Frage drängt sich auf: Kennen Giacobbo und Müller überhaupt ihre Stärken? Die Antwort steht in Gitarrist Dani Zieglers Gesicht geschrieben: eine böse Miene zum schlechten Spiel.

Der Tiefpunkt in der Sendung sind die Witzeleien zwischen den Sketches. Letztes Beispiel: Lustig wäre es, so Giacobbo, wenn man für Initiativen 237 567 Unterschriften sammeln müsste. Hihihi, auf solche Witze kommen schon Teenies im Staatskunde-Unterricht.

Darum, liebes SRF: Bitte setzt «Giacobbo/Müller» ab und macht den Sendeplatz frei für eine richtig gute Satiresendung. Unter den 6000 SRG-Angestellten gibt es sicher Jüngere, die sich dafür eignen. Und wenn nicht: Lasst es bitte sein!

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