Theater
Festspielpreis für eine Archäologin der vergänglichen Dinge

Anna Viebrock gehört zu den bekanntesten Bühnenbildnerinnen unserer Zeit – nun wird sie geehrt.

Susanna Petrin
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Gross und detailreich: Anna Viebrocks Basler Bühnenbild für Offenbachs Oper «La Grande-Duchesse de Gérolstein», inszeniert von Marthaler.Tanja Dorendorf

Gross und detailreich: Anna Viebrocks Basler Bühnenbild für Offenbachs Oper «La Grande-Duchesse de Gérolstein», inszeniert von Marthaler.Tanja Dorendorf

Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Bevor auch nur ein Wort fällt, bevor irgendetwas geschieht: Es ist schon da. Es prägt die Atmosphäre, gibt die Stimmung vor; birgt alte Geschichten und lässt die Zukunft erahnen. Es ist das zu Hause jeder Theaterfigur, die Heimat von Millionen von Fiktionen und Personen, täglich weltweit immer wieder neu, seit etwa 2500 Jahren. Das Bühnenbild.

Wenn die Gegenwart eine Vergangenheit ohne Zukunft ist, dann ist die Bühne wahrscheinlich von Anna Viebrock. Ihr besonderer Stil hat sich Theatergängern seit über 30 Jahren derart eingeprägt, dass sie sich an realen Orten in einem Bühnenbild Viebrocks wähnen können. Wer diesen Gedanken in einem alten Bahnhofssaal oder einer gammligen Hotellobby ausspricht, der dürfte gerade in Basel verstanden werden. Hier hat Anna Viebrock lange gewirkt, inspiriert von echten Orten – vom badischen Bahnhof oder dem Naturhistorischen Museum; Christoph Marthalers Stücke sind ohne Viebrocks Ausstattungen kaum denkbar, Jossi Wielers ebenso wenig. Mit diesen beiden Regisseuren verstehe sie sich «ohne grosse Worte», geniesse Vertrauen, viel Freiraum.

Nun wird die 63-jährige Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Regisseurin für ihre Arbeit geehrt: Sie erhält den mit 50 000 Franken dotierten Zürcher Festspielpreis. Es ist bei weitem nicht ihre erste Auszeichnung: Vierzehnmal wurde Anna Viebrock bereits zur «Bühnenbildnerin» und «Kostümbildnerin» des Jahres ernannt; 2013 erhielt sie den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis, den wichtigsten für ihre Sparte.

Notbremse auf sieben Meter Höhe

Festspiele Zürich

Gestern Abend haben die Festspiele Zürich begonnen. Sie dauern bis zum 12. Juli. Das diesjährige Motto lautet: «Geld Macht Liebe – Shakespeare und andere Gewalten». Jedes Jahr werden besondere Theaterpersönlichkeiten mit dem Festspielpreis geehrt. Dieses Mal erhält ihn die Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Regisseurin Anna Viebrock (63), die auch lange am Theater Basel gearbeitet hat. Die Preisverleihung findet morgen Sonntag um 20 Uhr im Schiffbau in der Montagehalle statt. (spe)

All das und viel mehr sind Bausteine für Viebrocks Bilder. Sie findet sie auf der Strasse, in Brockenstuben, in heruntergekommenen Grand Hotels. Sie habe so etwas wie «ein archäologisches Interesse an dem sichtbaren Vergehen der Dinge» schreibt sie im Katalog zu ihrer eigenen Ausstellung von 2011 im Schweizerischen Architekturmuseum (SAM) in Basel.

Und stets ist da eine Überhöhung, etwas zu viel Realität; Surrealität. Ein Lift, der nirgendwo hinführt, eine Treppe, auf der die Menschen nur abwärtsgehen, eine Notbremse, angebracht auf sieben Metern Höhe. Es ist schade um die Menschen!

Wenn eine Architektin so baute, bekäme sie Ärger. «Als Bühnenbildnerin habe ich viel mehr Freiheiten als in der Architektur. Was ich mir ausgedacht habe, wird gebaut», sagt Anna Viebrock. «Ich finde es total wichtig, dass es diese Parallelwelt gibt, dass eine Gegenwelt erfunden werden kann!»

Augen öffnen für scheinbar Wüstes

Doch jede Gegenwelt, die sie baut, wird nach einer Weile wieder abgebaut. Manchmal sei sie «traurig, dass die Sachen weggeschmissen werden.» Dann wiederum habe sie es gern, «wenn die Erinnerung in den Leuten Glücksgefühle hervorruft», oder wenn ein Bühnenbild ihnen «die Augen öffnen kann für Dinge, die sie vorher nicht geschätzt haben.»

Wir erreichen Anna Viebrock via Telefon in Wien. Dort unterrichtet sie an der Akademie der bildenden Künste Studierende des Fachs Bühnengestaltung. Was lehrt sie diese? «Es ist ein Beruf, der unheimlich vielfältig ist. Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Theatergeschichte, Modellbau, Dramaturgie, Stücke lesen, Material suchen» – all das gehöre dazu. «Handwerkliches Können und gesellschaftliches Denken» kommen zusammen. Dank und mit den Studenten bleibe sie an neuen Möglichkeiten dran, an Videos, an elektronischen Installationen.

Viebrock berät die Expo 2027

Sie komme «aus einem theaterinteressierten Haushalt», ging schon als Jugendliche in Frankfurt am Main oft ins Theater, ziemlich zielstrebig wählte sie als junge Frau die Studienrichtung Bühnenbild. «Was auch mit einer gewissen Schüchternheit zu tun hatte, denn da kann man «aus dem Hintergrund agieren». Ab 2002 führte sie zudem öfter selbst Regie – die Leute seien bei ihren Abenden verunsichert gewesen, «ob das Stücke oder inszenierte Bilder» seien. Doch genau diese Uneindeutigkeit fand sie daran interessant.

Eindeutige Nutzungen, neue Räume findet sie dagegen eher langweilig. Deshalb baue sie gern Räume, «die scheinbar schon mehrfach verschieden genutzt wurden». Sie zitiert im Katalog des SAM William Faulkner: «Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen.» Anna Viebrock ist Beraterin für die Expo 2027.