Architektur
Fernweh nach Innovation

Schweizer Architekten exportieren nicht mehr nur. Sie erfinden sich selbst und ihre Baukunst in der Ferne neu

Delphine Conzelmann
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Architekturausstellung Inland/Ausland
6 Bilder
Shepherdess Walk Housing, London, von Jaccaud Zein Architekt.
Vitrine von HHF
Modell des Gebäudes "Topographie über den Terror" in Berlin von Peter Zumthor (nicht realisiert)
Vitrine von Herzog und De Meuron
Extension of the Center for the Disabled (CHK) Kaya, Burkina Faso, von NOMOS

Architekturausstellung Inland/Ausland

Roland Schmid

«Swiss Made»: Die Schweiz als Marke ist schon längst nicht mehr nur für Uhren oder Schokolade bekannt. Pioniere der Schweizer Architektur, wie Bernard Tschumi und Mario Botta, haben auch die Schweizer Architektur zu einer beliebten Exportware gemacht. Ein scharfer Blick für Details, ein hoher Qualitätsstandard und grosse Verlässlichkeit: Der Ruf, der jüngeren Schweizer Architekten im Ausland vorauseilt, könnte besser nicht sein. Was diese suchen, ist aber nicht eine Bühne, um ihre helvetische Baukunst zu präsentieren, sondern ein Labor für Experimente, die so in der Schweiz nicht realisierbar wären. In seiner aktuellen Ausstellung hat das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) am Steinenberg in Basel Architekturbüros porträtiert, deren Erfindergeist sie ins Ausland gelockt hat.

Der Sprung über die Landesgrenzen ist meist mit einer grossen Portion Fernweh verbunden, sagt Andreas Ruby, Leiter des SAM: «Die aktuelle Situation in der Schweiz macht Projekte im Ausland keineswegs zwingend. Wer die Risiken trotzdem eingehen will, hat meist einen driftigen Grund dafür». Denn die Erwartungen und Wissensfundamente, die in der Heimat gelegt wurden, müssen im Ausland oft über Bord geworfen werden.

Mehr Freiheit in der Ferne

Besonders deutlich wird das bei Projekten, die architektonische Innovation mit Entwicklungsarbeit kombinieren. Architekten, die Projekte in einer ressourcenknappen Region entwickeln, müssen angesichts ganz praktischer Probleme andere Arbeitsweisen entwickeln. Wenn die entworfenen Pläne auf der Baustelle in Madagaskar nicht gelesen werden können? Dann muss erst eine neue Zeichnungsart entwickelt werden. Was, wenn die zu bauende Kapelle in Haiti vier Stunden vom nächsten Bahnhof entfernt ist, und nur zu Fuss erreichbar? Dann muss leichtes Blech für die Konstruktion verwendet werden, statt dem geplanten Beton. Not macht erfinderisch. Gerade weil die Umstände im Ausland aus einer Schweizer Perspektive, die sich reibungslose Prozesse gewohnt ist, oft Schwierigkeiten mit sich bringen, ist die Ferne für die Auslandsarchitekten ein Biotop kreativer Ideen.

Darunter sind auch Konzeptionen, die die Architekten gerne in der Schweiz verwirklichen würden. Oft halten sie ihr Heimatland aber noch zu konservativ, und nutzen lieber erst die Metropolen dieser Welt, um sich an zukunftsweisender Architektur zu probieren. So bot der Mangel an günstigem Wohnraum und die Platzknappheit in London dem Architekturbüro E2A die entscheidende Inspiration für ihr Hochhausprojekt «High-Rise»: Ein Rohbau soll entstehen, der es den Wohnungskäufern freistellt, in einem minimalistischen Loft zu wohnen, oder in einen teureren Ausbau zu investieren.

Flexibilität muss sein

«Für viele Architekten ist das Bauen im Ausland eine Übung im Loslassen», sagt Viviane Ehrensberger, Kuratorin der Ausstellung im SAM. Andere administrative Wege, ein unberechenbares Klima oder schwierige politische Verhältnisse: Vieles liegt bei internationalen Projekten nicht in den Händen der Planer. Das kann gerade für die Schweizer eine grosse Herausforderung sein, erklärt Ruby: «Ein Materialfetisch und ein starker Fokus auf Details haben die Architektur der Schweiz lange geprägt». Wer in der Fremde darauf beharrt, beisst oft auf Granit. Eines der besten Beispiele dafür ist die «Topographie des Terrors» in Berlin, das ebenso berühmte, wie gescheiterte Projekt von Peter Zumthor. Seine Vision aus Sichtbeton überstieg das Budget der Stadt um Weites, doch weil der Stararchitekt von seinen Plänen nicht abweichen wollte, wurde der Bau eingestellt. «Das zeigt durchaus auch eine bewundernswerte Konsequenz», meint Ruby.

Dennoch grenzen sich gerade darin jüngere Architekturbüros von ihren Wegbereitern ab. Was die Export-Architektur der letzten Jahre deshalb über die Vielseitigkeit der Entwürfe hinaus auszeichnet, ist die Bereitwilligkeit, sich von den Begebenheiten vor Ort inspirieren, und unter Umständen auch umstimmen zu lassen. Für Architekten heute bietet das Arbeiten im Ausland nicht nur eine Möglichkeit, ihre eigene architektonische Sprache nach aussen zu tragen, sondern eine völlig neue Sprache zu erlernen. Wie bei einem klassischen Sprachaustausch stehen dabei oft persönliche Erlebnisse mit der unbekannten Kultur im Vordergrund. Jacques Herzog von Herzog und de Meuron sagt: «Im Ausland sind alle Erlebnisse intensiver». Nicht nur die visuellen Eindrücke, sondern auch die Gerüche und Geschmäcker. In der Fremde, spricht Herzog aus Erfahrung, können sogar kulinarische Genüsse zur Inspiration für Bauprojekte der Zukunft werden. Die Schweizer Architekten von heute haben auf jeden Fall Appetit auf Innovation.

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