Kunsthaus Zürich
Ernst Ludwig Kirchner: Stadt und Land im Erregungszustand

Das Kunsthaus Zürich präsentiert mit nur sechs Jahren seines Schaffens einen wenig bekannten Ernst Ludwig Kirchner. Die künstlerische Reise führt nach Berlin vor und während des Ersten Weltkriegs, auf die Ostsee-Insel Fehmarn und zuletzt in die Davoser Berge.

Isabel Zürcher
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Die in Berlin entstandenen Bilder, hier von 1913, sind häufig Zeugnisse eines Beobachters, der sich am Rand der bürgerlichen Gesellschaft bewegte.

Die in Berlin entstandenen Bilder, hier von 1913, sind häufig Zeugnisse eines Beobachters, der sich am Rand der bürgerlichen Gesellschaft bewegte.

Brücke-Museum, Berlin

Mit Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) lädt das Kunsthaus Zürich zu einer mächtigen Reise ein. Sie führt nach Berlin vor und während des Ersten Weltkriegs, auf die Ostsee-Insel Fehmarn und zuletzt in die Davoser Berge. Jeder Orts- und Klimawechsel bleibt in der mit rund 160 Exponaten äusserst reich bestückten Schau grundiert von Kirchners insistierender künstlerischer Suche.

«Unsere Idee war von Anfang an, den frühen Kirchner zu zeigen – den wilden, expressiven», formulierte Direktor Christoph Becker einleitend an der Pressekonferenz. Damit nähert sich das Kunsthaus dem Expressionisten so, wie die Schweiz «ihren» Kirchner bisher wenig kennt: Nicht die Berglandschaft steht im Vordergrund, sondern die sechs Jahre, die ab 1911 dem Umzug des damals 31-Jährigen von Dresden nach Berlin folgten.

Zürichs ambitionierte Ausstellung ist die erste, die, befreit von der Frage nach der Rehabilitation entarteter Kunst, so umfassend des Künstlers international gehütete Preziosen zusammenträgt.

Kirchner schaute, skizzierte, malte: wie die explosiv gewachsene Metropole die Bewegung von Strassenbahn und Passanten aufnimmt. Wie Schienen und Dämme Schneisen legen und die Architektur Richtung und Tempo von Gebärden rhythmisiert. Der junge Maler frequentierte Cafés, Variétés, den Zirkus. Er lud Tänzerinnen und Aktmodelle in sein Atelier, das er mit eigens entworfenen Möbeln, Stoffen und Objekten zu einem bewohnbaren Bühnenbild ausstaffiert hatte.

Kirchner sah, was Frauen unter sich und was Männer und Frauen miteinander zu tun haben. Er wusste, wo die Prostituierten flanierten, um nicht im Stillstand von der Polizei festgenommen zu werden. Haltlos wirkt vieles in seiner Umschau, immer wieder weist er die Stadt als Ort des stummen Begehrens aus. Tänzerinnen überschlagen sich in gebauschten Röcken. Spitze, schwarze Schuhe gleiten unter pelzbesetzten Mänteln über dem entflammten Gehsteig auf den Betrachter zu – distanzlos und unnahbar zugleich.

Kunst der Bewegung

Als «das Reinste, Schönste» seines Werks hat Kirchner selbst sein Zeichnen propagiert: «unbewusst und absichtslos, ein Spiegel der Empfindungen eines Menschen unserer Zeit». Als er solche Sätze 1920 seinem Pseudonym Louis de Marsalle in den Mund legte, hatte ihn die Zeit aufs Extremste herausgefordert.

Der Krieg liess einen von Angstzuständen geplagten, Schlafmittel- und Morphiumabhängigen Mann zurück. Auch aus seinem Schweizer Domizil hat Kirchner dem Papier und der Leinwand Bilder abgerungen. Wo schonende Lichtverhältnisse Nahsicht fordern, ist er – ein Höhepunkt der Ausstellung – in seinem expressionistischen Experiment der Grafik zu beobachten.

Skizzenbücher belegen sein anhaltendes Sammeln zufällig erhaschter Momente. Der Holzschnitt drängt seine Figuren am Potsdamer Platz noch enger zueinander, die Lithografie eines Musikrestaurants trägt einem ein Jahrhundert danach noch Schwaden von Rauch und Stimmen zu.

Nur scheinbar ruft der Titel «Grossstadtrausch – Naturidyll» einen Gegensatz auf. Denn wenn frühere Interpreten in den Fehmarn-Bildern Kirchners Flucht aus der verruchten Zivilisation erkannten, legt es die neue Ausstellung auf Konstanten an.

Ob Küste, Interieur oder Strassenschlucht: Ein Erregungszustand lenkt Kirchners Hand. Das Bild bleibt von der Hingabe beseelt, die Grenze zwischen Innen und Aussen aufzuheben. «Es erscheint mir immer das alte Ziel meiner Arbeit, die eigene Person ganz auflösen zu können in dem Empfinden der Umwelt, um dies in eine geschlossene malerische Form bringen zu können.»

Auf Fehmarn, wo er mit Erna Schilling 1912 bis 1914 die Sommer verbrachte, schien die Trennung zwischen persönlicher und künstlerischer Existenz vorübergehend aufgehoben. Die Liebe ist greifbar in den hier lichter gehängten Leinwänden. Wie die von Sonnenstrahlen umspielten Stämme beugen sich nackte Körper im Wald oder tanzen federnd am entfernten Strand.

Die expressive Aufruhr findet auf der touristisch noch kaum berührten Insel Anschluss ans mediterrane Licht von Paul Cézanne oder an Paul Gauguins Entspanntheit in der Südsee. Ernst Ludwig Kirchners Verstoss gegen die bürgerlichen Sitten haben der Kunst sein modernes Arkadien geschenkt.

«Grossstadtrausch – Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre»: Kunsthaus Zürich, bis 7. Mai.

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