Literatur
Erfolgsautorin über Ausgrenzung: «Der Blick zurück ist notwendig»

Autorin und Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji über den Ausgrenzungsdiskurs in der Schweiz.

Julia Stephan
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Melinda Nadj Abonji: «Wurzeln sind wichtig, wenn sie nicht mit den Begriffen Nation oder Staat verknüpft sind.» Peter Tillessen

Melinda Nadj Abonji: «Wurzeln sind wichtig, wenn sie nicht mit den Begriffen Nation oder Staat verknüpft sind.» Peter Tillessen

Melinda Nadj Abonji, als Ihr Roman «Tauben fliegen auf» über eine in der Schweiz lebende Einwandererfamilie aus dem Balkan 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewann, wurde er als «Migrationsroman» gefeiert. Stört Sie das?

Melinda Nadj Abonji: In gewisser Weise ja, denn es ist nicht nur ein Buch über Migration. Und ich habe diesen Begriff im Buch nie verwendet. Es stört mich, dass Migration nur noch als Problemfeld thematisiert wird und nicht als gesellschaftliche Normalität. Gerade deshalb finde ich es sehr schön, dass das Luzerner Theater die Geschichte jetzt so unaufgeregt auf die Bühne bringt.

Ihr Roman erschien 2010. Sieben Jahre später ist es stiller geworden um die Migranten vom Balkan.
Teilen Sie diesen Eindruck?

Auf der politischen oder der medialen Ebene ist nun die Religion, der Islam, in den Brennpunkt gerückt worden. Aber der Diskurs scheint mir ähnlich zu sein wie in den 1970ern über die Italiener und in den 1990ern über die Menschen vom Balkan. Es wird ein Ausgrenzungsdiskurs geführt: wir – die Anderen. Der Unterschied ist, dass das Feindbild Islam nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa und auch in Amerika bewirtschaftet wird.

Ging es Migranten in der Schweiz auch schon besser?

Um 1900 hat man über Zwangseinbürgerungen nachgedacht, da man befürchtete, die Zugewanderten würden sich sonst nicht integrieren. Gegenwärtig sind die Hürden für eine Einbürgerung enorm hoch; dass man überhaupt darüber abstimmt, ob Menschen der «dritten Generation» unter bestimmten Bedingungen eingebürgert werden sollen, ist für mich ein Hohn. Der Multimillionär Mikhail Khodorkovsky hingegen hatte keinerlei Probleme, innerhalb kürzester Zeit in der Schweiz Aufnahme zu finden.

Als Historikerin arbeiten Sie mit Quellen. Ärgert es Sie, dass Quellen heute zunehmend an Bedeutung verlieren?

Der Blick zurück ist notwendig, um die eigene Gegenwart besser zu verstehen. Beim Stöbern in Archiven lernt man, wie Sprache sich verändert. Für den Historiker und Sprachphilosophen Reinhart Koselleck sind Begriffe nicht nur mit Erfahrungen verknüpft, sie eröffnen auch einen Erwartungshorizont. Wer beispielsweise das Wort Demokratie braucht, knüpft an eine bestimmte Tradition an und erwartet gleichzeitig etwas ganz Spezifisches von diesem Begriff. Das kann zu sehr grundsätzlichen Problemen führen.

Sie meinen, dass der Demokratie-begriff heute auf ganz unterschiedliche Weise von Gruppen verwendet wird?

Heute wird regelrecht um den «richtigen» Demokratiebegriff gekämpft. Ein national definierter Demokratiebegriff ist mit einem Verständnis von Demokratie unvereinbar, das die Menschenrechte über alle nationalen Rechte stellt. In der schweizerischen Verfassung, die als wesentlicher Ausdruck der Demokratie gilt, wird die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz garantiert. Gleichwohl haben wir über eine Gesetzesvorlage abgestimmt, die genau diese Rechte infrage gestellt hat. Die Demokratie scheint doch nicht für alle zu gelten.

Wird in der Kunst nicht genauso
beliebig mit Begriffen hantiert wie in der Politik?

In der Literatur geht es darum, zu differenzieren, feinfühliger und genauer zu werden, Wörter zu beleben und wiederzubeleben. Beispielsweise das Wort «flüchtigen», das ich im Grimmschen Wörterbuch entdeckt habe und «in die Flucht schlagen» heisst. Die Wiederbelebung dieses Wortes bedeutet, eine neue Perspektive in der ganzen Flucht-Thematik zu beleuchten.

Sie kamen – wie Ihre Romanfiguren – in den 1970er-Jahren als Angehörige einer ungarischen Minderheit des ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Wie wichtig sind Wurzeln für Sie?

Wurzeln sind wichtig, wenn sie nicht mit den Begriffen Nation oder Staat verknüpft sind. Jeder Mensch hat einen Schatz, den Schatz seiner Kindheit. Das bedeutet die Verbundenheit mit einzelnen Menschen, mit Stimmen, Gerüchen, mit bestimmten Lichtverhältnissen. Eine kleinräumige, feine Welt, die tief wurzelt und für jeden Menschen etwas anderes bedeutet.

Meine Familie kam 1990 in die Schweiz. In unserer ersten Zeit in einem kleinen Aargauer Dorf glaubte mein damals zweijähriger Bruder, die Schweiz höre hinter der Dorfgrenze auf.

In diesem Satz steckt eine Wahrheit, die ein Kleinkind noch empfindet. Als Erwachsene werden wir anfällig fürs «Grosse», für den «Überblick». Aber was ist denn dieses Gebilde namens Schweiz? Wie verhält sich die Willensnation mit ihren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zur Migration? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Willensnation zu ihren natürlichen Grenzen (dem Rhein, den Alpen)? Aber wie bereits gesagt: Abstrakte Begriffe, die bewusst schwammig gebraucht werden, taugen für die Politik, nicht für die Kunst. Oder nur dann, wenn deren ideologischer Gehalt entlarvt wird. Gleichwohl bleiben Politik und Kunst immer aufeinander bezogen.