Schaulager
Eine Zeitreise durch die Moderne ins Morgen

«Future Present – Die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung» ist eine Ausstellung der Superlative. Sie ist die bisher grösste im Schaulager.

Christian Fluri
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Robert Gobers Rauminstallation «Untitled» (1995–1997) im Schaulager. Das Sakrale des Raums wird hier gebrochen und doch ist das Werk von starker Poesie. Fotos: Roland Schmid

Robert Gobers Rauminstallation «Untitled» (1995–1997) im Schaulager. Das Sakrale des Raums wird hier gebrochen und doch ist das Werk von starker Poesie. Fotos: Roland Schmid

Roland Schmid

Andy Warhols Pop-Art-Porträts von Maja Sacher bilden das Tor zur Ausstellung «Future Present» – die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung im Schaulager in Münchenstein. Die Serie ist eine schöne Hommage an die Kunstsammlerin Maja Sacher, die 1933 im Andenken an ihren früh verstorbenen Mann Emanuel Hoffmann die Stiftung gegründet hat. Nach Warhols Serie führt die Ausstellung in labyrinthischer Weise durch die Sammlung, die seit mehr als 30 Jahren hier erstmals integral gezeigt wird. Wie im Labyrinth bietet jede Biegung, jeder Übergang von einem Raum in den nächsten Überraschungen. Hier gibt es aber keine Sackgassen. Jeder Weg führt von einer Kunstströmung zur anderen. Den Ariadnefaden haben Senior-Curator Heidi Naef und das Team des Schaulagers gelegt. Ihre Hängung macht die Zeitreise von der Moderne ins Morgen der Kunst nicht nur lehrreich, sondern vor allem zu einem visuellen, sinnlichen und intellektuellen Vergnügen.

Obergeschosse erstmals geöffnet

Eine besondere Überraschung ist die Öffnung der Obergeschosse. Hier sind grosse Installationen eingerichtet. Zu entdecken sind raumfüllende Werke von Paul Chan, Steve McQueen (beiden waren Ausstellungen gewidmet), die unheimliche Videoarbeit «Dervish» von Gary Hill oder «Cremaster Circle» von Mathew Barney, das immense sinnliche Panoptikum einer hochzivilisierten, sich selbst inszenierenden und doch zerrissenen Gesellschaft. Oder «Diese plötzliche Übersicht» von Peter Fischli und David Weiss, die Ansammlung von kleinsten poetischen, abstrusen, hintergründigen Geschichten – gefertigt aus ungebranntem Ton. Die 14 Installationen sind in wechselnder Abfolge gruppenweise zugänglich.

Die Ausstellung mit 300 Werken der Sammlung (insgesamt sind es mehr als 1000) ist die bisher grösste im Schaulager. Sie zeigt, mit wie viel Klugheit und Wissen hier Kunst erworben wird. Drei starke Frauen – Maja Sacher, ihre Tochter Vera Oeri und ihre Enkelin Maja Oeri, die heutige Präsidentin – haben die Sammlung mit einem Blick auf die Gegenwart und im Geist, der die Zukunft, aber auch die Vergangenheit mitdenkt, aufgebaut und entwickelt.

Zu erfahren ist hier auch, dass berühmte Werke, die tagtäglich im Kunstmuseum Basel zu bewundern sind, der Emanuel Hoffmann-Stiftung gehören: zum Beispiel Salvador Dalís brennende Garaffe mit der Frau im Vordergrund, deren Bein und Brust aus Schubladen besteht (1936/37), eine Ikone des Surrealismus. Die Sammlung macht wichtige Kunst der Öffentlichkeit zugänglich.

Der Weg durch die Moderne

Der erste Raum im Erdgeschoss ist dem Grundstock der Sammlung gewidmet, den flämischen Expressionisten, die Emanuel und Maja Hoffmann während ihrer Jahre in Brüssel von 1925 bis 1930 gekauft haben. Der Weg führt in die frühe Moderne mit Kubismus, Dadaismus, Surrealismus und Abstraktion. Auffallend das starke Ensemble von fünf Max-Ernst-Werken. Der Vogel als ein Wesen des Unbewussten erscheint in vier Varianten. In der Mitte prangt wie ein Riesenauge der Sonnenkreis: «La roue du soleil» (1926).

Verwandtschaften, Differenzen, Entwicklungen in der klassischen Moderne werden aufgezeigt. Der Weg führt weiter zur Konzeptkunst, die neue Felder ergründete. Richard Longs «Stone
Line» von 1977, das Feld grauer Steine, entfaltet hier im grossen Raum seine ganze Kraft. Ein Raum gehört Joseph Beuys, auch er einer, der die Kunst revolutionierte. Man begegnet Zeichnungen und verstörenden Videoarbeiten von Bruce Nauman. Und Rémy Zauggs Werken, die dem Bild nicht mehr trauen, es radikal hinterfragen. Hin zur Gegenwart führt die Installation «Tisch» von Peter Fischli und David Weiss, die Ansammlung von Alltagsobjekten in einem Atelier. Aber nichts ist echt.

Fortschreiten im Heute

Das Untergeschoss gehört der Gegenwart. Es ist eine Begegnung mit neuen Medien, so mit Jeff Walls abgründigen Fotografien. Die dauernden Installationen, Robert Gobers sakraler Raum mit der von einem Industrierohr durchbohrten Madonna und den riesigen Ratten von Katharina Fritsch, sind perfekt in die Ausstellung eingebaut. Die starke Kunst von heute geht unter die Haut, rüttelt auf, macht die Inhumanität in unserer Zeit sichtbar – wie Gobers Cheminée mit Gebeinen. Cindy Shermans Fotografien leuchten ins Innere von gebrochenen Frauenseelen. Alexej Koschkarows Holzskulptur «Schtetl», die die jüdische Siedlung um einen Baumstamm mit eingeschlagenem Beil gruppiert, wirkt zuerst fast lieblich. Dann packt einen das Grauen. Katharina Fritschs orangener Oktopus erwürgt einen kleinen Taucher, der sich ins Ungewisse des Meeres traute. Fritschs Arbeiten stehen auch für eine vertrackte Poesie der Gegenwartskunst.

Man findet aus dem Schauen fast nicht heraus. Dennoch kann man sich danach Werke im öffentlichen Raum Basels anschauen. So wird Dieter Roths Atelier mit der Schokoladenhasen-Skulptur für Führungen geöffnet.

Die grandiose, riesige Ausstellung gibt umfassend Einblick in die enorme Bedeutung der Sammlung – lange nicht nur für Basel.

Future Present Schaulager, Münchenstein, bis 31. Januar. Mit einem Eintritt kann man dreimal in die Ausstellung. www.schaulager.org