Schaulager
Eine Entdeckungsreise durch die Ausstellung führt in eine grandiose Welt

Das Schaulager bei Basel widmet dem vielseitigen Künstler Paul Chan eine Ausstellung. «Selected Works» stellt Chan dort aus. Von utopischen bis poetischen Arbeiten ist alles anzutrefffen. Und man wird in eine andere Welt entführt.

Christian Fluri
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Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel. Tablet 3, 2014
13 Bilder
Paul Chan stellt im Schaulager aus
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Master Argument, 2013
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel.
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Sade for Sade's sake, 2009
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: The Argument, Athens, 2012-2013
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Volumes, 2012
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Font Table 1, 2013
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Untitled (bike for Waiting for Godot), 2007
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Happiness (finally) after 35'000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier), 2000-2003
Paul Chan, der Künstler, stellt im Schaulager in Münchenstein aus.
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: My laws are my whores, 2008, und The Argument, illegal immigrants, 2013
Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel: Untitled (shopping cart for Waiting for Godot), 2007

Ausgewählte Objekte von Paul Chan im Schaulager in Basel. Tablet 3, 2014

Roland Schmid

Eine Steinplatte mit eingravierten Zeichen liegt auf dem Boden, teilweise mit Moos bewachsen. Daneben lehnt eine weitere Steinplatte an der Wand. Sind hier Computerzeichen oder alte, uns fremde Schriften in das grabsteinähnliche Gebilde eingeritzt? Ein Wort – das einzige – sticht ins Auge: «as nonuser». Ist das eine Reverenz an einen Nicht-Nutzer, an einen (Internet-)Verweigerer? Oder eine verschlüsselte Botschaft aus einer anderen Welt?

Die Installation «Tablet 3», die Paul Chan für die Ausstellung im Schaulager in Münchenstein kreierte, hat paradigmatischen Charakter für seine vielschichtige Kunst. Das Werk spannt einen zeitlichen Bogen vom Altertum bis zu unserer High-Tech-Gegenwart und verweist mit herrlicher Ironie darauf, dass sich archaische Welten in ihrer ganzen Ambivalenz ins Computer-Zeitalter eingenistet haben und Teil davon sind.

Das Moos symbolisiert den Zahn der Zeit, der die Welt verändert und zugleich Vergangenheit festhält. Chan spinnt in seinem Kunst-Denken und -Schaffen ein dichtes, aussen ausfransendes Geflecht von philosophischen und kunsthistorischen Bezügen, die auf die Antike zurückgehen und im Heute verortet sind.

Das Jenseits und das Diesseits

In den von den Kuratorinnen Heidi Naef und Isabel Friedli miteingerichteten Räumen des Schaulagers der Basler Laurenz-Stiftung baut Chan eine grandiose, eigene Welt. Diese bislang umfassendste und grösste Einzelausstellung des aus Hongkong stammenden New Yorker Künstlers lädt uns ein zu einer faszinierenden Entdeckungsreise durch seine hier in 24 Kapitel gegliederte Kunst-Welt. Chan geht virtuos und meisterlich mit traditionellen Techniken und neuen Medien um. Seine Kunst ist von enormer Vielfalt. Wir glauben, durch zehn Ausstellungen zu gehen.

Daniel Birnbaum, der Direktor des Moderna Museet Stockholm, der Chan für die Ausstellung künstlerisch berät, spricht von einer antiken Stadt, die Chan ins Schaulager hineingebaut habe. Im Erdgeschoss, in dem Chan ältere Werke aus den Jahren 2003 bis 2012 zeigt, befinde sich der jenseitige Teil der Welt, im Untergeschoss mit den neuen Arbeiten der diesseitige.

Im Erdgeschoss begegnen wir Werken, die sich mit Utopien auseinandersetzen – vor allem mit negativen. Wir wissen aber nicht, ob wir uns hier im Himmel oder nicht viel mehr in der Hölle befinden. Seine beiden auf Papier gedruckten Computerzeichnungen «Buildings as Monuments as Graves» zeigen einen Friedhof voller Denkmäler, die einen erschauern lassen, wenn man sie aus der Nähe im Detail anschaut. Ein Grabstein ist ein Pranger, aus dem ein gequälter Frauenkopf schaut. Auf einem anderen hebt ein Soldat aus Stein einen Frauenkörper, als würde er ihn wegwerfen. Ein Denkmal besteht aus Kanonenrohren, ein anderes ist ein Beinstummel.

Die digitale Videoarbeit «Happiness (Finally) After 35'000 Years of Civilization (After Henry Darger and Charles Fourier)» bewegt sich formal zwischen Comic, Manga und Film. Die harmlos scheinende Oberfläche trügt: Die Verwirklichung des Glücks ist das blanke Grauen. Eine menschenverachtende Welt, die nur Gewalt und Pornografie produziert.

Von dieser Hölle geraten wir in eine Welt berückender Poesie. In seinen digitalen Video-Installationen «Lights» sehen wir Gegenstände, Tiere und Menschen als Schattenfiguren durch den Raum schweben. Die Schwerkraft ist aufgehoben. Und wir wissen nicht, was oben, was unten ist. Aber auch dieser Kunst-Himmel ist ambivalent: Wohin fallen die Tiere, die Menschen? Lösen sie sich im Nichts auf? Alles ist im Fluss und in der Schwebe, entzieht sich unserer Begrifflichkeit. Selbst die Kunst löst sich auf – wie Caravaggios Stillleben in der Videoarbeit.

Wir gelangen in den Raum des Wartens auf Godot – des Wartens auf den Erlöser, der nie eintrifft. Hier inszeniert Chan die Objekte seines Beckett-Theaters, das er 2007 in überschwemmten und zerstörten Stadtteilen von New Orleans schuf. Die Form eines Kunst-Theaters ist neben seinen poetischen Texten und philosophischen Essays eine weitere Ebene, auf der sich Chan bewegt. Vielleicht ist er so etwas wie ein Universalkünstler der Gegenwart – es ist, als würde er damit selbst eine Zeitreise von der Antike über die Renaissance ins Heute machen. Für ihn sind die Publikationen mit seinen Texten, die die Laurenz-Stiftung herausgegeben hat, Teil der Ausstellung.

Koppelung und Abkoppelung

An einer das Erd- und Untergeschoss übergreifenden Wand hat Chan eine Installation mit seinen 1005 bemalten Buchumschlägen angebracht. Sie gleicht einem riesigen abstrakten Bild und ist eine grossartige Hommage an das Buch.

Im Untergeschoss verbindet er mit Stromkabel sich weit ausbreitende Netze von Schuhen – als stünden sie für die Menschen der urbanen Welt, zwischen denen unzählige Koppelungen und Abkoppelungen bestehen. Einige Verbindungen zu anderen Schuhen sind gekappt. Die Installation hat etwas Verstörendes – sind hier elektronische oder reale Fussabdrücke von Menschen eng vernetzt und an eine Kontrollinstanz angebunden? Chan ist ein versierter Semiotiker, der Zeichen setzt, sie umwendet, in die Schwebe bringt.

Er erzählt uns auch, wie aktuell in unserem diesseitigen Leben die perverse Welt ist, von der Marquis de Sade schrieb – er tut dies ebenso spielerisch wie radikal boshaft in der Videoinstallation «Sade for Sade’s sake» von 2009. Sexualität wird in diesem Schattenspiel kalt gelebt als Reigen von Macht und Unterdrückung, von Gier und Lust am Quälen. Der humane Fortschritt ist blosse Ideologie. Hier nähert er sich Nietzsche, dessen Schriften für seine Kunst zentral sind. Auch dies erfahren wir in der einzigartigen Ausstellung, wie sie nur im Schaulager möglich ist.

Infos zur Ausstellung:

«Paul Chan: Selceted Works» im Schaulager in Münchenstein vom 12. April bis zum 19. Oktober.

Es gibt dazu einen umfassenden Katalog.

Das Buch zur Ausstellung «Paul Chan: Selected Writings 200-2014», Laurenz Stiftung

Details finden Sie unter: www.schaulager.org

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