Neuerscheinung
Ein literarischer Einblick in den Alltag eines Geisshirten

«Geisshirt» ist das jüngste Werk des Laufentaler Autors und SP-Landrats Linard Candreia

Josia Jourdan*
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Die Illustration auf dem Buchdeckel

Die Illustration auf dem Buchdeckel

Wie lebte ein Geisshirt zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Bergdorf Stierva? Das erzählt das jüngste Werk von Linard Candreia, welches anhand einer unveröffentlichten Erzählung des verstorbenen Bündner Autodidakten Gion Antona Candreia-Friberg (1902–1980) geschrieben und veröffentlicht worden ist. Linard Candreia, Landrat und Progymnasiumlehrer aus Laufen, hat sich dafür eingesetzt, dass das Buch in drei Sprachen erscheinen konnte: im Italienischen von Gian Andrea Walther und auf Deutsch und Romanisch von Linard Candreia selbst. Die Illustrationen stammen vom ebenfalls bereits verstorbenen Zeichner Ludwig Demarmels. Das macht diese Biografie einzigartig und zu einem wahren Schmuckstück der Literatur.

Der Geisshirt von G. A. Candreia-Friberg, Linard Candreia und Gian Andrea Walther. Herausgegeben vom regionalen Sprachverein für Mittelbünden, Uniun Rumantscha Grischun Central, 2016. 23.50 Franken.

Ein Geben und Nehmen

Die Biografie erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Gion Antona, welcher aus seinem facettenreichen Alltag als Geisshirt berichtet. Er nimmt den Leser mit in die hohen Berge, lässt ihn seine Emotionen spüren und versetzt ihn mitten in die Handlung. Während des Lesens begegnet man nicht nur frechen Geisslein, man bekommt auch einen Einblick in das soziale Leben eines Bergdorfes zu Beginn des 20. Jahrhunderts während des Ersten Weltkriegs. Es war ein faires Geben und Nehmen. Ein Geisshirt brauchte zu dieser Zeit die Unterstützung der Bauern und Sennen, genauso wie diese seine Dienste als Hirt benötigten.

Dieser Einblick gefällt durch seine authentische Art und schafft es, wenigstens etwas Spannung auf den wenigen Seiten aufzubauen. Denn der grosse Spannungsbogen bleibt im gesamten Buch leider aus. Das Buch schafft es nicht, genug Handlung zu erzählen. Noch mehr Eindrücke aus dem Leben des jungen Geisshirten wären wünschenswert gewesen. Als Leser erhält man nicht genügend Zeit, sich mit den einzelnen Charakteren zu befassen.

Alpines Leben

Hingegen überzeugt das Buch durch seine Individualität und schöne Illustrationen, welche einen feinen Einblick ins Bergleben geben. Wer jedoch mit einem unterhaltsamen Buch mit vielen Höhen und Tiefen rechnet, wird enttäuscht. Obwohl die sprachliche Schilderung angenehm, sehr flüssig zu lesen und authentisch erzählt ist, kann das Buch einen Anspruch nicht erfüllen: mir als Leser lange und unterhaltsame Lesestunden zu bereiten. Wer sich also für alpine Literatur und kurze, aber eindrückliche Autobiografien interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Anderen kann ich den «Geisshirt» nur mit halbem Herzen empfehlen.

Der Rezensent

Josia Jourdan

Josia Jourdan (14) lebt in Muttenz und besucht zurzeit die 8. Klasse des Progymnasiums im Schulhaus Gründen. Seine grossen Leidenschaften sind das Lesen von Büchern und das Betreiben eines literarischen Blogs. Mehrmals im Monat bespricht er neue Bücher, schreibt Kurzgeschichten und äussert sich zu Themen in der Buchwelt. Auch in den Sozialen Medien ist er präsent und hat schon über 1200 Follower auf Instagram und Twitter.

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