4. Schweizer Theatertreffen
Ein Konkordanz-Festival sucht sich selbst

Es wird noch eine Weile dauern, bis das Veranstaltungsformat ein festes Publikum findet.

Julia Stephan
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Theater Marie: Herwig Ursin, Silke Geertz, Ingo Ospelt und Marianne Hamre im Stück «Zersplittert» von Alexandra Badea. Alexandra Lampater

Theater Marie: Herwig Ursin, Silke Geertz, Ingo Ospelt und Marianne Hamre im Stück «Zersplittert» von Alexandra Badea. Alexandra Lampater

Migration, global erweiterte Blickwinkel und schweizerische Abschottungsmentalität – die Auswahl der acht besten Stücke des Jahres am vierten Schweizer Theatertreffen war inhaltlich erstaunlich homogen. Das in Partnerschaft mit dem Bundesamt für Kultur ausgetragene Theatertreffen in Lugano hatte seine Auswahl wie gewohnt streng nach dem Konkordanzprinzip getroffen. Zu sehen waren Tessiner, Westschweizer und Deutschschweizer Produktionen, darunter auch das aargauische Theater Marie mit dem Projekt «Zersplittert». Über 200 Stücke waren evaluiert worden.

Gastgeber des jedes Jahr in einer anderen Sprachregion stattfindenden Theatertreffens war nach Winterthur und Genf dieses Jahr das Tessin, wo man das Thema Migration hautnah erleben konnte. Zum einen am Polizeiaufgebot an den grenznahen Bahnhöfen, oder auch ganz konkret als Zuschauer. Weil die Zahl der Theaterhäuser in Lugano nicht ausreichte, um alle Inszenierungen zu zeigen, transferierte man die Zuschauer mit Shuttlebussen in vier Theater in Chiasso, Lugano und Bellinzona.

Kleingeist versus Freigeist

Dass eine der interessantesten Inszenierungen des Jahres, Simon Stones am Theater Basel aktualisierte, zum Berliner Theatertreffen geladene Inszenierung von Tschechows «Drei Schwestern» aus technischen Gründen nicht gezeigt werden konnte, war bedauerlich; dass sie im Programmheft nur im Vorwort erwähnt ist, sorgte für Irritationen.

Freuen durfte man sich über Milo Raus feinfühlige Inszenierung «Empire». Im Stück erzählen Profischauspieler mit Migrationshintergrund in einer Küche ihren Weg nach und durch Europa. Persönliche Schicksale verzahnten sich hier mit europäischer Kulturgeschichte.

Die Luzerner Co-Produktion kam vom Kleintheater. Max Merkers und Matthias Schochs virtuoser Abend über den Humor der Marx Brothers («Before I speak I have something to say»), hob sich dank spielerischem Ansatz wohltuend vom Rest ab.

Zum Auftakt am Mittwochabend war im neuen Tessiner Kulturflaggschiff Lac (Lugano Arte e Cultura) der in Graubünden geborenen Schauspielerin Ursina Lardi der Grand Prix Theater 2017/Hans-Reinhart-Ring überreicht worden.

Ein Podium zum Thema postmigrantisches Theater machte am Samstag offenbar, wie wenig Freigeist und wie viel Kleingeist sich im nach aussen hin traditionell offen und durchlässig gebenden Theaterbetrieb manchmal verbirgt. Dass die Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, kurzfristig ihre Teilnahme absagte, war der etwas lustlos geführten Debatte nicht unbedingt förderlich. Die Tochter einer türkischen Gastarbeiterin hatte den Begriff des «postmigrantischen Theaters» vor Jahren ins Leben gerufen. Sie fordert eine Theaterkultur, die einer durch Migration geprägten Gesellschaft gerecht wird, indem sie Menschen mit Migrationshintergrund am Theater zu Akteuren werden lässt.

Dass das nicht immer klappt, machte die in der Schweiz lebende kongolesische Schauspielerin Carine Kapinga am Podium in Lugano leidenschaftlich deutlich. Ohne «Bühnendeutsch» sei es ihr trotz Ausbildung versagt, an einem Stadttheater eine grosse Rolle zu spielen. Der designierte Schauspieldirektor des Konzert Theaters Bern, Cihan Inan, Sohn türkischer Gastarbeiter, ortet die Gründe im Kanondenken deutschsprachiger Bühnen und der damit einhergehenden sprachlichen Fixierung.

Nächste Station Zürich

Die Frage, ob die an manchen Theatern angestossenen Integrationsprojekte aufgrund verfügbarer Fördermittel stattfinden oder aus einem echten Bedürfnis heraus, blieb offen. Ebenso, ob das Schweizer Theatertreffen künftig sein Stammpublikum finden wird. Die bunten, aber allzu abstrakten Plakate des Theatertreffens gingen am Wochenende etwas unter in den Strassen voller flanierender Touristen. Das nächste Treffen soll in Zürich stattfinden.

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