Kaserne Basel

Ein Klangkünstler geht dahin wo es gefährlich wird

Dimitri de Perrot zeigt in der Kaserne Basel sein erstes Soloprojekt «Myousic». Damit betritt der Künstler neue Wege und geht an die Grenzen, was innerhalb des Theaters möglich ist.

Mathias Balzer
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Vom DJ, zum Theatermusiker, zum Klangkünstler: Dimitri de Perrot geht einen konsequenten Weg.

Vom DJ, zum Theatermusiker, zum Klangkünstler: Dimitri de Perrot geht einen konsequenten Weg.

Augustin Rebetez

Dimitri de Perrot öffnet die Türe zu seinem Arbeitsraum. Ein Zimmer in der Wohnung im Zürcher Stadtteil Hottingen. Der 41-jährige Klangkünstler lebt hier mit seiner Familie. Einzig ein Klavier markiert, dass in diesem Raum ein Klangkünstler arbeitet. Ansonsten Tische, ein Computer, Archivgestelle. Eher Künstleratelier als Tonstudio. Ein klassisches Instrument hat de Perrot nie gelernt. Noch während er das Kunstgymnasium in Zürich besuchte, machte er jenes Gerät zu seinem Ausdrucksmittel, das damals das Instrument der Stunde war: der Plattenspieler. «Das war in den Neunzigerjahren, als es noch viele Freiräume gab, prä-legale Zustände, eine wuchernde Stimmung überall», erklärt der Mann mit sanfter Stimme.
Schon als 15-Jähriger wurde de Perrot zum gefragten DJ, legte bald einmal in Clubs wie dem «Kaufleuten», dem «Extra», dem «Kreuz und Quer» auf. Er war kein Techno-DJ. «Ich wollte, dass die Leute zu Musik tanzen, von der sie das nie erwartet hätten», sagt er heute. Dazu verfeinerte er seine Technik so weit, dass beispielsweise Hip-Hop, Tom Waits und Edith Piaf in einem Track zueinanderfanden. Früh nahm er Computer zu Hilfe und erweiterte den Plattenspieler zu einem Instrument, das bald auch anderswo gefragt war.

Auf dem Gipfel des Erfolgs

1998 kam de Perrot zum Theater. Damit begann eine Ära, die viele Jahre andauern sollte. Mit dem Kollektiv Metzger/Zimmermann/de Perrot kreierte er drei Stücke: «Gopf», «Hoi» und «Janei» begeisterten mit ihrer Mischung aus Nouveau Cirque und spektakulären Bühneninstallationen von Beginn weg ein grosses Publikum. Zwischen 2005 bis 2011 entwarf er mit dem Artisten Martin Zimmermann fünf weitere Stücke. De Perrot als musikalischer Leiter und Regisseur, Zimmermann meist als prägende Figur auf der Bühne.

Die beiden eroberten die renommierten Theaterhäuser zwischen Paris und Sydney, New York und Barcelona. Ihre unabhängige Company wuchs zu einem Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und wurde zu einem veritablen Exportschlager der Schweizer Szene. Die Tourneen waren jeweils bereits vor der Premiere gebucht. Eine Erfolgsgeschichte, die ohne weiteres so hätte fortdauern können.

Die Befreiung

Doch Zimmermann und de Perrot haben sich auf dem Zenit des Erfolgs entschieden, vorläufig getrennte Wege zu gehen. Zimmermann hat vergangenes Jahr sein Solo «Hallo» herausgebracht. De Perrot tourt mit seinem ersten Soloprojekt «Myousic». «Eine Geschichte muss nicht unbedingt weiter gehen, weil sie erfolgreich ist», sagt der 41-Jährige. Eine Haltung, die man sich leisten können muss. Aber de Perrot sieht diesen Übergang als konsequenten Schritt auf seinem künstlerischen Weg.

Sich auf die Suche nach der ureigenen Stimme zu machen, sei keineswegs leicht gewesen: «Es entstand aus dem Wunsch, noch mehr zu verstehen. Ich wollte mich von den mir bekannten, eingeschliffenen Mustern befreien. Um weiter zu kommen, muss man dahin gehen, wo es gefährlich und unsicher ist.»

Der Klangkünstler stellte sich für den Neuanfang eine radikale Frage: Was ist eigentlich schon da, bevor eine Aufführung beginnt? Und wie viel muss der Künstler hinzufügen, damit im Kopf des Betrachters etwas in Gang kommt? «Es ging mir darum, eine Haltung zu finden gegenüber einer mit Tönen, Worten, Bildern überfüllten Welt», erklärt er.

Von der Bühne ins Museum

«Myousic», im Sommer 2016 in Luzern uraufgeführt und kommenden Dienstag in Basel zu sehen, geht an die Grenze dessen, was innerhalb des Theaters möglich ist. Das Publikum findet sich als Teil einer raumfüllenden Klanginstallation wieder. Konfrontiert mit einer zu Beginn leeren Bühne, auf welcher eine Kiste steht, sieht es sich mit seinen Erwartungen an die Aufführung alleine gelassen. De Perrot gelingt es jedoch, den Absturz in die Leere nur durch Klang, Licht und Atmosphäre zu verhindern.

Es ist, als ob man die Töne plötzlich sehen könnte, als seien sie zum Stellvertreter für den Schauspieler geworden. Erst spät in dieser magischen Theaterstunde wird der einzige menschliche Protagonist des Abends sichtbar: Der Schlagzeuger Julian Sartorius wird für intensive Minuten zum Klangperformer.

Mit «Myousic» hat de Perrot den Grundstein für seine Zukunft gelegt. Was wir zu hören bekommen, ist eine virtuos und verspielt in den Raum platzierte Collage aus Geräuschen und Klängen. Der Künstler sammelt solche intensiv und ausdauernd. Wie genau er sie zusammenbaut, will er gar nicht verraten. Das Material ist für ihn Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Aus den Assoziationen, die wir damit verbinden, baut er seine Klanggeschichten.

«Langsam kann ich die Idee dahinter schärfer fassen. Es geht mir darum, dass ein Besucher sich selbst sein Stück im Kopf zusammensetzen kann.» Um diese Idee konsequent zu testen, hat de Perrot den Aufführungsrahmen für seine Installationen mittlerweile erweitert. Er entzieht sich den Konventionen des Theaters und begibt sich in Kunsträume. Vergangenen März zeigte er im Tinguely Museum seine interaktive Soundinstallation «Strandgut und Blumen». Ihr zugrunde lag eine rund sechzigminütige Komposition, die mit der Umgebung des Museums interagierte und jederzeit betreten und verlassen werden konnte.

Weitere solche Arbeiten sind in Planung. Im November zeigt de Perrot am renommierten Festival Roma/Europa eine Installation im Instituto Svizzero. Thema ist die Migration. «Es wird ein gänzlich abgedunkelter Raum sein», verrät er. Eine Reflexion zum Topos der Irrfahrt und zur fortdauernden Suche des Menschen. «Ich interessiere mich für diese Momente, in denen ich die Orientierung verliere. Fehler machen, Stolpern, Zweifel und Irrwege haben mich immer schon weitergebracht.»

«Myousic»: Dimitri de Perrot, Julian Sartorius. Dienstag, 26. September, 20 Uhr. Kaserne Basel.