Ein Experiment
Bis der Wald zu sprechen beginnt

Unter dem Pseudonym H. D. Walden holt Linus Reichlin den Aussteigerroman des Kultautors H.D. Thoreau vom 19. ins 21. Jahrhundert.

Bernadette Conrad
Drucken
Teilen
Linus Reichlin Unter dem Pseudonym H. D. Walden.

Linus Reichlin Unter dem Pseudonym H. D. Walden.

David Biene/©www.david-biene.de

Mit der Entscheidung, sein aus Ich-Perspektive erzähltes Büchlein über die Selbst- und Naturerfahrung eines «Stadtmenschen im Wald» unter dem Pseudonym H. D. Walden zu veröffentlichen, stellt sich der Schweizer Autor Linus Reichlin in grosse Fussstapfen. 1854 war der Amerikaner H.D. Thoreau in «Walden, or Life in the Woods» auf über 500 Seiten um den zivilisationskritischen Grundgedanken gekreist, man könne doch auch «mit weniger zufrieden sein». Die zentrale Erfahrung, auf die er sich dabei bezog, war eine gut zwei Jahre währende Zeit von 1845 bis 47, die er in einer einfachen, selbst gezimmerten Blockhütte bei Concord, Massachusetts, verbracht hatte.

Es war ein Experiment, in dem es um innere Freiheit ging – als solches sah er diesen Versuch einer einfachen und unabhängigen Lebensweise an:

«Die meisten Menschen sind so sehr durch die unnatürlichen, überflüssigen, groben Arbeiten für das Leben in Anspruch genommen … (man) hat keine Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine.»

Erstaunliche Worte aus einer Zeit vor Marx und der Hochphase der Industrialisierung – gar nicht erstaunlich hingegen, dass Thoreau mit «Walden» eine enorme Popularität erreichte, die nicht aufhört; hat er doch eine menschliche Grundsehnsucht und einen Grundkonflikt beschrieben.

Reichlins Coronarückzug aus Berlin

Genau damit hantiert auch Linus Reichlins Ich-Erzähler im Ruppiner Wald. Auch ihm verschieben sich die Wertigkeiten. Ihn, der sich zu Coronazeiten in einen stillen Winkel im Ruppiner Wald im Norden von Berlin zurückgezogen hatte, hat etwas als ganzen Menschen ergriffen. Ihn hat die wilde Tierwelt gepackt, die sich um die einsam gelegene Hütte regt. Eine Welt, die ja meist leise und verborgen ist – völlig unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle und Aufmerksamkeit, die sich in der Regel auf menschliche Angelegenheiten richtet. Bis all diese Angelegenheiten einmal verstummen, weil sich einer auf Zeit von der Welt zurückzieht. Und dann lärmt das Tier im Dach plötzlich so laut, dass es mindestens eine dicke Ratte zu sein scheint. Aber nein, es ist nur eine Maus: die sich auch nicht verscheuchen lässt. Es ist die Freundin des Stadtmenschen und Besitzerin der Hütte, die ihn über die anderen Dimensionen von «laut» und «leise» aufklärt:

«Tiere klingen nachts doppelt so laut, wie sie gross sind … Meine Freundin sagte, die meisten im Ruppiner Waldgebiet lebenden Tiere sähen in ihrem kurzen Leben nie einen Menschen. Sie wissen nicht, wo sie uns einordnen sollen…»

Es hatte harmlos angefangen, – mit dem Versuch, Vogelarten unterscheiden zu lernen. Aber dann hatte sich Schupp ins Bild gedrängt. Schupp, der Waschbär, der meist gegen zwei Uhr morgens beobachtet werden konnte und bis unser Stadtmensch zu viel verlangte: Beziehung nämlich, die Erlaubnis, jenseits der Futtergabe das Fell zu streicheln – da beisst der Waschbär zu.

Wildgänse, ein überdimensional grosser Igel und der mysteriöse Schuss

Es ist mit ordentlich Selbstironie, dass der Stadtmensch nicht nur sich selbst vorführt, sondern auch die unserer Spezies eigene Art, alles, also auch die fremde, wilde Tierwelt, nach den eigenen menschlichen Kategorien zu lesen:

«… ich empfand den Biss eben doch als Vertrauensbruch … ich fühlte mich, als wäre ich aus der Hütte geschmissen, aus dem Wald verstossen worden.»

Der Wald, der ihm eine Welt geworden ist: Da sind auch die Rehe, der räudige Fuchs mit den «irren Augen». Da sind die Wildgänse und da ist der überdimensional grosse Igel, dem Schupp die Mehlwürmer streitig macht. Und da ist schliesslich der mysteriöse Schuss, der den Stadtmenschen dazu bringt, die Jägerin anzurufen.

Dass es irgendwann um den Stadtmenschen, der plötzlich der lebendigen Tierwelt um sich herum gewahr wird, geschehen ist, wird spätestens mit jener Antwort klar, die er der Försterin-Jägerin gab, als sie ihm die korrekte Bezeichnung für die Pfote eines Waschbären nannte. «Er hat Hände», sagte der Stadtmensch, und damit hat er sich verraten. Der Waschbär war ihm ein Mensch geworden. Ein richtiger Freund eben.

H.D. Walden: Ein Stadtmensch im Wald (Galiani).

Aktuelle Nachrichten