Musik
DJ Tatana nach Burnout: «Für mich ist es kein Comeback»

Lange war sie von der Bildfläche verschwunden. Nun spricht DJ Tatjana erstmals über ihr Bournout, das Comeback und die Veränderungen in der DJ- und Musikszene.

Stefan Künzli
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DJ Tatana

DJ Tatana

Keystone

Wie geht es Ihnen?

DJ Tatana: Danke der Nachfrage, es geht mir wieder wunderbar.

Was war passiert?

Ich war einfach erschöpft. 15 Jahre lang habe ich fast ununterbrochen gearbeitet – selbst in den Ferien. Ich konnte nie abschalten, weil meine Arbeit auch meine Leidenschaft war.

Hatten Sie Burnout?

Ich brauche dieses Wort nicht gern. Ich hatte damals, vor drei Jahren, eine Operation am Unterleib, ging aber schon ein paar Tage danach wieder an die Street Parade. Das war dann zu viel, ich war körperlich und psychisch am Anschlag und erlitt dann einen Zusammenbruch.

Waren Drogen im Spiel?

Nein, Drogen bringen einen nicht weiter. Mit Drogen wäre ich gar nicht so weit gekommen.

Haben Sie den verstorbenen DJ Energy gekannt?

Er war ein guter Freund, mit dem ich oft zusammengearbeitet habe. Sein Tod hat mich sehr beschäftigt.

Weiss man heute mehr über die Todesursache?

Ich weiss, dass er zwei Wochen zu-vor einen Töffunfall hatte und starke Medikamente nehmen musste. Vielleicht hat das mitgespielt.

Und sein Lebenswandel?

Er hat lange das Leben eines Stars gelebt. Sein Leben war Rock’n’Roll. In letzter Zeit aber nicht mehr, er ist viel ruhiger geworden. Schliesslich weiss nur Gott, weshalb er gehen musste. Ich glaube aber, dass es ihm jetzt gut geht.

Das DJ-Leben scheint aber sehr intensiv und anstrengend zu sein. Was haben Sie gegen Ihre Erschöpfung unternommen?

Der Psychiater verschrieb mir keine Medikamente. «Sie sind nur müde», lautete seine Diagnose. Ich ging in die Erholungsklinik in Mammern. Danach habe ich das gemacht, was in den Jahren zuvor zu kurz kam. Ich habe mein soziales Umfeld gepflegt, meine Familie, meinen Bruder, Freunde getroffen. Ich war viel in der Natur und habe mich einfach erholt.

Und jetzt das Comeback.

Für mich ist es kein Comeback. Ich habe zwar nicht mehr so intensiv gelebt, aber ich war nie ganz weg. Ich habe kein Album, aber doch drei Singles veröffentlicht, war viel im Ausland unterwegs und habe in der Mongolei, in Indien und Südkorea, Südamerika und den USA aufgelegt. Aber einfach nicht in der Schweiz und nicht mehr jedes Wochenende.

Aber ein Neuanfang ist es schon?

Ja, musikalisch und privat. Ich habe mein Leben neu geordnet und setze mir klare Grenzen und baue Erholungsphasen ein. Vor meiner Pause hatte ich mit meinem damaligen Partner eine eigene Plattenfirma. Das heisst: Ich habe mich immer selber unter Druck gesetzt. Heute bin ich bei Universal unter Vertrag. Das Label kann mir viel abnehmen.

Was ist musikalisch anders?

Der Tatana-Sound ist geblieben. Diese harmonischen, sphärischen Klangwolken sind mein Markenzeichen. Aber die Beats haben sich verändert. Ich habe Dub-Step- und House-Elemente mit meinen Sounds kombiniert. Dazu sind viele Sängerinnen und Sänger zu hören. Mein Album ist abwechslungsreich, hat aber einen roten Faden bewahrt. Die Tracks sind nicht nur für den Club bestimmt.

Sie gelten als die Queen of Trance. Ist «Heart» noch Trance?

Es ist Trance Jahrgang 2011. Ich gehe mit «Heart» einen ähnlichen Weg wie die führenden Trance-Kollegen Armin van Buuren oder Tiësto. Auch ihre Beats sind langsamer und housiger geworden, Trance entwickelt sich, das ist die Zukunft.

Was antworten Sie jenen, die sagen, dass Trance vorbei ist?

In den letzten zwei, drei Jahren ist House in der Schweiz sehr populär geworden. Ich orientiere mich aber daran, was international gespielt wird. Und da ist Trance nach wie vor führend. Drei der fünf erfolgreichsten DJs der Welt sind Trance-DJs. Solange die trancelastige Street Parade so erfolgreich ist, kann man nicht behaupten, Trance sei out.

Vor Ihrer Pause hatten Sie den Wunsch nach Familie und Kindern auf einem Bauernhof geäussert. Ist das immer noch aktuell?

Auf einem Bauernhof möchte ich immer noch leben. Den Familienwunsch habe ich aber zurückgestellt. Ich habe gemerkt, dass ich trotz meiner 35 Jahre noch nicht reif dazu bin. Ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin. Vielleicht bin ich ja etwas zurückgeblieben (lacht laut)... Ich fühle mich noch wie ein Kind.

Haben Sie einen Freund?

Das (zeigt auf das Album «Heart») ist meine aktuelle Liebe, meine Herzensangelegenheit, mein Herzbube. Meine Familie ist im Moment meine Beziehung. Und da gibts einen Freund, meinen allerbesten Freund, der mich im letzten Jahr psychisch stark unterstützt hat. Er hat mir geholfen, wieder zurück zur Musik zu finden.

Die Club-Szene ist schnelllebig. Kennt man Sie nach der dreijährigen Pause überhaupt noch?

Die Kids kennen mich immer noch. Das war für mich selber überraschend. Die Basis für den Neuanfang ist da.

Hat sich die Club-Szene verändert?

Zürich ist die Stadt der Clubs, doch es ist schwieriger geworden. Die Club-Kultur ist im Vergleich zu den 90er-Jahren, wo die Leute den Sound noch gelebt haben, rückläufig. Dafür geht es der Konzertbranche wieder besser. Immer mehr DJs geben Live-Konzerte.

Wie hat sich das DJing verändert?

Immer mehr DJs arbeiten mit Laptops und CDs. Ich habe aber immer noch meine Platten, neu auch CDs und mein Effekt-Filtergerät. Ich liebe es, den Sound greifen zu können.

Macht sich da ein Generationenkonflikt bemerkbar?

Ich glaube nicht. Ich bin immer noch ein Kindskopf. Aber ich habe das Analoge immer geliebt, das Altmodische. Ich habe es mit Laptops versucht, kann mich aber nicht damit anfreunden. Als DJ muss man ja nichts mehr machen. Für mich ists ein «Bschiss». Ich bin eine Old-School- DJane. Das habe ich wohl von meinem Vater geerbt. Er ist ein Oldtimer-Restaurateur.

Wie ist es, in dieser Szene älter zu werden?

Die erfolgreichsten DJs, Superstars wie David Guetta oder Tiësto, sind über 40. Ich glaube, es braucht auch in dieser Branche die Erfahrung,
den Fundus, um voll durchstarten zu können. Meine beste Zeit habe ich also noch vor mir.