Kunst
Dieter Meier erweist sich als begnadeter und hintersinniger Bastler

Das Aargauer Kunsthaus zeigt das unbekannte künstlerische Werk des bekannten Dieter Meier. Mit anarchistischen Strassen-Aktionen startete er, mit Fotografien inszenierte er selber und Plastilin knetet er heute.

Sabine Altorfer
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8 Bilder
Yello, Tied up, 1988
Studie zu Behind Flowers, 1976
Die Direktorin des Aargauer Kunsthauses Madeleine Schupplie rklärt Werke von Dieter Meier
Dieter Meier posiert vor einem "Yello"-Video im Aargauer Kunsthaus
Dieter Meier: "Accidental birth" Fotografie einer Knetfigur.
Aktion "This Man Will Not Shoot", 1971 in New York
Dieter Meie im Aargauer Kunsthaus

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Dieter Meier als Künstler. Auch das noch! Als Musiker, als Teil von Yello ist er weltbekannt, und auch als Bio-Weinbauer, Rinderfarmer und Beizer ist er regelmässig in den Schlagzeilen. Doch Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthauses, ist überzeugt: «Dieter Meier ist relevant für die Schweizer Kunstgeschichte.» Deshalb zeige sie das unbekannte künstlerische Werk des bekannten Dieter Meier. Und sie füllt mit der chronologisch angelegten Werkschau das weitläufige Parterre des Hauses.

Zwei Nebenbemerkungen sind hier angebracht. Erstens hat Dieter Meier um 1970 sein kreatives Leben als Künstler und Filmer gestartet. Und zweitens hat er neben all seinen anderen Tätigkeiten immer auch gekunstet, nur eben quasi für sich selbst. «Nach 1976 habe ich mich von all dem zurückgezogen, was ich ‹Kunstrennen› nenne.» Er hatte keine Lust, sich dem Urteil irgendwelcher Kunstpäpste auszuliefern, denn «die Dinge, die ich machte, waren mir existenziell nahe.»

In den Anfangszeiten waren diese Dinge absurde, erheiternde, nihilistische Strassen-Aktionen im Geiste der 68er, Experimentalfilme vom Feinsten und Fotoserien, die jedem Existenzialisten das Herz erwärmen.

Schon seine erste Aktion 1969 brachte den 1945 in Zürich geborenen Dieter Meier in die Schlagzeilen. Auf dem Platz vor dem Kunsthaus zählte er fünf Tage lang Metallstücke ab. Die «NZZ» machte ihn zum «bekannten Underground-Künstler», eine Episode, die Meier heute noch genüsslich erzählt. 1970 stellte er Menschen, die eine 30 Meter lange Strecke gingen, eine «Gang-Bestätigung» aus, das Publikum wunderte sich und das Fernsehen berichtete. Anderntags ging er im warmen schwarzen Mantel bei 30 Grad eine Stunde lang am Zürcher Bellevue zwanzig Meter hin und zurück.

Solche Aktionen sind absurd, sinnlos, einfach und doch genau dadurch auch hintersinnig. Das Attest fürs Gehen oder für den Verkauf von einem No oder Yes auf New Yorks Strassen für einen Dollar sind eine Persiflage auf alles Amtliche und ein Loblied auf das Unnütze.

Wie stellt man das aber aus? Mit Dokumenten und Fotos. Die teils riesigen Vergrösserungen wirken, schliesslich war Dieter Meier schon damals fotogen und wusste sich zu inszenieren. Kleinformatig, aber nicht minder attraktiv sind die eigentlichen Werke: Zeichnungen und serielle Fotoarbeiten. Bice Curiger liess er in «Behind Flowers» bedeutungsschwer unnütze Kunstdinge präsentieren, Papiere, die er in die Luft warf, wurden durch die Kamera zu «Flying Sculptures» (1976) – und er selber hüpfend zur Serie «Jumps». 1974 inszenierte sich der Künstler als 48 verschiedene Menschen, einige liess er gar mit sich selber altern und zeigt sie 2005 und 2012 erneut. «Ich bin aber kein Selbstdarsteller», betont Meier, «ich handle als Schauspieler.»

Dass er und sein Yello-Partner Boris Blank begnadete Darsteller sind, ist bekannt. Zehn der Yello-Videos – von «The Evening’s Young» (1981) bis zu «Tiger Dust» (2009) – werden in riesigen Projektionen gezeigt und machen so deutlich mehr Spass als in den Mini-Internet-Formaten. Man findet hier ähnliche Licht- und Schnitteffekte, ähnliche Perspektive-Wechsel wie in Meiers Experimentalfilmen. Für die Hintergrundprojektionen der Musikvideos filmte er beispielsweise glänzende Folien oder Pailletten auf rotierenden Tellern, «davor konnten wir unsere Tänzchen machen».

Doch nicht genug mit Aktions- und Konzeptkunst, mit Fotoarbeiten, Filmen. Auch Skulpturen macht Tausendsassa Dieter Meier – und erweist sich hier als ebenso begnadeter Bastler. Steinbildhauerei versuchte er allerdings nur kurz, und die «Lost Sculptures» aus Steinbrocken, Metallteilen und Salatblättern überlebten nur dank fotografischer Inszenierung. Ebenso die winzigen Figürchen aus Plastilin («Accidental Birth»). An ihnen knetet Dieter Meier so lange, «bis ein Gesicht entsteht, das mich anschaut, das mir etwas sagt.» Dann stellt er die daumenkleinen Gebilde vor die Makrokamera, leuchtet sie mit zwei Taschenlampen an, fotografiert – knetet und treibt die Geschichten weiter. Auch die Schweizer Kunstgeschichte? Seinen Platz darin hat er sich mit dieser Schau aber zweifellos schon mal gesichert.

Dieter Meier. In Conversation Aargauer Kunsthaus, bis 17. November. Vernissage: 6.9., 18 Uhr. Gespräche und Performances: www.aargauerkunsthaus.ch

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