Im Theater mit...

Dieter Kohler: «Ich verliebe mich oft in O-Töne»

Radiomacher Dieter Kohler besucht mit der bz «RadioMoos», ein Stück, das Radiomachen simuliert.

Susanna Petrin
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Kurz vor Stückbeginn.

Kurz vor Stückbeginn.

Kenneth Nars

Dieter Kohler, sind Sie in diesem Radio-Theaterstück nostalgisch geworden? Ist die Sehnsucht nach der guten alten analogen Radiozeit aufgekommen?

Dieter Kohler: Nostalgisch nicht. Ich musste immer wieder schmunzeln über die kindliche Freude der Schauspieler darüber, dass wenn man an einem Ort in ein Mikrofon spricht, die Stimme an einem anderen Ort aus einem Lautsprecher wieder herauskommt. Das ist letztlich der Ursprung dafür, dass ich zum Radio gegangen bin: dieses Faszinosum, dass der Mensch mit seinem Körper in ein Gerät spricht, sich dann die Töne vom Körper lösen und allein die Stimme bei anderen Menschen ankommt. Die müssen sich dann selbst vorstellen, was das für einer ist, der da spricht. Dafür gibt es die etwas abgenutzte Wendung von den Bildern zwischen den Ohren. Zu Hause am Radio zählt nur noch die Stimme: kein Augenaufschlag, kein Lächeln, nur die Stimme.

Man sagt immer, Radio sei so sinnlich. Ist das ein Klischee?

Nein. Radio ist das sinnlichste Medium. Es ist auch das entlarvendste Medium. Es ist geradezu intim, weil es wirklich viel von den Menschen preisgibt. Darum bin ich beim Radio geblieben. Was jemand sagt, ist ja nur die halbe Miete. Die andere Hälfte ist: Wie es jemand sagt. Gerade in der Politik. Wir arbeiten beim Regionaljournal mit O-Tönen. Ich verliebe mich oft in solche Töne, in die Art und Weise, wie jemand etwas sagt. Ich muss beim Schneiden eines Beitrags überlegen, wie ich die wichtigsten Aussagen darin einbette. Dabei höre ich häufig jemanden zehn mal dasselbe sagen. Manchmal finde ich einen Satz so interessant oder berührend oder schön, auch im Klang, dass ich richtig darin verliebt bin.

Zur Person: Dieter Kohler

Der Journalist Dieter Kohler ist seit 2009 Leiter der Regionalredaktion Basel/Baselland beim Schweizer Radio und Fernsehen, kurz «Regi» genannt. Dieter Kohler (Jg. 1961) studierte Geographie, Meteorologie, Soziologie und Jus in Basel. Bevor er die Leitung des Regis übernahm war er Kulturredaktor, Westschweizkorrespondent und Bundeshausredaktor bei SRF. Er ist zudem Autor des Buchs «La Welsch Music», das die lebendige Welschschweizer Musikszene portraitiert.

Hätten Sie nicht manchmal gern die Möglichkeit, die Bilder zu den Tönen zeigen?

In meiner Arbeit vermisse ich das überhaupt nicht. Aber abends schalte ich manchmal den Fernseher an, weil ich noch sehen möchte, wie ein überladenes Flüchtlingsboot tatsächlich aussieht. Oder ich möchte mal Angela Merkel mit ihrer Raute sehen. Ein richtig gutes Bild fesselt mich auch.

Aber Sie könnten sich nicht vorstellen, geradesogut bei einer Zeitung oder beim Fernsehen zu arbeiten?

Es ist ganz einfach: Ich kann besser reden, als schreiben. Ich habe mal ein Buch über die Westschweizer Musikszene geschrieben und dabei gelitten wie ein Hund. Ich habe mal Geografie studiert, noch etwas Soziologie und Jus. Ich war eine Zeit lang Basler Korrespondent der jungen Aargauer Zeitung. Aber ich wollte immer zum Radio, das stand nie zur Diskussion.

Woher kam dieser gewisse, starke Wunsch, zum Radio zu gehen?

Schon als Kind fand ich es fantastisch, wenn am Bahnhof jemand von der Decke sprach. Und ich klebte immer am Radio. Dazu habe ich eine Leidenschaft für Musik, spiele auch selber Handorgel. Ich mag es melodiös bis harmonisch. Auch bei den Menschen achte ich mich auf die Klangfarbe. Und dieses Stück, «RadioMoos», ist im Grunde über zwei Stunden lang nichts anderes als das Aufzeigen von Klangfarben, wie etwas tönt.

Im Stück fabrizieren drei Männer ein Hörspiel. Mir wurde bewusst: Radio kann im Grunde alles behaupten, alles Mögliche vortäuschen, erleben lassen. Darin ist das Radio dem Theater von allen Medien am nächsten.

Ich hatte eine andere Assoziation zur Parallele zwischen Radio und Theater: Beides bereitet man vor, beides ist ein Beruf, und beides findet live eins zu eins statt. Auch in der politischen Berichterstattung. Ich recherchiere einen ganzen Tag. Dann gehe ich um 17.30 Uhr drei Minuten live über den Sender. In diesen drei Minuten kann ich vermasseln, was ich den ganzen Tag erarbeitet habe. Wie in diesem Stück: Das dauerte zwei Stunden, war etwas zu lang, und nicht alles hat ganz gut funktioniert. Aber das macht es auch toll, lebendig. Dieser Live-Charakter hat mich sehr ans Radio erinnert.

Aber eigentlich könnte man behaupten, man habe nun im Studio einen Gast mit lila Haar vor sich, der auf einer malischen Flöte spielt. Dabei ist niemand da und man spielt ein Tonband ab. Man kann ganze Welten behaupten.

Ja, das könnte man. Bei diesem Stück war für mich der stärkste Moment, als einer der Schauspieler– es ging um die Wirkung des Tones – fragte: «Ist das eigentlich nicht gefährlich?» Aber Achtung: Ich bin News- und Polit-Journalist. Wir manipulieren nicht! Wir haben keine theatralische Freiheit, sondern journalistische Prinzipien. Wir informieren über Fakten und stellen Zusammenhänge dar. Persönliche Meinungen haben höchstens in einem Kommentar Platz. Zudem sind wird der SRG-Konzession verpflichtet; wir lassen immer alle Seiten zu Wort kommen. Aber je nachdem, welchen O-Ton man bringt – den, bei dem jemand weint oder den, bei dem jemand sich wieder gefasst hat –, sagt das etwas anderes aus. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.

Auch ohne die Leute zu manipulieren. kann man Töne, Musik und Geräusche sehr fantasievoll einsetzen. Nutzen Sie diesen Spielraum aus?

Die Wörter Newsjournalismus und Fantasie sind mir da zu nah beieinander. Wir arbeiten mit Tönen und Geräuschen, um etwa in ein Thema einzuführen. Aber ich will Fakten und Meinungen transportieren, so, wie jemand sie emotional rüberbringt. Sehr vieles läuft natürlich ganz anders bei uns als im Theaterstück: Da ruft ja zum Beispiel ein Hörer an, der Herr Schuler. Der hat eine super Stimme, einen ganz tollen Dialekt dazu. Beim zweiten Anruf beklagt er sich darüber, dass seine Stimme verwendet wurde. Für uns ist das ein No-Go. Wenn jemand sagt: Meine Stimme dürft ihr nicht brauchen, dann brauchen wir sie nicht. Man hat das Recht auf die eigene Stimme.

Was ist das Verrückteste, das Sie je am Radio ausprobiert haben?

Für mich ist das verrückteste, wenn man sich eine Sendung erlaubt, bei der möglichst wenig im Vornherein festgelegt ist. Mit dem Selbstvertrauen, dass einem dann schon die richtigen Kurven einfallen. So ist man offen dafür, sich reinzusaugen, was gerade um einen herum passiert. Wir haben eine Serie zum Thema Kantonsfusion gemacht. Da waren wir eine Woche draussen vor Ort. Täglich liessen wir uns überraschen.

Das ist auch riskant.

Bevor ich zum Regionaljournal kam, war ich Westschweiz-Korrespondent. Dort habe ich oft tagesaktuelle Ereignisse erlebt, zum Beispiel einen Streik, und wusste: Drei Minuten später bin ich auf dem Sender. Manchmal habe ich kurz vorher ein Interview gemacht mit einem tollen O-Ton, den ich unbedingt bringen wollte. Dann habe ich das noch schnell live während der Sendung geschnitten, schnell ein Kabel genommen und eingesteckt. Das mache ich wahnsinnig gerne. In diesen Momenten ist man aber patschnass. Man sollte das nicht jeden Tag machen.

Sie tun alles für die O-Töne?

Wenn ich am Senden bin und weiss: Ich habe ganz tolle Töne, die den Beitrag tragen, dann trete ich in den Hintergrund. Dann kommt meine Stimme zwei Töne runter, dann bin ich ruhig, dann ist das geschenkt. Ich kippe einen Schalter und höre den O-Tönen nochmals zu, während ich mich auf meinen nächsten Einsatz vorbereite. Ich bin voll bei diesen Klangfarben, konzentriere mich nicht nur auf den Inhalt.

Das heisst: Man hört alle Gefühle?

Ja.

Sind Ihnen auch schon Pannen passiert?

Ich kam, da war ich noch neu, einmal fünf Minuten zu spät mit meinem Beitrag. Da war die Sendung schon vorbei. Was ich vorher als Höhepunkt geschildert habe, live auf Adrenalin, ist natürlich absturzgefährdet. Da reicht ein falscher Knopfdruck. Und weil man weiss, dass man diesen Live-Auftritt jederzeit verhauen kann, steht man den ganzen Tag unter Spannung. Man überlegt sich den ganzen Tag: Versteht man das? Stimmt der Spannungsbogen? Ich bin in ständiger Vorbereitung für den Auftritt: Der kommt noch, man muss dranbleiben. Das ist speziell. Das kann auch an die Substanz gehen.

Auch nach 30 Jahren empfinden Sie noch so?

Ja, bei jedem roten Lämpchen. Jetzt muss es aufgehen! Und ich finde es immer noch toll. Aber natürlich wird es besser, gewinnt man an Vertrauen, schwankt die Stimme weniger.

Wie sieht das Radio der Zukunft aus, in etwa 20, 30 Jahren?

Ich weiss nicht einmal, wie es in drei Jahren aussieht – (leise) das gilt übrigens auch für die Zeitung. Es ist eine Beschleunigung im Gang, die fast beängstigend ist. Manchmal fragen wir bei Schulklassen-Führungen: Wer von euch hört Radio. Es gibt inzwischen Klassen, da streckt keiner mehr auf. Aber wenn wir nachfragen, merken wir schon, dass sie etwas von SRF auf Youtube gehört haben. Oder jemand hat unsere O-Töne zerstückelt und daraus ein Kunstwerk gemacht. Die gängige Antwort ist: Es werden immer Informationen aufbereitet werden müssen. Und ja, wir haben einen Online-Auftritt. Wir machen Podcasts. Vielleicht hören wir in fünf Jahren mit einem Gehirnimplantat Töne.

Serie

Im Theater mit

Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «Im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedenen Menschen und spricht darüber.

RadioMoos ist das neue Stück der drei Protagonisten der Kapelle Eidg. Moos, Ruedi Häusermann, Jan Ratschko und Herwig Ursin. Nächste Vorstellung: 7. Dezember,
20 Uhr, am Kurtheater Baden. Wir haben es in der Reithalle der Kaserne Basel gesehen.