Andi Zeisler

Diese Frau ist Feministin – aber so richtig – und sagt über #Metoo: «Ich kann es nicht glauben!»

Ein Gespräch mit der US-Feministin Andi Zeisler über #metoo, aufgehellte Achseln, Body Positivity und wieso ein «Feminist»-T-Shirt noch lange keine Feministin macht.

Naomi Gregoris
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Feminismus als selbstverständliche, alles durchdringende Grundhaltung: Andi Zeisler machts richtig.

Feminismus als selbstverständliche, alles durchdringende Grundhaltung: Andi Zeisler machts richtig.

Jeffery Walls

Andi Zeisler macht es richtig. Richtig heisst in diesem Fall: So, wie es andere nicht machen. Und es, das ist in diesem Fall der Feminismus. Genau, der. Der sich immer wieder erklären muss und anstrengend ist und ermüdend und desillusionierend. Der ruckzuck abgekanzelt wird: Feminismus? Nicht schon wieder!

Andi Zeisler macht daraus: Feminismus? Yes, schon wieder!

Die 44-jährige Amerikanerin setzt nämlich da an, wo sie alle kriegt: In der Populärkultur. In ihren Büchern und auf der Plattform «Bitch Media», die sie in den Neunzigern gründete, geht es um das Zusammenspiel von Aktivismus und Kommerz, um Judith Butler und Ariel Levy. Aber auch um das Frauenbild in der TV-Serie «Mad Men», um Beyoncé und Charlottesville, um Harry Potter und Rechte von Transfrauen. Sie sucht den Feminismus da, wo er hingehört: Hoch und tief, weit und breit, überall. Als selbstverständliche, alles durchdringende Grundhaltung.

Als kürzlich die Übergriffe von Filmproduzent Harvey Weinstein publik wurden und auf Twitter Frauen mit dem Hashtag #metoo reagierten, blieb die sonst so zackige Zeisler aber still. Was war da los?

Andi Zeisler, Sie haben keinen #metoo-Tweet verfasst. Wieso nicht?

Andi Zeisler: Ich glaube, ich hatte einfach genug. Ich weiss noch, wie ich gedacht habe: Ich kann nicht glauben, dass wir das schon wieder durchmachen müssen. Dass Frauen immer wieder traumatische, persönliche Geschichten erzählen müssen, um gehört zu werden. Das machte mich unglaublich wütend.

Ein paar Tage später warnten Sie in einem Artikel vor dem kommerziellen Aspekt der #metoo-Bewegung.

Kurz nachdem es auf Twitter losging, hat mir jemand einen Link zu einer Website geschickt, die Goldketten mit dem Schriftzug «#metoo» verkaufte. Das passiert immer wieder: INhalte aus feministischen Communities werden zu Geld gemacht. Ein weiteres Beispiel: Während der US-Wahlen hat Trump Hillary Clinton als «nasty woman» beschimpft. Binnen 24 Stunden wurde ein käufliches Produkt daraus: «Nasty Woman»-T-Shirts, Tassen, Sticker, you name it. Das ist das Problem: Dinge werden als Feminismus verkauft, haben aber nichts damit zu tun. Feminismus ist zum Trend geworden, zum Konsumobjekt. Diese Gefahr besteht auch bei #metoo.

Erreicht man so aber nicht auch ein Publikum, das sich eben gerade nicht in diesen feministischen Communities bewegt?

Klar, und das ist auch wichtig. Aber die eigentliche Frage lautet doch: Was passiert, wenn man eine politische Haltung in ein Label verwandelt? In eine Consumer Identity? Was geht dabei verloren? Und wie können wir den Blick aufs Wesentliche wieder herstellen? Im Sinne von: Ja, ihr könnt das kaufen. Aber es geht noch um viel mehr.

Mit einem Like oder Hashtag haben wir uns noch lange nicht politisch betätigt.

Das stimmt. Aber durch diesen Konsum-Moment werden Leute darauf aufmerksam. Dann geht es darum, ihr Verständnis zu erweitern: Worum geht es eigentlich? Was sagen meine Haltungen über mich aus? Wie kann ich sie hinterfragen, neu ausrichten, kritischer werden?

Sie sprechen in diesem Zusammenhang oft von «Loophole Women». Was verstehen Sie darunter?

Ariel Levy hat diesen Begriff geprägt. Es geht darum, dass du dich zu einem Teil des Patriarchats machst, indem du feministische Themen von dir wegweist. Ich habe zum Beispiel Freundinnen, die Comedy machen. In der Szene gilt es als cool, sich nicht über die frauenfeindlichen Sprüche der Männer aufzuregen, cool zu bleiben, gechillt. Sprich: Sich nicht darüber aufzuregen, dass dich Männer in ein Gender-Schema pressen. Dasselbe passiert jetzt mit den Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein und der Diskussion um Sexismus in Hollywood. All jene Schauspielerinnen, die sagen, sie wären nie anders behandelt worden, nur weil sie eine Frau sind, haben dieses Loophole-Verhalten angenommen: Sie haben verinnerlicht, dass sie sich mehr wie ihre männlichen Kollegen zu verhalten haben. Und weniger mit Frauen zu solidarisieren, die den Mund aufmachen.

Gleichzeitig wird unter Frauen der "Body Positivity"-Claim herumgereicht: Liebe deinen Körper, so wie er ist.

Dahinter steckt ursprünglich die Pflegelinie Dove. 2004 startete die Firma die "campaign for real beauty", in der es darum ging, unsere Definition von Schönheit zu hinterfragen und erweitern. Also weg vom Dünnen, Blonden, Blauäugigen, hin zu einem vielseitigeren Verständnis davon, was schön ist. Anfangs war das bahnbrechend. Sie reisten um die Welt, sprachen mit Frauen, brachten sich in feministische Diskussionen ein. Aber mit der Zeit bewegte sich die Kampagne von "lass uns unsere Schönheitsstandards ändern" zu "Choose Beautiful". Was bedeutet: Wenn du nicht denkst, du bist schön, ist das ein Problem und du musst es ändern.

Das ist das Problematische an der "Body Positivity": Es setzt voraus, dass du unter allen Umständen deinen Körper lieben musst und wenn du das nicht tust, hast du ein Problem. Was dazu führt, dass sich Frauen in ihren Körpern unwohl fühlen.

Und deshalb die richtigen Produkte benötigen.

Genau. Das passt in die Marketingstrategie von Dove. Schliesslich wollen sie ja Produkte verkaufen. Vor ein paar Jahren zum Beispiel brachten sie dieses Deo auf den Markt, das die Haut unter den Achseln aufhellte. Womit sich alle Frauen fragen: Moment mal, meine Achseln müssen hell sein? Und Dove sagt ja, das ist schön und du willst dich doch schön fühlen und hier hast du die Lösung für dein Problem.

Ist da eine Veränderung in Sicht? Mit der nächsten, bewussteren Generation?

Ich glaube schon. Also ich hoffe es. Es ist wichtig, solche kommerziell gesteuerte Haltungen immer wieder aufzudecken und zu hinterfragen. Dann können wir auch wirklich bewusster werden und was verändern.

Was ist mit den Männern? Nach #metoo haben viele mit #itwasme reagiert. Wächst jetzt eine Generation von Männern heran, die anders mit diesen Themen umgeht?

Auf jeden Fall. Wenn ich an Universitäten Vorträge halte, treffe ich vermehrt auf Männer, die von sich aus entschieden haben, da zu sein und sich einzubringen. In vielerlei Hinsicht geschieht das dank der heutigen Populärkultur: Die Männlichkeitsbilder, zum Beispiel in TV-Serien, sind erheblich vielseitiger als früher. Da ist nicht nur eine Art von Mann zu sehen, und auch nicht nur eine Art von Frau. So wachsen viele Männer mit einer geringeren Schwarz-Weiss-Haltung gegenüber Geschlechtern und Sexualität auf.

Sie sagen, Feminismus ist etwas, das man nicht konsumiert, sondern tut. Was können wir tun, um konstruktivere Feministinnen und Feministen zu sein?

Man muss reden: Über die unsichtbare Art und Weise, wie Diskriminierung gegenüber Frauen immer noch unser Leben bestimmt. Und damit meine ich das Leben aller. Nehmen wir Abtreibungspolitik: Die hat einen Einfluss auf das Bildungssystem, das Wirtschaftssystem, auf jede Gesellschaftsschicht. Und wurzelt in der Tatsache, dass Männer darüber bestimmen wollen, was Frauen mit ihren Körpern machen. Das hat alles miteinander zu tun. Und geht alle etwas an. Das muss man begreifen. Damit wäre schon viel getan.

Andi Zeisler diskutiert mit der britischen Feministin Laurie Penny: 27. Oktober, Ackermannshof Basel. 28. Oktober, Theater Neumarkt, Zürich.