Ballett
Die Verzweifelten im Nah-Tanz

«Object Present» zeigt zwei Choreografien von Itzik Galili und Hofesh Shechter – erstmals im Schauspielhaus.

Anja Wernicke
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Alle wollen an die Honigtöpfe des Kantons: Eine Choreografie am Theater Basel. Key

Alle wollen an die Honigtöpfe des Kantons: Eine Choreografie am Theater Basel. Key

Ismael Lorenzo

Es ist eine weitere Neuerung in der Ära Beck: Der Theaterdirektor hat nicht nur veranlasst, dass ab dieser Spielzeit endlich auch auf der grossen Bühne wieder Schauspiel gezeigt wird. Dank ihm ist auch erstmals das Ballett auf der Bühne im Schauspielhaus zu sehen. Politisch soll das die Durmischung der drei Sparten fördern. Praktisch kommt das Publikum den Tänzern dadurch so nah wie nie. Die Premiere des Ballettabends «Object Present» machte gleich die Vor- und Nachteile dieser neuen Praxis deutlich.

Fliessende Bewegungen

In letzter Minute wurde die Reihenfolge der beiden bestehenden Choreografien, die vom Ballett Theater Basel einstudiert wurden, noch einmal umgestellt. Zum Glück. «Romance Inverse» von Itzik Galili zu Beginn ist dominiert von fliessenden Bewegungen. Die Minimal Music von Steve Reich, die niemals zu enden scheint und sich in einem beständigen Loop dreht, ist der Soundtrack für die niemals ruhenden Tanzbewegungen. Ein neoklassizistisch geprägtes, zweiteiliges Werk, in dem zunächst eine Gruppe Männer um bewegliche Stellwände herumtanzen, die den Bühnenraum kaleidoskopartig verändern. Im zweiten Teil sind es Männer und Frauen, die ihre poetischen Bewegungen gegenseitig vorwärtstreiben.

Dieses Werk hätte man gern mit mehr räumlicher Distanz gesehen. Die Wahrnehmungseffekte, das optische Vexierspiel der Wände und Körper würde so stärker zur Geltung kommen. Das Zusammenspiel würde noch müheloser wirken und weniger seine kleinteiligen Arbeitsprozesse offenlegen.

«Romance Inverse» ist ein sanftes, ernsthaftes Stück, das mit seinen gleitenden Bewegungen Schönheit auf die Bühne zaubern möchte. Aber es ist auch auf der Suche nach der «Essenz des Körpers», wie es das Programmheft verrät. Diese Essenz nur lässt sich nicht festmachen und scheint zwischen den Fingern zu verfliessen, ganz wie die gleitenden Bewegungen der Tänzer.

Zuckende Clubkörper von heute

Ganz im Gegenteil dazu «Violet Kid» von Hofesh Shechter. Hier werden Extreme ausgelotet. Es geht dramatisch zu. Existentiell. Mit enormer physischer Präsenz rücken die Tänzer den Zuschauern auf den Leib. Zappelnd und zuckend bewegen sich die Körper in Alltagskleidung in einem mystischen Kreis und erzählen von ihrer Ekstase. Eine Ekstase, die sie einmal genossen haben und die sie nicht mehr verlassen können, in der sie sich verkrampfen.

Manchmal ist es nicht klar, ob diese Körper noch sich selbst bewegen oder ferngesteuert mit einer Energie von aussen beladen sind. Immer wieder deuten sie mit rechtwinkligen Arm und ausgestreckten Zeigefinger nach oben und man weiss nicht, ob sie sich nach einer übergeordneten Kraft sehnen, die sie rettet. Oder ob sie einen unbekannten Götzen anbeten und dienen, der sie in ihrer Verzweiflung erhöht. Fest steht: Hier tanzen die Clubkörper von heute, die junge Generation, an der Shechter mit seinen 41 Jahren nah dran ist. Eindringliche Drones und elektrisierende Technobeats treiben das Stück voran. Die Musik stammt von Shechter selbst, der auch ausgebildeter Schlagzeuger ist. Seine Karriere als Choreograf begann in den Nullerjahren in London, wo er schnell zum Star der jungen Tanzszene wurde.

Seine Ästhetik besticht vor allem durch ihre Gegenwärtigkeit. Shechters klug aufgebaute Dramaturgie überzeugt. Er inszeniert die Aufmerksamkeit des Zuschauers mit wenigen Mitteln auf den Punkt zugespitzt. Mit dem Licht führt er harte Schnitte durch, wie wir es aus Filmen kennen. Die neuen Szenen, die plötzlich auftauchen, überraschen und berühren.

Doch das Stück hat mit seinen teils gewaltsamen Szenen auch eine politische Dimension. Diese Körper bewegen sich am Rande der Verzweiflung. Doch sie verlieren sich nicht darin. Sie sind dem Publikum zugewandt. Kleine Gesten werden plötzlich übergross, wenn sich etwa alle Tänzer in einer Reihe ganz vorn am Bühnenrand aufstellen und nichts tun ausser schauen. Mit diesem Nah-Tanz wecken sie den Appetit. Man möchte nicht, dass dieses Stück zu Ende geht. Die Tänzer des Balletts Basel beherrschen es, als hätten sie nie etwas anderes getanzt.

«Object Present» am Theater Basel

Neun Aufführungen bis Spielzeitende, nächste Vorstellung morgen um 20 Uhr