Solothurn
Die Suche nach dem Solothurner Moment an den Literaturtagen

Zugpferde fehlten an den Solothurner Literaturtagen. Doch wer sich für Überraschungen offenhielt, konnte Entdeckung machen.

Anne-Sophie Scholl
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Eine Konstante: Familiäre Stimmung an den Solothurner Literaturtagen.

Eine Konstante: Familiäre Stimmung an den Solothurner Literaturtagen.

Hanspeter Bärtschi

«Ich habe so einen Moment», offenbart sich meine Sitznachbarin. Sie ist ergriffen: «Diese Offenheit», sagt sie. Ihr Mann beugt sich herüber und bekräftigt: «Drei Tage Solothurn lohnen sich für diese eine Veranstaltung.» Soeben hat der bulgarisch-deutsche Autor und Weltenbürger Ilija Trojanow sein jüngstes Buch vorgestellt. «Nach der Flucht» umreisst auf 120 Seiten das Lebensgefühl von Geflüchteten, wenn der Verlust der ursprünglichen Heimat Jahre zurückliegt.

Es ist eine Sammlung von zweimal 99 kurzen Sentenzen – Aphorismen, Gedanken, Anekdoten über «die Verstörungen» und «die Errettungen», die bruchstückhaft die Verfassung eines Geflüchteten skizzieren. «Ich wollte zeigen, dass ich auch twittern kann», witzelt der Autor entspannt auf der Bühne.

39. Literaturtage

Die diesjährigen Literaturtage präsentierten sich kompakter: Veranstaltungsorte waren stärker um das Landhaus gruppiert, den Übersetzern wurde in moderierten Gesprächen eine bessere Bühne geschaffen und auch die Kinder- und Jugendliteratur erhielt Platz im Landhaus mit Veranstaltungen, die sich an Erwachsene richteten. Die Organisatoren vermeldeten mit 16 000 Eintritten einen neuen Besucherrekord. Veranstaltungen wie in früheren Jahren, bei denen wegen des Publikumsandrangs die Türen geschlossen werden mussten, gab es jedoch keine.

Verstörungen und Errettungen

Doch seine Momentaufnahmen sind alles andere als schnelllebige, Aufmerksamkeit heischende Worthülsen. Es sind hoch konzentrierte Fragmente, die mit sprachlicher Tiefenschärfe vermeintliche Selbstverständlichkeiten oftmals kunstvoll auf den Kopf stellen. Die nostalgisch verbrämte «Heimkehr» wird da etwa zur «Fremdkehr». Der vermeintliche «Sprachwechsler» wird dem «Geldwechsler» gegenübergestellt. Und das «Problem Migration» erweist sich als verkürzte Denkformel, die Anlass für die Frage gibt, ob Sesshaftigkeit wirklich die bessere Lebensform ist.

«Der Flüchtende ist eine Provokation für unseren Lebenssinn», sagt Trojanow im Gespräch auf der Bühne. Und legt nach: «Wir brauchen Fremde. Sie sind der existenzielle Lieferant für die entscheidenden kreativen Weiterentwicklungen. Alles andere ist Verwaltung von Kultur und Musealisierung.» Trojanow hat auch die diesjährigen Solothurner Literaturtage eröffnet. In seiner Rede plädierte er dafür, den literarischen Blick zu weiten. «Was wir an Weltliteratur bisher wahrgenommen haben, ist nicht frönen, sondern fasten», sagte er.

Wirklichkeit und Wortskulpturen

Gibt es einen «Einbruch der Wirklichkeit», wie manche ihn in der aktuellen Literatur bemerken wollen? An den diesjährigen Solothurner Literaturtagen, die sich als Leistungsschau des Schweizer Literaturschaffens verstehen, befassten sich zwei Podien mit der komplexen heutigen Realität. Zu viel mag man sich von der Runde mit Jonas Lüscher, Olga Grjasnowa und Peter Voegeli erhofft haben, die über «Die Macht der Geschichten» sprachen.

War das Thema zu breit, oder lagen die Positionen der Teilnehmenden zu nah beieinander? Ein wirkliches Gespräch entwickelte sich nicht zwischen dem Autor, der in seinem aktuellen Buch Zeitgeschichte nachzeichnet, der Autorin eines reportageartigen Romans und dem Journalisten.

Anders das zweite Podium mit Lukas Bärfuss, Ruth Dällenbach und David van Reybrouck mit Fokus auf die Demokratie. Zunächst stand die Diagnose der Krise im Vordergrund – von der Legitimationskrise, weil das Vertrauen der Bürger in die politischen Parteien erodiere, über die Effizienzkrise, weil die tiefer liegenden Probleme wie Umwelt, Krieg und Flüchtlinge von der Demokratie nicht bewältigt würden, bis zur Systemkrise, weil wichtige Bereiche nicht Teil des demokratischen Prozesses seien.

Dann brachte der belgische Autor, Historiker und Archäologe David van Reybrouck den entscheidenden Input: Sein Essay «Gegen Wahlen» war das Rückgrat der Diskussionsrunde. Die Demokratie habe sich seit ihrem Ursprung in der Antike zu einem Machtinstrument der Elite entwickelt, wenn auch in jüngster Zeit immer weiteren Kreisen Zugang eröffnet worden sei – mit dem Frauenstimmrecht etwa oder mit dem noch ausstehenden Ausländerstimmrecht. Er schlägt vor, Wahlverfahren mit Würfelverfahren zu ersetzen. Nach einem Zufallsprinzip bestimmte Bürger sollen so mit dem politischen Prozess betraut werden. Dass das geht, dafür gibt es Beispiele. Van Reybrouck verweist auf Irland. Ein nach repräsentativen Kriterien zusammengewürfelter Rat hat dort gute Dienste bei der Modernisierung des Abtreibungsparagrafen geleistet.

Die Solothurner Literaturtage zeigten sich von ihrer besten Seite – Petrus half mit.
21 Bilder
Solothurner Literaturtage 2017
Alles dreht sich hier um Bücher.
Perfektes Wetter, um mit einem guten Buch draussen ein lauschiges Plätzchen zu finden.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Schlangestehen im Landhaus.
Vorne Mediachairs, hinten die Schlange, um Lukas Bärfuss zu sehen.
Vorne Mediachairs, hinten Lukas Bärfuss-Schlange.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Grossandrang bei der Lesung von Lukas Bärfuss.
Schlangestehen im Landhaus.
Das Epizentrum liegt vor dem Landhaus
Bei diesem strahlenden Wetter kann man perfekt zwischen dem Kreuz und dem Landhaus verweilen.
Bei strahlendem Wetter zwischen dem Kreuz und dem Landhaus verweilen.01
Die Infotafel zeigt ein grosses Angebot
Auf der Aussenbühne beim Klosterplatz liest Hans Jürg Zingg.
Auf der Aussenbühne beim Klosterplatz liest Hans Jürg Zingg.
Alles dreht sich um Bücher.

Die Solothurner Literaturtage zeigten sich von ihrer besten Seite – Petrus half mit.

Hanspeter Bärtschi

Wer nach Solothurn geht, muss offen sein, sich überraschen zu lassen. Ein sicherer Wert jedoch war Michael Fehr, der zusammen mit dem Gitarristen Manuel Troller das Abendprogramm am Samstag bestritt. Wort und Musik – neben der drängenden Wirklichkeit ein Trend in der heimischen Literatur. Ihr Zusammenspiel führt aktuell kaum jemand besser vor Augen als der begnadete Performer aus Bern-Ausserholligen. Voller Schalk rockte er mit seinen bald surrealen, bald abgründigen Wortklangskulpturen den mehrheitlich grauschöpfigen Landhaus-Saal. Da war er wieder, der Solothurner Moment.

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