«Die Schweiz braucht Tricks»

Zur Eröffnung des 7. Animationsfilmfestivals Fantoche in Baden plädierte Filmchef Nicolas Bideau für mehr Fantasie im von der Realität geprägten Schweizer Film.

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Nicolas Bideau

Nicolas Bideau

Aargauer Zeitung

Christian Jungen

Es hat sich in den 14 Jahren seit der Gründung herumgesprochen, dass Fantoche ein einzigartiges Trickfilmfestival auf der Höhe der Zeit ist. Unter den 450 Gästen, die gestern zur Eröffnungsfeier der siebten Ausgabe ins Kino- und Kongresszentrum Trafo in Baden strömten, war auffallend viel Prominenz aus der nationalen Filmszene. So besuchte Nicolas Bideau das Festival erstmals als Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur. Er zeigte, dass der Flop der vermeintlichen Animationsfilm-Lokomotive «Max & Co.» seinen Enthusiasmus für die Sparte nicht trübte. «In der Multikulti-Schweiz, in der sogar die Bundesräte nicht alle Sprachen der Welt sprechen, braucht es universelle Nenner wie die Animation, die weniger von der Sprache geprägt sind.» Konkret versprach Bideau, sich dafür einzusetzen, dass der Animationsfilm stärker gefördert werde. Es sei zwar gut, dass Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme stark in der Realität verankert seien, «doch wir haben auch das Bedürfnis nach Träumen und den Wunsch, der täglichen Realität zu entfliehen.»

Auf die Entdeckung neuer Welten am Fantoche freut sich auch der Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler, der Fantoche als «wichtigstes Kulturfestival im Kanton» bezeichnete, das sich positiv auf das Image des Aargaus auswirke. Er bedankte sich besonders dafür, dass das Festival neu eine Kinderjury berief, welche aus zwei Sektionen mit Kinderfilmen den «Best Kid»-Award vergibt.

Nach dem ersten Wettbewerbsblock bekamen die Gäste gleich ein erstes internationales Meisterwerk zu sehen, den Animationsfilm «Up». Darin bindet ein 78-jähriger Witwer sein Haus an Ballone und schwebt so zusammen mit einem Pfadfinder für ein grosses Abenteuer Richtung Südamerika. Die Künstlerische Direktorin Duscha Kistler hat sich um das Juwel bemüht und stiess beim renommierten Filmstudio Pixar auf offene Türen. Der Stargast Andrew H. Schmidt, der die Figur des Pfadfinders Russell animierte, musste seinen Besuch zwar wegen einer Familientragödie absagen. Dafür ist Pixar mit den beiden Animatoren Bernhard Haux und Paul Aichele vertreten, die an der Hauptfigur Carl Fredricksen mitwirkten.

Pixar beschäftigt rund 1200 Animatoren, die in drei verschiedenen Departementen arbeiten, einem für Gesichtsausdrücke und Artikulation, einem für Oberflächengestaltung und einem für Kleider. «Ursprünglich hatte der Regisseur den Film ‹Up› gar nicht in 3D geplant», erzählte der 30-jährige Haux, der seit zwei Jahren für Pixar in Oakland, Kalifornien, arbeitet, «doch weil die Einnahmen der DVDs einbrachen, wollte man im Kino etwas Grossartiges bieten.» Dies habe sich gelohnt, «Up» sei die erste Produktion überhaupt, welche in den USA mehr Geld mit 3D als in 2D eingespielt habe. Auf das Geheimnis von Pixar angesprochen, meint Haux, die Autoren machten in erster Linie Filme, die sie selber sehen wollten, und nicht solche, von denen sie glauben, dass sie die Leute sehen wollen. Zudem nimmt man sich bei Pixar mehr Zeit für die Entwicklung der Geschichten als bei anderen Studios.

Fantoche zeigt aber nicht nur Film-werke, die ohnehin ins Kino kommen. «Wir versuchen bewusst aufzuzeigen, wie gross die Spannbreite im Animationsfilm ist. Sie reicht vom Mainstream wie Pixars ‹Up› über ‹$ 9.99› bis zu einem Kunstprojekt wie ‹Peur(s) du noir›», erklärt Direktorin Kistler. Eine spezielle Reihe ist dem bei uns weitgehend unbekannten Filmschaffen aus Afrika gewidmet. Seit 1936 in Ägypten erste Trickfilme entstanden, hat sich die Produktion stark entwickelt, wobei der Maghreb und Südafrika die Zugpferde sind. Was sogleich auffällt, ist die Jugendlichkeit des Publikums. Grossen Anklang findet bei Teenagern etwa die Ausstellung zu Videogames der Zürcher Hochschule der Künste. So führte René Bauer, Dozent für Game-Design, einer Gruppe von 12-Jährigen vor, wie man mittels eines mit dem Computer verbundenen Teddybären ebendiesen in der virtuellen Welt bewegen kann.

Bis zum Sonntagabend sind nun in Baden 223 Trickfilme aus 45 Ländern zu entdecken. «Bei der letzten Ausgabe 2007 lockten wir rund 25 000 Besucher an», erklärte die Kaufmännische Direktorin Andrea Freund, «nun ist es unser Ziel, diese Rekordmarke zu übertreffen.»

Fantoche noch bis 13. September.
Infos: www.fantoche.ch

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