Theater Neumarkt
Die Nerven liegen blank bis zum Rückenmark

Man darf sich vom Titel nicht abschrecken lassen: «Dr Madam ihre Mössiö» ist kein Schwank, sondern ein intensives Kammerspiel.

Susanna Petrin
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Rahel Hubacher als überspannte «Madam».Philipp Ottendörfer

Rahel Hubacher als überspannte «Madam».Philipp Ottendörfer

Rahel Hubacher als «Madam» ist ein Ereignis. Jeder einzelne Nerv liegt bei ihr blank bis zum Rückenmark, aufgescheuert von einer langjährigen Beziehung, die im Dialog mit ihrem «Mössiö» (Alexander Seibt) noch mal aufgerollt wird. Sie ist hysterisch, lacht, schreit, tanzt, brüllt, kreischt. Sie raucht zwanghaft, isst zwanghaft, putzt zwanghaft. Er lächelt.

Seine Eltern, die ungefragt in ihre Wohnung im selben Haus zu platzen pflegten; der hohe Mietpreis, den sie von ihnen verlangten, um ihnen später «grosszügig» entgegenzukommen; die Schwiegermutter, die sie am Morgen aus dem Bett rüttelte. All die subtilen Gemeinheiten lassen sich mit seinem Geschick als Überempfindlichkeiten ihrerseits wegdiskutieren. Aber die 30 000 von ihm heruntergeladenen Kinderpornobilder nicht. Könnte man meinen.

«Dr Madam ihre Mössiö» basiert auf einer wahren Geschichte, aufgezeichnet in Fredi Lerchs Sozialreportagen-Band «Alles bestens, Herr Grütter». Der Basler Autor Guy Krneta hat die echten Interviews zu einem verdichteten, durchrhythmisierten Theaterdialog umgeschrieben. Sie und er sprechen darin jeweils von sich in der dritten Person; im Dialekt ein Mittel der ironischen Distanzierung.

Regisseur Bruno Cathomas und die Schauspieler haben nun diesem fast anweisungsfreien Text eine erstaunlich breite Palette an Gefühlen und Gattungen entlockt – sogar die seltene Mischung des «tragischen Slapsticks». Hubachers Madam lacht, wenn sie weint, und sie ist zum Lachen und zum Weinen zugleich.

Nur auf den allerersten Blick könnte man sie für das Ungeheuer halten, das er ist. Dabei ist das Abschreckende an ihr nur die hilflose Blösse einer tief verletzten Frau. Cathomas macht in seiner Inszenierung wohltuend klar, wer hier das Opfer und wer der Täter ist. Da gibts keinen Sowohl-als-auch-Unterton, kein «er hatte halt eine schwere Kindheit». Obwohl klar wird, dass auch Mössiö mal ein Opfer war, geschlagen vom Vater, vielleicht missbraucht von der Mutter. Indem er seinen Psychologen zitierend die eigenen Taten kleinredet, wirkt jede Psychologisierung nur zynisch. Eine falsche Selbstbestärkung eines Fehlgeleiteten. Es seien ja nur Bilder, das Programm habe diese heruntergeladen, sagt er – unfähig zu erkennen, dass für jeden Kinderporno echte Kinder missbraucht werden, unfähig zu verstehen, was seine Frau durchmacht. Im lockeren Tonfall verdreht Seibts Mössio ständig alles um 180 Grad – bis die Schuld irgendwo liegt, nur nie bei ihm.

Das Bühnenbild (Regula Zuber) ist schlicht und klug. Ein weisser Kubus mit zwei offenen Seiten, die sich durch Lamellenstoren schliessen lassen – ein Häuschen in der Schweizer Agglomeration. Dessen Fundament bei jedem Schritt wackelt, dessen Teppich mächtig viel Staub angesetzt hat. Zur Dekoration gehört ein gitarrespielender Matrose und etliches Mobiliar. Gegen Ende wird das Paar sein Haus zwanghaft mit Möbeln vollstopfen; beide überdrehen hochtourig, bleiben im Leerlauf stecken. Gelöst hat sich nichts. Begriffen hat er nichts. Gerechtigkeit wurde keine hergestellt.

«Dr Madam ihre Mössiö» Weitere Vorstellungen auf: www.theaterneumarkt.ch

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