Lugano
Die Kunst hebt ab

Mit dem Kulturzentrum LAC punktet das Südtessin als Kultur-Destination.

Sabine Altorfer
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Das neue Panorama in Lugano: Wie ein steinerner Schwebebalken ragt der Kunstflügel des LAC über die neue Piazza, gegen den See und den San Salvatore. Foto Studio Pagi

Das neue Panorama in Lugano: Wie ein steinerner Schwebebalken ragt der Kunstflügel des LAC über die neue Piazza, gegen den See und den San Salvatore. Foto Studio Pagi

HO

Sonntagmorgen in Lugano. Im Bus Nummer 2, der den See entlangfährt, begrüssen sich Einheimische angeregt. Schnell wird klar: Man geht ins Konzert. «Jeden Sonntag um 11 gibt’s im LAC Gratiskonzerte», sagt uns eine Frau. «Eilen Sie, die Sitzplätze sind schnell besetzt!» Auch unser Ziel ist das LAC, das Lugano Arte e Cultura, aber wegen der Kunst. Denn das LAC ist ein Multi-Kultur-Tempel. Neu, ehrgeizig und aufsehenerregend. Kunst, Theater und Konzerte finden hier gleichzeitig statt. Für alles gibt’s genügend Platz. Im grossen Glasfoyer allerdings sind die Stühle an diesem Sonntag besetzt, auf den Treppen und Galerien stehen und sitzen die Menschen. Ältere und Kinder, Einheimische und Touristen warten auf das Quartett, das ein munteres Programm an Kammermusik verheisst – und geniessen vorerst die Aussicht auf den Platz und den Luganersee.

Die Kunst segelt unter dem Label MASI, Museo d’arte della Svizzera italiana. Der Fokus greift aber weiter. Kunst aus dem Tessin, der Schweiz, Italien und Internationales wird munter gemixt – aktuell in drei Ausstellungen über die drei Stockwerke verteilt.

Visionäre Körperkunst

Wir starten bei Meret Oppenheim. Nein, ihre berühmte Pelztasse ist nicht im Original hier ... aber schliesslich hat die grosse Basler/Pariser/Berner/Tessiner Künstlerin sehr viel mehr geschaffen: Witzige Skulpturen wie das Eichhörnchen mit einem Bierglas als Körper, melancholische wie heitere Gemälde und auch Objekte, die den menschlichen Körper sezieren. Wunderbar die Handschuhe, auf deren Oberfläche Venen und Arterien sichtbar werden. Das Selbstporträt von Meret Oppenheim (1913–1985) als Röntgenbild ihres Schädels mit den beiden grossen Ohrringen ist eine Ikone der Kunst, genau wie die Aktfotos der jungen, schönen Künstlerin an der Druckpresse von Man Ray. Aber eben, Meret Oppenheim war mehr als Modell, mehr als Muse. Als Künstlerin war sie auf der Höhe der Zeit, das zeigen verwandte Werke ihrer berühmten Surrealisten-Kollegen Max Ernst oder René Magritte. Und mit ihren so fantasievollen wie surreal-visionären Werken beeinflusst sie Künstlerinnen und Künstler bis heute. Ihr goldfarbenes rundes Tischchen mit den skurrilen Vogelfüssen würde man sich immer noch gerne ins Wohnzimmer stellen und ihr Gemälde der Erlkönigin in seiner traurigen Verlorenheit berührt. Wie sie aus Kohlestücken «Die alte Schlange Natur» baute, die sich schwarz-glänzend in einem groben Sack ringelt, überzeugt, weil Idee, Materialisierung und symbolträchtige Aussage übereinstimmen.

Man taucht ein in den Oppenheim-Kosmos, dann lockt das Tageslicht am Ende des Saals. Ein Gang zwischen Technikräumen gibt den Weg frei – und man steht in einer spitz zulaufenden Aussichtskanzel. Der Blick über den See, die Promenade, den Platz und den Hauptbau des LAC ist mehr als reizvoll.

Repräsentations-Architektur

Hier lässt sich über die Architektur von Ivano Gianola sinnieren. Von aussen ist Repräsentation angesagt mit einem Mix aus grünem Stein, Beton und Glas. Der grüne steile Park und die abgetreppte Arena hinter dem Foyer bilden einen Kontrast zum grossen, etwas sterilen Platz vor dem Gebäude. Eine Wucht ist dem 72-jährigen Tessiner Architekten mit der riesigen und fensterlosen, in dunklen Grüntönen changierenden Natursteinmauer gelungen. Dahinter verbirgt sich der Konzert- und Theatersaal. Edel ist seine Haut aus Birnenholz, gut die Akustik, modular seine Nutzung. Ein gelungenes räumliches Erlebnis bietet der Zypressenhof mit dem Durchgang zu Kreuzgang und Kirche Santa Maria degli Angioli.

Auf sicherem Boden

Doch zurück in die uneitlen, schlichten Ausstellungssäle. Mit der Gegenüberstellung von Alighiero Boetti (1940–1994) und Salvo (1947–2015) tauchen wir ins Turin der Siebziger-Jahre. Schrifttafeln und grafisch gefasste Wirklichkeit verbindet die beiden Künstler. Wobei Boetti – etwa mit seinen gestickten Weltkarten – gerne und gekonnt nach aussen blickt, Salvo sich dagegen am liebsten und etwas gar selbstverliebt mit sich selbst beschäftigte. Zum Glück mit Humor. So interessant dieses Stück Kunstgeschichte auch ist, zu berühren, mitzureissen vermag es nicht (mehr).

Eine Ikone der Kunst und eines der ungewöhnlichsten Selbstbildnisse: Meret Oppenheims Schädel in einer Röntgenaufnahme von 1964. Eine Ikone der Kunst und eines der ungewöhnlichsten Selbstbildnisse: Meret Oppenheims Schädel in einer Röntgenaufnahme von 1964. 

Eine Ikone der Kunst und eines der ungewöhnlichsten Selbstbildnisse: Meret Oppenheims Schädel in einer Röntgenaufnahme von 1964. Eine Ikone der Kunst und eines der ungewöhnlichsten Selbstbildnisse: Meret Oppenheims Schädel in einer Röntgenaufnahme von 1964. 

Kunstmuseum Bern

In seinen Bann zieht uns dagegen Craigie Horsfield im Untergeschoss. Realität oder Fantasy? Gemälde oder Foto? Es sind Wandteppiche! Der 67-jährige Brite Horsfield lässt Sujets von aktuellen Fotos, beispielsweise von 9/11 oder einem Feuerwerksschiff in der Bucht von Neapel als monumentale Teppiche weben. Das ist so altertümlich wie eigenständig, so monumental wie intim. Dazwischen tanzen Ballettmädchen, schauen uns Bewohner Luganos von sepiafarbenen, neuen Porträts an ... Wer kann sich schon ein Bild der Welt machen? Als Besucherin fühlt man sich in einem begehbaren Puzzle, schwankend zwischen Bewunderung und dem Gefühl, die Welt gerate aus den Fugen.

Da ist man doch froh, steht das LAC selber auf sicherem, auf steinernem Boden. Selbst der Kunstflügel, der sich wie ein Schwebebalken vorwitzig und unübersehbar gegen den See streckt, ist so massiv – manche sagen grob – abgestützt, dass man sich beruhigt und genüsslich in seinen Schatten zum Kaffee setzt. Hier auf der gepflästerten Piazza und unter der grünen Steinfassade des Kunsttraktes muss man zugegeben: Ein steiniger Boden für Kultur ist das Südtessin nicht mehr.

LAC Lugano. Meret Oppenheim bis 28. Mai. Craigie Horsfield bis 23 Juli. Boetti/Salvo bis 27. August.

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