Kunst
Die Irrungen und Wirrungen im Fall Gurlitt

Cornelius Gurlitt sorgt auch nach seinem Tod für Schlagzeilen. Das Kunstmuseum Bern trifft das Erbe wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Sabine Altorfer
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Cornelius Gurlitt. Wo wird seine Sammlung landen?

Cornelius Gurlitt. Wo wird seine Sammlung landen?

Die Sammlung Gurlitt kommt nach Bern. Welch ein Coup. Nicht nur für uns Aussenstehende. Auch im Kunstmuseum Bern schlug «die Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein». Das schrieb die Museumsleitung am Mittwochabend, als sich die Spekulationen verdichteten, und sie erklärt: «Es bestanden zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Herrn Gurlitt und dem Kunstmuseum Bern.» Sollen wir nun also jubeln? Bedingt. Auch das Kunstmuseum Bern reagiert zurückhaltend: Die Verantwortlichen seien sich bewusst, dass «das grossartige Vermächtnis ihnen eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen aufbürdet, Fragen insbesondere rechtlicher und ethischer Natur.»

Offizielle Reaktionen aus Deutschland gibt es bislang nicht. In Online-Foren wird heftig diskutiert. Deutschland sei selber schuld, wenn Gurlitt seine Bilder ins Ausland gebe, heisst es meist. Das sei seine Rache dafür, dass er in München wie ein Verbrecher behandelt worden sei.

Keine Erben

Cornelius Gurlitt war am Dienstag gestorben, erst kurz zuvor hatte er offenbar noch ein Testament geschrieben. Nachkommen und Erben hat er nicht. Da ist einzig der Mann seiner 2012 verstorbenen Schwester und Cousins zweiten Grades. Wie ebenfalls am Mittwoch bekannt wurde, soll der Leichnam von Cornelius Gurlitt obduziert werden, da laut der Staatsanwaltschaft kein Arzt beim Tod anwesend war. Es gebe aber keine Anzeichen auf eine Fremdeinwirkung.

Die Sammlung Gurlitt umfasst 1280 Werke, die 2010 in seiner Münchner Wohnung gefunden und beschlagnahmt wurden. Vorgeworfen hat man ihm damals Steuerhinterziehung. Nachweisen konnte man ihm aber nichts. Öffentlich bekannt wurde der Fall erst 2013. Später fand man rund 500 weitere Werke in seinem verlassenen und baufälligen Haus in Salzburg. Eine immense Zahl. Aber, muss man einschränken, es sind wenige Gemälde, die Mehrheit sind Arbeiten auf Papier. Also Zeichnungen, Druckgrafiken, Gouachen, Aquarelle. Inhaltlich lassen sie sich mit einem Schlagwort umschreiben. Es sind Werke, die von den Nazis als «entartete Kunst» gebrandmarkt und aus Museen entfernt wurden. Zur Sammlung gehören Expressionisten wie Otto Dix, Max Pechstein, Karl Liebermann, Franz Marc, aber auch Werke von Henri Matisse Marc Chagall und Picasso.

Viele der Werke hat Cornelius’ Vater, Hildebrand Gurlitt, von den Nazis übernommen, um sie zu vermarkten. In Deutschland und Frankreich hat er weitere Kunst der Moderne hinzugekauft. Viele hat Hildebrand Gurlitt – mit gutem Gewinn – weiterverkauft, die anderen verblieben in seiner Sammlung. Nach seinem Tod 1956 waren sie erst im Besitz seiner Witwe, in den letzten Jahrzehnten hat sie Cornelius Gurlitt gehütet. «Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben.»

(Fast) keine Raubkunst

Die Kollaboration von Hildebrand Gurlitt mit dem Nazi-Regime führte dazu, dass die Sammlung, als man 2013 vom Bilderschatz erfuhr, als Nazi-Raubkunst bezeichnet wurde. Dagegen hat sich Cornelius Gurlitt stets gewehrt und – Stand heute – mehrheitlich Recht bekommen. Bisher wurde ein einziges Bild zurückgegeben: «Die sitzende Frau» von Henri Matisse an die Erben der Pariser Galerie Rosenberg. Nur einige wenige Rückgabe-Gesuche seien eingetroffen, gaben Gurlitts Anwälte und Betreuer vor kurzem noch bekannt.

Die 1280 Bilder aus der Münchner Sammlung sollten Cornelius Gurlitt zurückgegeben werden. Anfang April erst hatte er sich mit dem Land Bayern und der Bundesregierung nach zweijährigem juristischem Hickhack darauf geeinigt. Im Gegenzug willigte Gurlitt ein, dass die Herkunft aller Bilder geklärt wird und er verpflichtete sich, allfällige Raubkunst zurückzugeben. Das ist rechtlich nicht zwingend, sind die meisten Fälle nach deutschem Recht doch verjährt. Der Fall Gurlitt habe Deutschland aufgerüttelt und die deutschen Politiker endlich zum Handeln im Falle von Raubkunst gezwungen, so der Tenor in deutschen Medien.

Im Moment lagert die Münchner Sammlung in einem Zolllager bei München. Dort soll sie unter Leitung von Meike Hoffmann von der Forschungsstelle «Entartete Kunst» der Freien Universität Berlin weiter untersucht werden. Bezahlt wird die aufwendige Recherche von der Bundesregierung und Bayern.

Doch zuerst wird man in Deutschland wohl noch abklären wollen, ob in der Sammlung «national wertvolles Kulturgut» steckt. Das würde einen Wegzug dieser Werke ins Ausland verhindern. Der Berliner Kunstexperte und Rechtsanwalt Peter Raue verneint dies gegenüber «focus.de». Deshalb sei die Übergabe der Sammlung Gurlitt nach Bern rechtlich unproblematisch.

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