Theaterpreis
Die Grand Dame des Figurenspiels

Margrit Gysin erhält heute vom Bundesamt für Kultur einen der renommierten Schweizer Theaterpreise 2017. Eine hochverdiente Ehrung für das Lebenswerk der Liestaler Theaterfrau

Alfred Schlienger
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Schweizer Theaterpreis 2017

Schweizer Theaterpreis 2017

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Margrit Gysin Margrit Gysin erhält am 24. Mai in Lugano einen der Schweizer Theaterpreiswe

Margrit Gysin Margrit Gysin erhält am 24. Mai in Lugano einen der Schweizer Theaterpreiswe

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Man muss das schlicht erlebt haben, sonst glaubt man es vielleicht nicht: Wie Margrit Gysin auf der Winzigkeit einer Handfläche ganze Welten herbeizaubert, reale und gefühlte, zart-schmerzliche und heiter-tröstliche. Wie hundert Kinder- und Erwachsenenaugen gebannt an ihren Lippen, ihren Figuren, an jedem Ton und jeder Stimmung hängen, um nur ja nichts zu verpassen von diesen wundersamen kleinen Welten, in denen die grossen Dinge des Lebens verhandelt werden.

Hier erlebt man Freud und Leid der Andersartigkeit, begreift ganz sinnlich, warum Schönheit und Sehnsucht, Angst und Trauer unverzichtbar sind im richtigen Leben. Solidarität, Respekt, Menschenwürde sind da keine abstrakten Begriffe, sondern lebendige Erzählung. Und nie, ich schwöre es, sind diese Welten einfach nur nett und niedlich. Gysins einzigartiges Bühnenschaffen hat immer die Qualität einer zugewandten Verletzlichkeit, strahlt die Wärme, Vielschichtigkeit und spontane Direktheit einer subversiv gebrochenen Idylle aus.

Das Ein-Frau-Unternehmen

Seit über vierzig Jahren zieht die gebürtige Liestalerin nun bereits durch die Lande und Kontinente. Mit Sicherheit ist sie das weitest gereiste Ein-Frau-Unternehmen der Schweiz, hat neben dem europäischen Ausland auch in Asien und Afrika, in Nord- und Südamerika gespielt: in Afghanistan und Pakistan, Indien und Indonesien, Bhutan und Mexiko, Israel und Palästina, Tansania und Zimbabwe, um nur ein paar der ferneren Destinationen zu nennen. Gysin ist so ganz nebenbei auch zu einer wichtigen Kulturbotschafterin der Schweiz in der weiten Welt geworden. Mit nichts dabei als einem Koffer voller Geschichten, die von den Wundern und Wunden des Lebens erzählen.

Weit über 300 Figuren hat sie so geschaffen. Und für jede schneidert sie auch die Kleider selber, ist in allem ihre eigene Kostüm- und Bühnenbildnerin, Licht-, Ton- und Klangmeisterin. Schaut her, dieser Faltenwurf, der ist jetzt ein Gebirge, und dieses Stück Moos, das ist ein dunkler Wald! Unglaublich, aber wahr: Listig transparent gemacht, wie der Theaterzauber hergestellt wird, erhöht sich noch die Lust an dieser Magie. Das hat, auf durchaus verschiedenen Ebenen, für Jung und Alt allergrössten Charme und Reiz. Dieses Figurentheater ist ein infizierender Schutzraum – oder wenn man’s sportlicher will: ein wahres Fitnesscenter für Fantasie und Imagination.

Die Schule von Jacques Lecoq

Margrit Gysin ist eine Pionierin des Figurenspiels. Als Tochter einer spanischen Mutter und eines Schweizer Vaters, der als Kunstmaler tätig war, hat sie ihr künstlerisches Temperament und ihre Gestaltungslust schon früh entdeckt, entschied sich zuerst aber für «etwas Anständiges»: Kindergärtnerin, Heilpädagogin, dann die Schauspielausbildung an der Theaterschule von Jacques Lecoq in Paris.

1976 gründet sie zusammen mit Michael Huber unter dem Namen «Fahrendi Bühni» ihr erstes freies Figurentheater und bringt Stücke heraus wie «Momo» nach Michael Ende, «Die Wurzelkinder» oder «Die Sterntaler». Mit «Dona», einer Theaterperformance für Erwachsene nach dem Buch von Rahel Hutmacher, verliess sie bereits 1988 den schützenden Kasten der Puppenspielbühne und machte sich als Spielerin und Erzählerin sichtbar.

Start des Schweizer Theatertreffens mit der Verleihung der Theaterpreise

Die Schweizer Theaterpreise 2017 werden heute Abend zur Eröffnung des vierten Schweizer Theatertreffens im Tessin, im LAC Lugano Arte e Cultura verliehen. Mit einem Schweizer Theaterpreis würdigt das Bundesamt für Kultur die Puppenspielerin Margrit Gysin, die Schauspielerin und Regisseurin Marielle Pinsard, die Autorin und Regisseurin Valérie Poirier, die Musiktheaterrealisatoren Dominik Flaschka & Roman Riklin und das Künstlerduo Trickster P. Die Preissumme beträgt 30 000 Franken für Personen und 50 000 Franken für Institutionen.
Der Schweizer Grand Prix Theater/Hans-Reinhart-Ring 2017 in der Höhe von 100 000 Franken wird durch Bundesrat Alain Berset heute Abend an der Preisverleihung in Lugano bekannt gegeben.
Mit der vierten Ausgabe findet das Schweizer Theatertreffen erstmals im Tessin statt. Nach der heutigen Eröffnung kann das Publikum von Donnerstag,
25. bis Sonntag, 28. Mai, Schauspielproduktionen aus allen Landesteilen erleben. Die Fachjury hat sich zwischen Februar 2016 und Januar 2017 rund 220 Inszenierungen aus der gesamten Schweiz angeschaut. Sieben Produktionen wurden für das Programm ausgewählt. Spielorte sind neben dem LAC und dem Teatro Foce in Lugano auch das Teatro Sociale in Bellinzona und das Cinema Teatro in Chiasso. Ein Rahmenprogramm im LAC rundet die Veranstaltung ab. (red)

Der Körper als Spielfläche

Diesen Schritt hat Margrit Gysin zu ihrer Spezialität weiterentwickelt. Ihr Körper wird zum Bühnenbild und zur Spielfläche, auf der die Figuren und Objekte raffiniert bewegt werden. Das schafft eine Unmittelbarkeit, die im Doppelsinn berührt. Mit einer Fingerfertigkeit sondergleichen klettern oft mehrere Figuren an einer einzigen Hand über diese Körperspielfläche, geraten in Not, schöpfen Hoffnung, fantasieren sich um Kopf und Kragen.
Da ist ein künstlerisches Temperament am Werk, das sich nichts vorschreiben lässt, das alles im eigenen Kopf, Herz und Bauch knetet und formt, bis es für die eigene Sache stimmt. Und doch ist diese Gesamtkunstwerk-Künstlerin klug genug, für ihre Inszenierungen meist externe Regisseure beizuziehen.

So entstehen etwa mit Miriam Goldschmidt «Die Tränen der Gänsehirtin» oder mit Enrico Beeler «Ylva-li», eine Hommage an Astrid Lindgren. Unmöglich, hier auch nur einen Bruchteil der über 30 Stücke zu nennen, die Gysin bisher auf ihre Körperbühne gezaubert hat. Aber fehlen darf sicher nicht der Serien-Knüller «Mimi und Brumm», der es zu wahrem Kultstatus gebracht hat. Und wie sollte man «Mein Vater» verschweigen können, von dem die Künstlerin selber sagt: «Er fing Räuber mit einer Hand und zeigte ihr, wie man sie werfen muss, damit sie wie flache Steine übers Wasser hüpfen. Er war riesengross, von seiner Schulter aus konnte man die ganze Welt überblicken.» Dass hier ein Mädchen seinen abwesenden Vater erfinden muss, macht diese Geschichte zum Heulen traurig und schön, poetisch und wichtig.

Die Pädagogin

Gysin ist aber nicht nur ein ständiger Gast auf internationalen Figurentheaterfestivals, wo sie regelmässig mit Preisen ausgezeichnet wird, sie nimmt auch Lehraufträge für Theaterpädagogik, Figurenspiel und Kreativität an verschiedenen Kunst- und Fachhochschulen im In- und Ausland wahr, unter anderem in Zürich, Berlin, Stuttgart und Prag. Ebenso engagiert sie sich in der Weiterbildung von Eltern, Erziehern, Lehrpersonen und Puppenspielern.

Wie ist das alles zu leisten? Wohl nur mit Liebe, Leidenschaft und Neugier. «Alle meine Figuren sind Teile von mir», sagt die Künstlerin. «In meinem Spiel geht es mir um das Geheimnis, das Geheimnisvolle im Leben.» Meist arbeitet sie mit Naturmaterialien, und so, wie sie die Gegenstände einsetzt, erscheinen sie tatsächlich wie beseelt. Im Spiel führt sie das Geschiedene zusammen: Mensch, Tier, Pflanze. Ganz ohne Esoterik und Eskapismus.
Ihr Schaffen schöpft aus dem unverwechselbaren Ureigenen, aus der Lust am Widerständigen und Unbegradigten, aus der so wilden wie zärtlichen Archaik von Märchen, Mythen und Symbolen.

Natürlich kommt der Weitgereisten entgegen, dass sie fünf Sprachen beherrscht. Und auch wenn ihre Bühnengeschichten Kinder und Erwachsene rund um den Globus ergreifen, ist diese Kunst das pure Gegenteil von globalisierungstechnischer Zugänglichkeit.
Wenn man nur drei Wörter gebrauchen darf, um Gysins Werk zu umschreiben, dann sind dies wohl: Lakonie, Poesie, Magie. Das wären die sechste, siebte und achte Sprache, die diese Künstlerin mit hinreissender Beiläufigkeit auch noch beherrscht.

Starke Basler Szene

Diese Ehrung für das Lebenswerk der «Grande Dame» des Figurenspiels kommt wahrlich nicht zu früh. Und eine kulturpolitische Anmerkung drängt sich in diesem Kontext auf. Zum dritten Mal in den letzten Jahren fällt ein gewichtiger gesamtschweizerischer Anerkennungspreis für Theaterschaffende in unsere Region. So durften sich Ruth Oswalt und Gerd Imbsweiler vom Vorstadttheater über den ehrenvollen Hans-Reinhart-Ring freuen, und vor drei Jahren wurde das Junge Theater Basel mit dem ersten Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet.

Sie und alle weiteren freien Theatergruppen der Region sind für ihr Schaffen von den Zuwendungen der öffentlichen Hand abhängig. Die von Baselland geplante massive Kürzung der Kulturpauschale würde diese lebendige Szene in ihrer Existenz bedrohen. Das schon nur ins Auge zu fassen, muss aus kulturpolitischer Warte als grobfahrlässig bezeichnet werden. Aber noch darf ja die Vernunft siegen – und die Fantasie.

Margrit Gysins Figurentheater ist in nächster Zeit zu sehen:
Samstag, 3. Juni, um 14:30 Uhr in der Trotte Arlesheim mit «Der Geburtstag».
Donnerstag, 6. Juli, um 15 Uhr und 16.30 Uhr im Zimmermannshaus Brugg mit «Das bucklige Männlein».

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