Weihnachtsgeschichte
Die Flucht nach Ägypten – Kapitel 6

Sechstes und letztes Kapitel der Weihnachtsgeschichte von Pedro Lenz.

Pedro Lenz
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«Die Flucht nach Ägypten ist das Schwierigste», bilanziert Ines. Und Robert bringt Kaffee und Weihnachtsgebäck von seiner Mutter.

«Die Flucht nach Ägypten ist das Schwierigste», bilanziert Ines. Und Robert bringt Kaffee und Weihnachtsgebäck von seiner Mutter.

Illustration: Philip Bürli

In Les Emibois, im alten Bauernhaus, das Roberts Eltern gekauft hatten, als Robert und seine Geschwister noch klein waren und in dem sie während Jahren fast alle Ferien verbracht hatten, loderte das Kaminfeuer. Seit Roberts Vater gestorben wurde das Haus seltener gebraucht. Für den Abend hatte eine Leinwand und einen Beamer aufgestellt. Zuvor hatte er mit Ines fast den ganzen Nachmittag gekocht. Jetzt war der lange Tisch festlich gedeckt.

Als Lilian und Joe eintrafen, war es schon dunkel. Die Besucher hatten Wein und Champagner dabei. «Wenn wir das alles trinken, wird es Tage dauern, bis wir wieder nüchtern sind!», lachte Ines an der Türe. «Kommt an die Wärme und macht es euch bequem!, rief Robert aus der Stube. «Bienvenues au nous!», begrüsste er dann den Besuch. Aber Lilian, die an einer Bezirksschule Französisch unterrichtete, erklärte gleich, es heisse nicht «Bienvenues au nous!» sondern «Bienvenues chez nous!». Aber es heisse doch «au Jura» und nicht «chez Jura», versuchte Robert sich rauszureden. «Jeder soll heute Französisch reden wie er will!» schlug Joe vor, bevor er nach den Champagnergläsern fragte. So etwas führten sie in diesem Haushalt nicht, erklärte Ines, also einigten sie sich darauf, den Champagner aus Weingläsern zu trinken. Dazu assen sie selbst gemachte Kaninchen-Terrine. Aus den Boxen der Stereoanlage lief die arabische Popmusik, die Lilian ihnen geschenkt hatte. «Das tönt ja fürchterlich!», sagte sie, nicht wissend, dass es sich um ihr Weihnachtsgeschenk handelte.

Das Silvesteressen hatte mehrere Gänge und die Gastgeber genossen es, bei jedem neuen Gang überschwänglich gerühmt zu werden.

Und ebenso genossen sie es, das Lob immer sofort zu relativieren: «Aber nein, das ist nichts Besonderes, man muss nur darauf achten, dass es schön langsam gegart wird.» – «Ach was, das könntest du sicher genau so gut.» – «Nein, nein, das sind ganz gewöhnliche Steinpilze, man muss sie nur lange genug einlegen.»

«Und jetzt bitte ich das verehrte Publikum um seine werte Aufmerksamkeit für die Weltpremiere, der grossen Weihnachts-Dia-Show!», sagte Robert im Tonfall eines Conférenciers. Dann löschte er das Licht im Raum. Auf der Leinwand erschien das erste Bild. Es zeigte die Strandpromenade und darüber den Schriftzug «Sharm-El-Sheik – Weihnachten 2016» Im Hintergrund waren ein paar nicht mehr ganz junge Touristinnen in viel zu knappen Bikinis zu erkennen. Alle lachten und Robert klickte weiter. Es folgten Fotos die Robert mit der wasserdichten Kamera aufgenommen hatte, Fische in allen Formen und Farben. «Du bist ja ein Meisterfotograf. Wann hast du denn die gemacht?», fragte Lilian voller Bewunderung.

«Während ihr im Keller des Hotels eure Luxuskörper gestrafft habt», war Roberts neckende Antwort. «Ich musste nicht einmal richtig ins Wasser. Es genügte, bis zu den Knien reinzustehen und die Kamera ins Meer zu halten.» Es folgte eine Serie von Bildern über Weihnachtsschmuck an Palmen und kitschige Dekorationen im Hotel. Es gab viel zu lachen und alle kommentierten spontan durcheinander. Bei den Bildern vom Sonnenaufgang auf dem Mosesbergs waren viele «Aaahs» und «Ooohs» zu vernehmen. Hierauf zeigte Robert die Fotos, die er beim Weihnachtsessen aufgenommen hatte.

Auf einmal wechselte die Stimmung im Jurahaus. Das sehe ja himmeltraurig aus, so von aussen betrachtet, fand Lilian. «Wie so ein ganz gewöhnliches Ferienessen irgendwo an der Riviera.» – «Aber es war unser Weihnachtsessen!», versuchte Ines vergeblich, die Enttäuschung schönzureden. «Vielleicht ist die Tischgemeinschaft zu klein, um mehr herzugeben», meinte Joe. «Oder es fehlen die Kerzen», ergänzte Robert. «Oh, wie sehe ich denn aus!; entfuhr es Ines beim nächsten Bild. «Wie eine, die weit weg gereist ist, um schönere Weihnachten zu feiern, aber dann Mühe hat zuzugeben, dass sie die biedere Feier zu Hause eigentlich viel lieber hat», sagte Robert.

Nach der Dia-Show einigte die Gruppe sich darauf, dass Weihnachten sowieso ein schwieriges Fest sei, ganz gleich, wo und wie man es feiere. «Ja», sagte Joe, «es ist halt schon schwierig angelegt. Ich meine in der Bibel, mit dieser Volkszählung und dem bösen König Herodes und der erfolglosen Herbergssuche und mit der Geburt im Stall.» – «Und mit der Flucht nach Ägypten», ergänzte Ines, «die Flucht nach Ägypten ist das Schwierigste.» Alle nickten nachdenklich und Robert brachte den Kaffee und eine Dose mit Weihnachtgebäck von seiner Mutter. Da begann die Kirchenglocke das alte Jahr auszuläuten.

Die Weihnachtsgeschichte erschien in diesem Jahr als Fortsetzungsgeschichte in sechs Teilen. Verpasste Folgen können online nachgelesen werden.

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