Kein Buch über Auschwitz, sondern direkt von dort – eine Chronik des Unbeschreiblichen

Seweryna Szmaglewska hat drei Jahre Auschwitz-Birkenau überlebt und beschrieben. Erst jetzt ist das Buch auf Deutsch zu lesen.

Bernadette Conrad
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Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurden 1,5 Millionen Menschen ermordet.

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurden 1,5 Millionen Menschen ermordet.

Imago

Am Lagereingang stehen Neuankömmlinge: Elegante französische und holländische Jüdinnen, noch gebräunt vom Skiurlaub, und sehen sich nach ihren Familien um. Die schon länger in Auschwitz sind, schauen zum Rauch aus dem Krematorium und «wissen genau, wo die Mütter ihrer Altersgenossinnen sind». Sie wissen auch, dass die Frauen schon in wenigen Stunden, kahl geschoren, in Häftlingskleidung, «Affenmenschen» ähnlicher sehen werden als sich selbst.

Als Seweryna Szmaglewska, geb. 1916, 1942 nach Auschwitz verschleppt wurde, war sie eine junge Soziologin aus Warschau. «Im Jahre 1942 ist Birkenau (das sogenannte Auschwitz II) ein sumpfiges, von elektrisch geladenem Stacheldraht umzäuntes Feld. Es gibt keine Strassen oder Wege zwischen den Blocks, im ganzen Lager gibt es kein Wasser und gleichzeitig (bis zum Schluss übrigens) keine Kanalisation.

Der gesamte Schmutz, Kot und Abfall liegt da, stinkend und verfaulend. Tief über Bir­ken­au ist kein einziger Vogel zu sehen, obwohl die Gefangenen während der mehrstündigen Appelle viel Zeit haben, um nach einem zu spähen. Durch ihren Geruchssinn oder Instinkt geleitet, meiden die Vögel diesen Ort. Birkenau existiert offiziell nicht… Es ist eine Art Warteraum vor den Krematorien.»

Seweryna Szmaglewska.

Seweryna Szmaglewska.

ZVG

Szmaglewska wird, durch «eine Laune des Zufalls», Auschwitz II überleben, wo 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Nach drei Jahren in Birkenau wird sie sich noch 1945 hinsetzen und schreiben.

Über die Frauen, die nach Arbeitstagen vom Morgengrauen bis zum Abend, blau vor Kälte, über einen Haufen dreckiger Lumpen gebeugt sitzen, die rasierten Köpfe zwischen die Schultern eingezogen und mit ihren dünnen Fingern Läuse zerdrücken. Die sich neben immer andere abends auf den Strohsack quetschen: Der Tod ist schnell. Im April 1943 wird «das 45. Tausend weiblicher Gefangener nach Auschwitz gebracht».

Sie alle kämpfen bis zum letzten Atemzug darum, arbeitsfähig zu bleiben, denn der Schritt in die Krankenstation – Jüdinnen nicht zugänglich – ist oft der erste Schritt in den Tod. Es herrsche in Auschwitz «eine eigentümliche Umdeutung der Begriffe: Alles, was schwach, zerbrechlich, unbeholfen, krank ist, verdient Verfolgung, wird hinuntergestossen und mit Füssen getreten». Da ist die «Frau, die ihre Knie anwinkelt und ihre Beine – mit grauer Haut bezogene Knochen – zusammendrückt.

Bei jeder kleinsten Bewegung verbreitet sie einen schrecklichen Gestank. Ihre schmutzige, am Körper klebende Kleidung trägt unverkennbare Spuren dessen, dass sie wahrscheinlich über der offenen Kloakengrube ohnmächtig geworden und in die Exkremente gefallen ist, was den Ruhrkranken ziemlich häufig passiert». Man stirbt an Typhus oder Ruhr, wird erschlagen, erschossen oder tötet sich, verzweifelt, selbst. «Und hoch oben, über dem Lärm des Lagerlebens… bricht aus dem Schornstein des Krematoriums ein Bündel dunkelroter Feuerflammen aus… – wie eine aus menschlichen Körpern angezündete Fackel.»

Beweismittel bei den Nürnberger Prozessen

Wie kann es sein, dass dies Buch, 1945 geschrieben und als «Rauch über Birkenau» in Polen publiziert, wenige Jahre später Pflichtlektüre an polnischen Schulen, erst 2020 auf Deutsch erscheint? In ihrem Nachwort findet auch Übersetzerin Marta Kijowska keine wirkliche Erklärung. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen lag es als Beweismittel vor. Szmaglewska selbst, die in den Jahrzehnten danach zur bekannten Schriftstellerin wurde, sagte dort aus.

Szmaglewskas Erzählen kriecht in die engsten und düstersten Ritzen von Auschwitz-Birkenau. Es beschreibt das «Strafkommando», in das eine Frau kam, wenn sie – ein Beispiel – nach zwei Jahren Auschwitz plötzlich in einer Gruppe Männer ihren Mann erkannte und kurz mit ihm sprach. Danach mit einem roten Kreis auf dem Rücken markiert, musste sie noch bei sintflutartigen Regen und ohne jede Pause Steine, Kies, Sand tragen, Gräben ausheben, von SS-Männern gejagt, fast verhungert und erfroren.

Die Frauen «organisierten» sich, um einander beim Überleben zu helfen – aber es gab auch die Spione, die sich bei den Aufsehern einschmeichelten, um zu bevorzugten «Funktionsgefangenen» zu werden. Szmeglewska nennt die Täter beim Namen, die «Kapo» Drechsler oder Mandl, die SS-Männer König und Kraus; sie würdigt liebevoll etliche ihrer jungen, ermordeten Leidensgefährtinnen.

Das Buch hat wieder an Aktualität gewonnen

Es ist kein Buch denkbar, das man im Blick auf den erstarkten Rechtsradikalismus, den wachsenden Antisemitismus so dringend lesen müsste wie dieses. Denn nüchtern und zugleich hochliterarisch führt uns Szmaglewska durch die tausend Momente, aus denen ein Tag und eine Nacht unter SS-Herrschaft bestand, sie verzeichnet die Details der Perversion und erlaubt beim Weg durch die Jahreszeiten dieser nicht vergehenden Jahre keine Abkürzung.

Es ist kein Buch über Auschwitz, sondern kommt direkt von dort – als Gelegenheit, vielleicht momentweise eine Anmutung dessen zu erfahren, was man sich nie wird vorstellen können. «Es ist besser, keine andere Luft als die der Krematorien zu atmen und kein anderes Leben als das einer Gefangenen zu führen… Um vom Reiz des Lebens, das ringsherum in der Natur pulsiert, nicht verrückt zu werden, ist es besser, in das Lager wie ein Stein hineinzuwachsen.»

Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau. 450 Seiten mit Bildteil, Schöffling 2020.

Der gesamte Schmutz, Kot und Abfall liegt da, stinkend und verfaulend. Tief über Bir­ken­au ist kein einziger Vogel zu sehen, obwohl die Gefangenen während der mehrstündigen Appelle viel Zeit haben, um nach einem zu spähen. Durch ihren Geruchssinn oder Instinkt geleitet, meiden die Vögel diesen Ort. Birkenau existiert offiziell nicht… Es ist eine Art Warteraum vor den Krematorien.»