Theater Basel
Der Mörder wünschte sich nichts mehr, als Klavier spielen zu können

Gefühle und Ansichten eines SS-Schergen: Regisseur Lattela dramatisiert Littells Skandalroman «Die Wohlgesinnten» am Theater Basel.

Susanna Petrin
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Barbara Horvath als Una, links daneben ihr Bruder Max Aue (Thiemo Strutzenberger). Links aussen Thomas Hauser (Steffen Höld).

Barbara Horvath als Una, links daneben ihr Bruder Max Aue (Thiemo Strutzenberger). Links aussen Thomas Hauser (Steffen Höld).

Theater Basel / Alexi Pelekanos

Töten, töten, töten. Immer mehr, immer effizienter. Juden, Zigeuner, Polen, Russen, Ukrainer, Alte, Kranke, Frauen, Kinder. «Seit drei Jahren töten wir Menschen, das ist es, was wir tun.» Nüchtern konstatiert es Maximilian Aue (Thiemo Strutzenberger) im Gespräch mit seiner Zwillingsschwester Una (Barbara Horvath), in einem seiner verbliebenen klaren Momente.

Er ist inzwischen SS-Obersturmbannführer. Er war in Polen, war in der Ukraine, war in Auschwitz. Ist da irgendwie hineingeraten und hochgerutscht; erpresst, nachdem er am Homosexuellen-Treff im Berliner Tierpark von der Polizei als «175er» erwischt worden war; verlockt, von einem Nazi, der sich für ihn einsetzt: Thomas Hauser (Steffen Höld). So macht Aue Karriere: erst widerwillig, bald immer breitwilliger. Diese Karriere besteht im Töten, im dabei Zusehen und im Aushalten dessen.

Innenansicht eines Täters

Was denkt ein Mensch, dem das Morden zum alltäglichen Geschäft geworden ist? Wie fühlt einer, der zuvorderst dabei ist, beim Holocaust? Was geht in einem Dr. iur. vor, der in Gräbern auf halb toten Menschen herumtrampelt und Kopfschüsse abgibt? Der Autor Jonathan Littell wollte es in seinem 2008 auf Deutsch erschienenen 1400-Seiten-Roman «Die Wohlgesinnten» wissen. Immer mit der Frage verbunden: Was hätte ein jeder von uns in dieser Situation getan? Er erfand einen fiktiven Täter und versetzte ihn in ein geographisch und geschichtlich akkurat recherchiertes Umfeld. Der Faszination des Romans, wenn auch oft aus Ekel, kann man sich kaum entziehen.

Intensität und Bildgewalt

Genauso wenig entziehen kann man sich Regisseur Antonio Latellas dichter Bühnenadaption. Ihrer Intensität, ihrer Sprach- und Bildgewalt, ihrer intelligenten Mischung realistischen Erzählens und abstrakter Theaterbilder, den grossartigen Schauspielern. Vor allem ihnen nicht. Nach mehreren Saisons in Wien feierte die Übernahme der «Wohlgesinnten» am Donnerstag in Basel auf der Kleinen Bühne Schweizer Premiere.

Es ist ein Erlebnis, den drei Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie dieses Ungeheuer in dreieinhalb Stunden stemmen. Steffen Höld ist der eiskalte Karrierenazi, der am Ende eines leichenvollen Tages gern trinkt. «Schnaps ist Schnaps, Krieg ist Krieg» ist sein Leitspruch. Dem sensibleren Max rät er: «Du denkst zu viel!»

Barbara Horvath übernimmt zahlreiche Nebenrollen. Davon die grösste ist die Zwillingsschwester Una. Doch ist sie nicht weniger eindrücklich etwa als alter, weiser Russe, mit dem Aue ein intellektuelles Zwiegespräch führt – bevor er auch ihn tötet.

Thiemo Strutzenberger als SS-Scherge Max Aue wirkt zuweilen wie in einem Fiebertraum. Er ist ein Monster und ein Sanfter, ein Verführer und ein Vergewaltiger; gebildet, skeptisch, charmant, einsichtig und zunehmend irr zugleich. Glaubhaft changiert er zwischen all den inneren Widersprüchen, die seinen Charakter ausmachen. Sein Spiel ist derart körperlich, dass sogar seine Augen die Farbe zu wechseln vermögen: von hellblau zu gelbbraun und zurück.

Zur Seite steht den dreien ein Countertenor – neu dabei ist Alexander Seidel, der gut singt, sich mimisch aber gern etwas zurückhalten dürfte.

Aue liebt Musik. Eigentlich wünschte der Mörder sich nichts mehr, als Klavier spielen zu können. Latella nimmt diesen Kontrast von Barbarei und Kultiviertheit zum Leitmotiv. Die Szene mit dem Russen spielt zwischen umgekippten Klavierstühlen – wie Grabsteine auf einem Friedhof. Und der alte Russe legt sich ins Klaviergrab. Im Hintergrund läuft derweil ständig die Filmprojektion eines Tags im Tiergarten. Blätter rauschen. Ein locus amoenus als weiterer Gegenpol zur Monstrosität eines totalen Krieges.

Im ersten Teil erkennt Aue die Sinnlosigkeit der Monstrosität, in die er verwickelt ist. Im zweiten Teil sind er und sein Kumpel in die zuvor übergrossen Anzüge hineingewachsen. Und Aue wächst darüber hinaus in den Grössenwahnsinn, wird zum inzestuösen Vergewaltiger, zum Muttermörder. Private Perversionen beginnen sich mit KZ-Gräuelbildern zu vermengen. Der Irrsinn vervielfacht sich bis zur Unerträglichkeit.

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