Architektur

Der Mann aus der Peripherie

Max Schlup hat das Gesicht der Stadt Biel geprägt – jetzt ist es nachzuvollziehen in einem voluminösen Bildband. Der Architekt, der dieses Jahr vorstorben ist, wird der «Solothurner Schule» zugerechnet.

Annemarie Monteil
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Ist noch heute nicht zu übersehen: Kongresshaus mit Büroturm und Hängedach im Zentrum Biels.

Ist noch heute nicht zu übersehen: Kongresshaus mit Büroturm und Hängedach im Zentrum Biels.

HO

Seite um Seite erschliesst sich ein architektonisches Schaffen, das in seiner klaren Formensprache dem Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg angehört, in seiner Eigenwilligkeit sich jedoch rascher Einordnung entzieht. Meist wird Max Schlup (1917–2013) der berühmt gewordenen «Solothurner Schule» zugerechnet, wie Jürgen Joedicke 1969 die Architekten Alfons Barth, Franz Füeg, Fritz Haller und Hans Zaugg vorstellte. Die fünf waren befreundet, trafen sich, diskutierten, hatten aber kein gemeinsames Programm, keinen einheitlichen «Stil».

Zudem lag Biel und damit Max Schlup an der Peripherie: zu westlich für die Urteil-beanspruchenden Zürcher Kunstrichter, zu deutschschweizerisch für die Romands. So blieb der verdiente Ruhm für Schlups hervorragendes Werk weitgehend aus. Dass nun die Enkelgeneration dies mit der Herausgabe der Publikation nachholt, ist schönes und notwendiges Erinnern an Qualität und Gesinnung.

Kongresshaus und Magglingen

Immerhin: Das Kongresshaus im Zentrum Biels war und ist für alle unübersehbar, ihm gilt denn auch das umfangreichste Kapitel. Theater- und Kongresssäle, Restaurant, Hallenbad, Gymnastikhalle und Büros sind gefasst in einen vielgliedrigen Gebäudekomplex. Wie die nach Grösse und Nutzung verschiedenartigsten Schauplätze sich verbinden und trennen, in die Horizontale und die Vertikale staffeln, mit Zwischenebenen und Galerien zum hinreissenden Rundgang werden, ist bestens dokumentiert.

Mit ebenso viel Sorgfalt und Wissen geht Schlup intime Familienbezüge an: Das begrenzte, überschaubare «Wohnheim Mutter und Kind» steht an Rhythmus und Proportion dem Opus magnum Kongresshaus nicht nach.

Wer «Magglingen» hört, denkt an eidgenössische Hochleistungsausbildung und nicht an das Wunderwerk der Architektur einer über 90 Meter langen Sporthalle, die Max Schlup in die ansteigende Jurawiese vor dunklen Tannen komponierte: Grandezza, die bei aller Monumentalität elegante Leichtigkeit hat. Ob die Sportler wissen, dass sie in einem Bau von der Qualität des Parthenon trainieren?

Wer war der Mann hinter dem Werk? Bei aller Zeitlosigkeit grosser Bauten sind Werk und Person auch Zeitzeugen. Dass die Jahre während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufleuchten, gibt dem Band Tiefendimension. Dazu gehört ein Kernkapitel des Buches: ein Interview mit Schlup, als er 92 Jahre alt war. Seine Berufswahl habe sich ergeben, weil der Vater, Schreiner und Karosserieschlosser, ihn ermutigt habe: «Das hat mich dazu gebracht zu sagen, am liebsten möchte ich Architekt lernen – lernen, nicht studieren.»

Was hat er am Technikum gelernt? «Eigentlich überhaupt keine Architektur. Man hat gelernt, wie man baut.» Was das damals hiess, erfährt man im Einleitungstext von Schlup-Freund Franz Füeg: «Das war zu der Zeit, als der Maurer die Wände meist mit Backsteinen gemauert hat, der Dachstuhl vom Zimmermann aufgerichtet und vom Dachdecker mit Ziegeln gedeckt wurde. Hat der Stahl für die Armierungseisen gefehlt, dann unterblieb der Bau der Betondecken und die Baustelle musste ruhen. Es war Krieg.»

Aufbruchstimmung

Die Grenzen waren geschlossen, Schlup musste seine Stelle in Kassel, bedrängt von den Nazis, aufgeben. In der Schweiz baute er Barackensiedlungen für Kriegsflüchtlinge. Die Gründung des eigenen Büros erfolgte 1948. Die Schweiz erwachte. Franz Füeg erinnert sich: «Der Nachbar baute sich eine kleine Werkstatt. Dann schon bald die zweite. Und unversehens hatte er beide durch eine Fabrik ersetzt. An jedem neuen Tag fuhren mehr VW Käfer durch die Strassen. Und immer stärker regte sich der Stolz der Gemeindeväter, ihren Nachkommen ein neues Schulhaus zu bauen. So und ähnlich ist es gewesen am Beginn des neuen Friedens.»

Das hiess für die jungen Architekten: Hoffnung auf Aufträge, nächtelange Wettbewerbe, Verabschiedung vom heimeligen Landistil der Väter. Technische Forschung und neue Produkte ermöglichten neue Ideen. Max Schlup, der Mann aus der Peripherie, entwarf seine kühnen Bauten und entwickelte die Mittel, wo sie der Baumarkt nicht anbot. Die grossen Glasflächen und die riesigen Spannweiten, die seine Bauten kennzeichnen, sind konstruktive Meisterleistungen. Dazu Schlup auf die bewundernde Frage des Interviewers: «Es ist natürlich nicht die Grösse, die es ausmacht, es ist der Anstand, wie ein solcher Bau dargestellt wird.»

Anstand heisst Haltung, heisst Verantwortung. Wie bestimmt man, was richtig ist? Schlup: «Das ist ein Entscheid des Architekten, den er ganz für sich selbst fällen muss. Das ist eine schwierige, harte Arbeit.» Und: «Ich habe immer sehr viel Zeit damit verloren, die Proportionen in den Griff zu bekommen.»

Zu kurz kommt, wie oft in Architekten-Monografien, der Bezug zur Kunst. Er wird zwar erwähnt im Interview, aber die Mitwirkung Schlups ging weiter, etwa bei den frühen Plastikausstellungen am See in Biel, im Kontakt mit deren Begründer Marcel Joray, später mit Maurice Ziegler. Werke aus den Ausstellungen finden sich bei seinen Bauten. Er muss ein anregender Partner gewesen sein, denn ihm ging es nicht – wie er sagte – um «irgendeinen speziellen Effekt», sondern um das Ganze. Um den Anstand.

Max Schlup Architekt. Deutsch/Französisch, 10 Bauten, Fotos, Grund-und Aufrisse, Werkverzeichnis. 358 S., Verlag Niggli, Fr. 78.–.