Herfried Münkler
Der Kriegserklärer

Herfried Münkler begann sich mit dem Krieg zu beschäftigen, weil die Friedensforschung das gerade nicht tat.

Christoph Bopp
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«Meister der Zeitdiagnostik»: Der Politikwissenschafter Herfried Münkler.Malte Jaeger/laif

«Meister der Zeitdiagnostik»: Der Politikwissenschafter Herfried Münkler.Malte Jaeger/laif

Malte Jaeger/laif

Die Frage war zu erwarten. Wie man sich das vorstellen müsse, wenn er zum Thema «Krieg» forsche, wollte eine Schülerin der Kantonsschule Baden wissen. Tieferes Wissen über den Krieg erwirbt man sich schliesslich im Kugelhagel. Herfried Münklers Antwort hätte man als ausweichend taxieren können oder müssen, wenn sie nicht wahr wäre: «Wenn man in den Krisengebieten dabei ist, erfährt man wenig oder nichts. Was genau abläuft, sieht man besser aus der Distanz.» Was den Krieg ausmacht, das mag allenfalls Sache der persönlichen Erfahrung sein; was der Krieg ist, das bekommt man aber mit Nachdenken und dem Studium sekundärer Quellen besser heraus.

Eingeladen hatten den berühmten Professor aus Berlin die Geschichtslehrer der Kantonsschule Baden. Sie hatten sich und ihre Klassen mit dessen Buch «Die neuen Kriege» beschäftigt. Der Einladung waren auch gut 150 Schülerinnen und Schüler gefolgt, die Aula war gut gefüllt. Geleitet wurde das Gespräch von einer Schülergruppe, die Lehrer hielten sich zurück. Und das Interesse des Publikums war gross und die Beteiligung lebhaft. Herfried Münkler gab sich Mühe, in seinem frei gehaltenen Einleitungsreferat verständlich zu bleiben. Es gelang. Auch wenn er Krieg und Frieden als «Aggregatzustände des Politischen» definierte, was er offensichtlich nicht vermeiden konnte und deshalb ganz behutsam tat, gab es kein Aufstöhnen. Und die Fragen, welche bereitwillig gestellt wurden, verrieten, dass sich Schülerinnen und Schüler in die Thematik und Begrifflichkeit eingearbeitet hatten.

Herfried Münkler

Geboren 1951, seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität in Berlin. Er verfasste eine zum Klassiker gewordene Dissertation über Machiavelli. Spätestens seit seinem Buch «Die neuen Kriege» (2002) ist er der führende Kriegstheoretiker im deutschsprachigen Raum. Er äussert sich auch zu aktuellen Themen und publizierte 2016 zusammen mit seiner Frau: «Die neuen Deutschen: Ein Land vor seiner Zukunft» (Rowohlt Berlin).

Willst du Frieden, erklär den Krieg

Natürlich sagt das niemand so geradeheraus, aber Herfried Münkler ist der «Kriegserklärer», «DER» gross geschrieben. Nicht nur historisch zum Ersten Weltkrieg hat er sich geäussert, sondern auch über 9/11, die Irakkriege und die Bürgerkriege
in der Gegend seither. Und weil Deutschland auch engagiert ist – bei der Afghanistan-Mission der Nato zum Beispiel oder weil man beschlossen hat, die kurdische Peschmerga gegen die Kämpfer des IS zu bewaffnen und zu unterstützen, – ist er auch häufig Gast in TV-Talk-Runden.

Wir – in Westeuropa – haben gelernt, den Krieg abzulehnen. Man spricht nicht darüber. Krieg ist zu verabscheuen, fertig. Natürlich ist das nicht falsch. Aber es hilft nicht gerade zu verstehen, was läuft. Die – auch die theoretische – Beschäftigung mit dem Krieg ist deshalb rechenschaftspflichtig. Wie ist Herfried Münkler Kriegsforscher geworden? (Es hätten sich allmählich «Kompetenzvermutungen» diesbezüglich ergeben, sagt er selbst.) Politische Ideen waren sein Feld und es wurde mit Seminaren über Platon und Aristoteles bis Hobbes und Hegel bestellt. Machiavelli, die Figur, der er seine Dissertation widmete, hatte aber bereits eine Weiche gestellt. Der Weg führte dann zu Clausewitz und seinem berühmten Buch «Vom Kriege», von dem viel mehr den Titel kennen, als es gelesen haben.

Zu Beginn der 90er-Jahre stellten die Zerfallskriege in Jugoslawien dann vieles infrage. Das «klassische Besteck» von Clausewitz, wonach bei Kriegen nach «Zweck, Ziel und Mittel» gesucht werden müsse, erwies sich als weitgehend untauglich, um diese Bürger- und Bandenkriege zu verstehen. «Friedensforschung» hätte es hinreichend gegeben in Deutschland, aber die Vermutung, dass «die oft keine Ahnung hatten, wovon sie redeten, wenn sie den Krieg meinten», machte Münkler klar, dass dieses Feld bisher überhaupt nicht besetzt war. Das Entwickeln von «belastbaren Gedanken» hätte dann zu einem ersten Buch geführt – «und dann arbeitet man sich halt tiefer rein».

Clausewitz steht für den «domestizierten» Krieg, wo es auch ein «Recht im Krieg» gibt und bei dem vor allem klar ist, dass er einmal endet. Die «neuen Kriege» sind nicht so. Als sich Gorbatschow und Reagan in Island die Hand reichten, atmete die Welt auf. Jetzt schien die Gefahr des Krieges gebannt. Aber es war eben eine Illusion. Der Kriegsunternehmer (warlord) kehrte zurück, anstatt Kriege zwischen Staaten entwickelten sich Konflikte mit fliessenden Grenzen zwischen den Kontrahenten, und wie man nicht mehr recht wusste, wer mit wem und gegen wen Krieg führt, war auch nicht mehr absehbar, wie er beendet werden könnte.

Das Gefühl von 1913

Bürgerkriege oder Religionskriege in fernen Ländern sind ein Ding. Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg hat in uns eine dumpfe Ahnung wachgerufen. Es könnte sein wie 1913 – heute. Eigentlich läuft alles gut, der Handel ist globalisiert, die Politik zivilisiert. «Aber eine leise Befürchtung, es könnte nicht gut werden», beschlich damals die Mächtigen. «Noch sind wir noch längst nicht so weit», sagt Münkler über die «Gewitterschwüle von 1913», aber es gibt Zeichen. Probleme werden verwaltet, nicht gelöst. Man spielt auf Zeit und lässt die Probleme sich aufblähen. Intellektuelle äussern sich: «Wir müssen etwas machen!» – Intervenieren, die Gewalt stoppen –, aber der Aufruf erfolgt meist ohne klare Ziele oder Zwecke und man weiss nicht, «wie man dann Herr des Geschehens werden und bleiben kann».

«Wir könnten ohne Krieg leben.» Der Satz steht für Westeuropa. Ob oder wie sehr er anthropologisch unterfüttert ist, ist schwer abzusehen. Die Diagnose «Postheroismus», die uns gestellt wird, deutet einfach darauf hin, dass in anderen Gegenden, unter anderen sozialen und wirtschaftlichen Umständen, sich halt eben doch Verwerfungen ergeben, in denen «Krieg und Gewalt eine Option ist».