Mein Lieblingswerk
«Der Geist, dessen Neugier keine Grenzen kennt»

Antonio Loprieno, scheidender Rektor der Universität Basel, wählt Arnold Böcklins «Odysseus und Kalypso» als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

Antonio Loprieno
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Arnold Böcklin: «Odysseus und Kalypso», 1882, Öl auf Mahagoniholz, 103,5×149,8 cm.

Arnold Böcklin: «Odysseus und Kalypso», 1882, Öl auf Mahagoniholz, 103,5×149,8 cm.

Martin P.Bühler/Kunstmuseum Basel

«Ich kenne diese Höhle. Sie liegt auf einem mir vertrauten Eiland im Mittelmeer, ein paar Kilometer vom Ferienhaus entfernt. Ich erkenne auch die nackte Nymphe an deren Eingang: Sie ist des Künstlers eigene Frau. Sie trägt einen anderen Namen für jeden von uns. Und der grübelnde Mann am Felsenrand?

Antonio Loprieno

Antonio Loprieno

Keystone

Wir werden weitersegeln

Wir kennen diese Höhle. Wie Arnold Böcklin tragen wir sie in uns. Sieben Jahre hat er schon im goldenen Käfig der Lust – der Trägheit – verbracht. Durch die Macht ihrer Schönheit lässt uns Kalypso immer wieder vor Neuem – Gefährlichem, Erneuerndem, Befreiendem – zurückschrecken. Odysseus, der Künstler und ich werden immer wieder mit solchen Entscheiden konfrontiert. Wohin mit dem Leben? In Florenz bleiben oder zurück in die Schweiz?

Der lasziven, aber ihres Feuers beraubten Kalypso, die ihrer ermatteten Liebe nachtrauert, kehren wir den Rücken, indem wir uns als nachdenkliche Liebende zeigen. Wie hinterhältig! Denn so kann Kalypso unser dem Horizont und der Meerestiefe zulächelndes Gesicht nicht sehen.

Wir sind zu feige, um es ihr zu zeigen, haben indes die Entscheidung längst getroffen: Wir werden weitersegeln und hoffen, dass das Neue, das sich unseren Augen erschliessen wird, dem Alten in unserem Herzen entsprechen mag.»