Neuerscheinung
Der Fachmann für familiäre Demütigungen jeglicher Art

Wer fremden Familien gern auf den seelischen Abendbrottisch schaut, ist bei Jonathan Franzen an der richtigen Adresse.

Shirin Sojitrawalla
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Keystone

Das bewies Jonathan Franzen schon vor neun Jahren mit seinem gewaltigen Familienroman «Die Korrekturen» und das beweist er auch jetzt mit seinem neuen Werk «Freiheit». In diesen Romanen erfährt der Leser all das, was er selbst über nahe Freunde nie erfahren wird und womöglich auch gar nicht zu wissen wünscht.

Diesmal macht uns Franzen mit der vierköpfigen Familie Berglund bekannt, wobei er die Mutter Patty ins Zentrum des Buches rückt. Mehr als drei Jahrzehnte ihres Lebens, von den Siebzigerjahren bis beinahe in unser Jahrzehnt hinein, verbringen die Leser an ihrer Seite, folgen ihr aus ihrer politisch engagierten und hochnäsigen Ostküstenfamilie über eine studentische Karriere als Basketballspielerin bis hin zu ihrer Ehe mit dem eher langweiligen, aber verlässlichen Walter. Mit ihren zwei Kindern Joey und Jessica leben die beiden ein scheinbar solides amerikanisches Mittelklasseleben, wie es Millionen andere auch tun.

Ausser den Berglunds umkreist der Roman auch noch den Musiker Richard Katz, bester Freund von Walter seit Studientagen und fast lebenslange erotische Versuchung für seine Frau Patty. Diese vier Figuren, über die Tochter Jessica erfährt man seltsamerweise vergleichsweise wenig, umkreist Franzen aus wechselnden Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten. Dabei macht der enthusiastische Vogelbeobachter Franzen das, was er auch in der Natur zu machen pflegt: Er beobachtet. Alles. Gnadenlos. Und erweist sich wieder einmal als Fachmann für familiäre Demütigungen jeglicher Art und erstklassiger Auf-den-Punkt-Bringer.

Heute geht vieles, wenn nicht alles

Die Frage, die unter den zahllosen Geschichten und Erzählsträngen des Romans unaufhörlich vibriert, lautet schlicht: Wie soll ich leben? Die Frage geht uns alle an: Wie sollen wir leben? Mit ihren strauchelnden Lebensläufen und gewagten Biografien führen Franzens Figuren uns Leserinnen und Lesern vor Augen, was geht. Und heutzutage geht vieles, wenn nicht alles.

Ehebrecherin à la Emma Bovary

Dabei gelingt es dem Autor, die politischen Katastrophen seines Landes in den privaten Nöten seiner Akteure zu spiegeln und umgekehrt. Sohn Joey entwickelt sich zum aufrechten Re-publikaner, dem für ein schnelles Geschäft kein Weg zu krumm ist. Walter hingegen wirft sich als älterer Mann mit Verve in den Kampf für die Singvögel, genauer gesagt für den Pappelwaldsänger, und gerät dabei zwischen die ideologischen Fronten.

Mit der Ehefrau und Mutter Patty erschafft Franzen eine Ehebrecherin, die es mit ihren grossen literarischen Vorbildern Emma Bovary, Anna Karenina und Effi Briest aufnehmen kann. Im Gegensatz zu ihnen gibt Franzen seiner Hauptfigur aber die Möglichkeit, sich scheinbar selbst zu erklären.

Den Begriff der Freiheit umzingelt Franzen von allen Seiten, führt finanzielle, sexuelle, moralische Freiheit wie auch Unfreiheit vor, den Fluch der Freiheit natürlich sowieso. Als Autor nimmt er sich dann die Freiheit, den Berglunds ein beinahe schneewittchenhaftes Ende zu gönnen. Ein Hoffnungsschimmer beglänzt das Finale. Und doch bebt das Ganze vor leiser Lebens- und Welttraurigkeit.

Jonathan Franzen: Freiheit. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt-Verlag 2010. 730 S., Fr. 41.50.