Literatur
Der Aargauer Schriftsteller Ernst Halter feiert seinen 80. Geburtstag mit einem neuen Roman

Der Aargauer Schriftsteller Ernst Halter wird morgen 80 Jahre alt. Seinen runden Geburtstag feiert er mit der Vernissage seines neuen Romans «Mermaid». In ihm verbinden sich Gegenwart und Erinnerung.

Beat Mazenauer
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Ernst Halter: In vielen seiner Bücher findet sich eine Grundströmung des Unheimlichen und Finsteren wieder.

Ernst Halter: In vielen seiner Bücher findet sich eine Grundströmung des Unheimlichen und Finsteren wieder.

KEYSTONE

In seinem neuen Roman «Mermaid» greift Ernst Halter eines der ältesten literarischen Motive auf: den Eros, die Liebe. Das Buch kündet eine «andere, unverbrauchte Sprache der Erotik» abseits des «pornografischen Jargons» an. Gleich zu Beginn, im «Postscriptum», taucht ein liebender Elias aus dem Tumult seiner Schreibarbeit auf, um unter dem bleichen Mondlicht die Geister der Erinnerung zu wecken: «Seine Zeit mit Mermaid». «Es ist also ein Liebender, der hier spricht», liesse sich getrost mit Roland Barthes ergänzen, und die geliebte Wasserfee, seine Mermaid, anruft.

Dieser Name taucht hier nicht erstmals in Ernst Halters Werk auf. Schon der Gedichtband «Englische Suite» (2012) war «Mermaid» gewidmet – und der Liebe zwischen Glück und Schmerz, die einander wie «zwei Schattengestalten» begleiten. Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Erika Burkart, der «grossen Dichterin», bewahrt die Liebe in dieser Lyrik eine schwermütige, dunkle Tönung, die von Krankheit und Operation zusätzlich verdüstert wird:

Doch beginnen wir von vorne. Ernst Halter kam 1938 in Zofingen zur Welt. In Zürich und Genf studierte er Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte mit einer Abschlussarbeit über «Tiecks Subjektivität». 1970 begann er als Cheflektor im Verlag Orell Füssli. Im selben Jahr debütierte er auch als Schriftsteller mit dem Gedichtband «Die unvollkommenen Häscher». Es bildete den Auftakt zu einem stattlichen Werk, das heute gegen vierzig Titel umfasst, die sich in drei Gruppen unterteilen lassen.

Sein lyrisches Schaffen umfasst sieben Bände, die vor allem in den letzten acht Jahren erschienen sind. Ihm steht die Prosa mit Erzählungen, Romanen und Erinnerungen gegenüber. Hinzu kommen etliche Bücher zu politischen und (kultur)historischen Themen, die Ernst Halter als Herausgeber mit verfasst und verantwortet hat.

Der Aargauer Schriftsteller Klaus Merz schrieb dieses Grussgedicht.     

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Immer wieder hat er darin die Spartengrenzen verwischt. Verriet sein erster Erzählband «Die Modelleisenbahn» (1972) verborgen lyrische Züge, griff Ernst Halter mit den Romanen «Urwil» (1977) und «Die silberne Nacht» (1979) beherzt und leidenschaftlich ins Zeitgeschehen ein. Vor allem «Urwil» reiht sich in die Reihe fiktiver Orte oder Unorte ein, die den Schweizer Alltag im kritischen Zerrspiegel zeigen.

Letzteres manifestiert sich noch ambitionierter in den literarischen Panoramen «Irrlicht» (1995) und «Jahrhundertschnee» (2009), die nichts weniger als die Geschichte einer Epoche zu erzählen versuchen. «Irrlicht» schildert ein textilindustrielles Experiment, das in einem fiktiven Ort namens Walau grandios fehlschlägt. In seinem Schatten spielen sich die menschlichen Dramen auf der Suche nach einem besseren Leben ab.

Noch weiter greift «Jahrhundertschnee» aus. In einer vielstimmigen, multiperspektivischen Montage vermisst Ernst Halter das 20. Jahrhundert mit seinen Hoffnungen und Katastrophen. Franziska Augstein erkannte im Autor einen «melancholischen Beobachter der Vergänglichkeit, ... der die traurige Vermutung hegt, dass viele Dinge nicht besser werden, sondern nur anders».

Rückkehr zur Lyrik

Das trifft etwas Wesentliches. In vielen seiner Bücher findet sich eine Grundströmung des Unheimlichen und Finsteren wieder, dem selbst die kraftvollen, genauen Beschreibungen nicht beikommen.

Hinaus ins Grosse und hinunter ins Intime – sind zwei grundlegende Bewegungsmuster in Ernst Halters Werk. In der späten Prosa tritt die persönliche Topografie stärker ins Blickfeld – allem voran in «Über Land» von 2007. Im Zentrum steht das 1687 erbaute «Haus Kapf». Von hier aus blickt der Autor übers Land, in losen Protokollen beschreibt er, wie sich die Landschaft unter dem Druck der Modernität und Rentabilität gewandelt hat.

2010 setzt der Tod von Erika Burkart eine Zäsur. Literarisch wendet sich Ernst Halter danach wieder vermehrt dem Lyrischen zu. In dem 2011 erschienenen Band «Schattenzone» endet eine Erinnerung an die Tote: «fand nicht die Spur im Sand / und stieg zurück ins Licht. / Ich lebe.» In dieser Zeile manifestiert sich eine Aufhellung am poetischen Horizont, wie sie auch in seinen jüngsten Gedichten erahnbar wird. Die Natur spendet Trost, und die Vergangenheit tritt aus dem Schweigen.

In «Die Stimme des Atems» (2003) erzählte Ernst Halter aus der eigenen Kindheit, wobei er seine Erinnerung in Form eines eigenwilligen «Wörterbuchs der Kindheit» zugleich subjektiviert und objektiviert hat. Vielleicht ist das ein Charakteristikum seines ganzen Werks. Er verbindet gern das Exemplarische und Subjektive mit der Natur und Aussenwelt. Das trifft auch für den Roman «Mermaid» zu. Ernst Halter beschreibt darin die intime Geschichte einer grossen Liebe ebenso, wie es ihm darum geht, die Sprache der Liebe neu zu entdecken und in allen poetischen Facetten auszuloten und zu variieren.

In ihren nachgelassenen Heften notierte Erika Burkart: «Meist lässt nur Unvernunft ein bisschen Glück zu.» Ernst Halter antwortet darauf: «Die Liebe ist das Unmögliche: die Ewigkeit im Gemüt von Zeitlichen.»

Ernst Halter: «Mermaid»

Roman (Klöpfer & Meyer, Tübingen), 346 Seiten.

Buchvernissage: 12. April, 19.15 Uhr im Aargauer Literaturhaus, Müllerhaus, Lenzburg.