Theater Basel
Das Kollektiv entert das Theater Basel: Dieser Spielplan verspricht einiges – trotz Corona

Benedikt von Peter und sein Team legen einen vielversprechenden Spielplan vor und setzen in der Organisation neue Zeichen.

Mathias Balzer
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Theater Basel

Theater Basel

bz

Benedikt von Peter schlüpft bei der Präsentation seines ersten Spielplans für das Theater Basel zuerst in die Rolle des Managers. Ein Stadttheater sei ein Grundversorger in Sachen Kunst, das Spielplanheft in einer «einfachen Sprache für alle» gehalten. Es gehe darum, der Ausdifferenzierung des Publikums gerecht zu werden.

«Alle sprechen von Öffnung, aber die kommt nicht einfach so, man muss dafür arbeiten», sagt der 43-jährige Intendant und Opernregisseur. Ihm eilt aus seiner Zeit in Luzern der Ruf voraus, das Theater mit Rauminszenierungen neu zu verorten und in den öffentlichen Raum zu tragen.

So explizit wie an der Reuss wird er diese Experimente am Rhein nicht praktizieren. Und doch: Als Zeichen der Offenheit setzt er an die Spielzeiteröffnung einen riesigen Tisch, der ums Theater mäandert. Das grosse Foyer wird im November zum «Foyer Public», einem von 11 bis 18 Uhr zugänglichen öffentlichen Raum mit Tanzbühnen, Bibliothek, Kinderecke und Theater-Café.

Die grosse strukturelle Änderung in Sachen Öffnung ist jedoch die: Er macht die Vermittlungsarbeit neben Oper, Theater und Tanz zur vierten Sparte, der grössten ihrer Art in der Schweiz. Neue Publikumssegmente sollen gezielt erschlossen werden. Beispielsweise die Expats mit einem englischen Programmheft und Expat-Apéros.

Anarchische Spekulation, sinnliches Denken

Auch in der Leitung des Hauses geht von Peter neue Wege. Wie in Zürich das Schauspielhaus, die Gessnerallee und der Neumarkt setzt der gebürtige Kölner auf ein gleichberechtigtes Leitungsteam. Richard Wherlock bleibt ihm im Ballett erhalten. Mit Anja Dirks, Antú Romero Nunes, Jörg Pohl und Inga Schonlau (siehe unten) kommt eine Crew mit spannender individueller Vergangenheit nach Basel, um das Schauspiel zu leiten.

Kollektive Führung und kollektive Entscheidungsfindungen werden als Abkehr vom Geniekult verstanden. Die neuen Leiterinnen und Leiter verstehen sich als «Laboranten eines Versuchs, in welchem anarchische Spekulation, fantastisches Spiel und sinnliches Denken Platz haben», führt Pohl aus.

Auch in der Zusammensetzung des Ensembles setzt man auf bewegliche, nicht hierarchische Strukturen. Es werden keine Gaststar-Gagen mehr bezahlt, die Entlöhnung erfolgt nach Alter der Mitglieder. Auch im Orchestergraben gibt es keinen Chefdirigenten mehr, sondern Ivor Bolton, Tito Checcherini, Clemens Heil oder Thomas Wise geben den taktgebenden Stock abwechselnd weiter.

Das Schauspielensemble wird mit 38 Namen aufgeführt, mehr Männer als Frauen. Die meisten dieser Schauspielerinnen und Schauspieler werden zwar in Basel oder Umgebung wohnen, neben der hiesigen aber noch weitere internationale Bühnen bespielen. Das Netzwerk spannt sich über den gesamten deutschen Bühnenraum, aber auch hier bekannte Gesichter wie Andrea Bettini, Carina Braunschmidt, Martin Hug oder Ueli Jäggi werden im Schauspiel auf der Bühne stehen. Bruno Cathomas wird kommende Saison zumindest für eine Inszenierung wieder nach Basel kommen.

Klingende Namen in der Oper und im Theater

Während Benedikt von Peter strukturell wuchtige Zeichen setzt, hält er sich mit seinen Inszenierungen noch zurück. Mit «Saint François d’Assise» von Olivier Messiaen wird er am 15. Oktober die Opernsaison eröffnen. Da wird erstmals sein Raumtheater zu erfahren sein, inklusive 45-minütiger, musikalischer Vogelpredigt. «Eine Waschmaschine für die Seele», kündigt der Regisseur an. Als zweite Arbeit von ihm holt von Peters seine bereits an mehreren Orten gezeigte «Traviata» nach Basel. Dabei steht Nicole Chevalier als Kameliendame ganz alleine auf der Bühne.

Wie er Oper versteht, zeigt von Peters aber auch mit Einladungen an Regie-Kollegen und -kolleginnen: Romeo Castellucci wird sein fulminantes «Requiem» nach Mozart hier neu inszenieren. Simon McBurney zeigt ein Gastspiel seiner «Zauberflöte», Herbert Fritsch inszeniert «Intermezzo» von Richard Strauss.
Dass in der Oper weniger Uraufführungen als im Schauspiel zu sehen sein werden, ist sicher auch der schwierigen Planung in Sachen Corona geschuldet.

Antú Romero Nunes, Hausregisseur für’s Schauspiel, zeigt mit Ovids «Metamorphosen», dem «Räuber Hotzenplotz», Tschechows «Onkel Wanja», Melvilles «Moby Dick» und der «Odyssee» gleich fünf Inszenierungen. Wobei die beiden letzteren aus seiner Zeit am Thalia Theater Hamburg stammen.
Klingende Namen, sowohl bei Stoffen wie Regisseuren, sind auch im Schauspiel zu finden.

Der FranzosePhilippe Quesne wird eine Space-Oper Namens «Cosmic Drama» kreieren, der New Yorker John Collins knöpft sich James Joyce’s «Ulysses» vor, Dürrenmatts «Physiker» werden im Kollektiv inszeniert, David Lindemann wir zeigen, was mit dem Titel «Das Ende der Welt, wie wir sie kennen» gemeint ist.

Richard Wherlock hat insgesamt fünf Ballett-Abende programmiert. Wobei eine Strassentanz-Inszenierung zur Eröffnung, vom Bahnhof SBB ins Theater, «Giselle» von Pontus Lidberg und das auf allen Bühnen stattfindende Tanz-Fest zu 20 Jahren Wherlock in Basel besonders hervorstechen.
Theater Basel

Programm und Vorverkauf unter www.theaterbasel.ch.

Das neue Leitungsteam am Theater Basel

Anja Dirks

Anja Dirks, Jahrgang 1970, ist die neue geschäftsleitende Dramaturgin am Theater Basel. Von 2014 bis 2019 leitete sie das Belluard Festival in Fribourg. Von 2009 bis 2014 war sie künstlerische Leiterin des Festivals Theaterformen in Braunschweig und Hannover. Für die Wiener Festwochen kuratierte sie 2008 das Forum Festwochen. Sie war Assistentin von Matthias Lilienthal für das Festival Theater der Welt 2002 und dann als Programmdramaturgin tätig, zunächst am FFT Düsseldorf, dann im Theaterhaus Gessnerallee Zürich. Sie studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

Antú Romero Nunes

Antú Romero Nunes, geboren 1983 in Tübingen, ist Hausregisseur am Theater Basel. Von 2005 bis 2009 studierte er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Nunes’ Diplominszenierung «Der Geisterseher» wurde 2010 zum Festival Radikal jung ans Münchner Volkstheater eingeladen. Ab der Spielzeit 2009 / 2010 inszenierte Nunes unter anderem am Schauspiel Frankfurt und am Maxim Gorki Theater Berlin. Von 2014 bis 2020 war er Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg. Seine «Odyssee», die er nun auch in Basel zeigt, wurde 2017 ans Theatertreffen Berlin eingeladen.


Jörg Pohl

Jörg Pohl, Jahrgang 1979, ist Mitglied der Schauspielleitung am Theater Basel. Er absolvierte von 2002 bis 2005 den Studiengang Schauspiel an der Folkwang Hochschule in Bochum. Bereits während seines Studiums war er am Bochumer Schauspielhaus zu sehen. 2005 ging er nach einem Gastengagement in Bochum als festes Ensemblemitglied an das Schauspielhaus Zürich. Von 2009 bis 2019 war Pohl festes Ensemblemitglied am Thalia Theater Hamburg. Zu den Regisseurinnen und Regisseuren, mit denen er am Thalia arbeitete, zählen Johan Simons, Antú Romero Nunes sowie Kornél Mundruczó.

Inga Schonlau

Inga Schonlau, geboren 1975, ist Schauspieldramaturgin am Theater Basel. Sie studierte Philosophie, Politikwissenschaft, Psychologie und Germanistik an der Freien Universität Berlin. 2006 wurde sie Dramaturgie-
assistentin von Stefanie Carp an der Volksbühne Berlin. Von 2007 bis 2013 war sie als Dramaturgin am Theater Freiburg in der Intendanz von Barbara Mundel und Viola Hasselberg engagiert. Von 2014 bis 2020 war sie Dramaturgin am Theater Neumarkt und arbeitete dort unter anderem mit Boris Niktin, Nora Abdel-Maksoud, Graham Smith, Christoph Frick oder Heike M. Goetze zusammen.

Benedikt von Peter

Benedikt von Peter ist Intendant und künstlerischer Leiter der Oper am Theater Basel. Er wurde 1977 in Köln geboren, studierte in Bonn Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang. Nach einigen Jahren in der Freien Szene inszenierte er unter anderem am Theater Basel, an der Oper Frankfurt und an der Deutschen Oper Berlin. Von 2012 bis 2016 leitet Benedikt von Peter die Musiktheatersparte des Theaters Bremen. 2016 bis 2020 leitete er das Theater Luzern. Er wurde unter anderem mit dem Götz Friedrich-Preis, dem Theaterpreis «DER FAUST» sowie mit dem Kurt Hübner-Preis ausgezeichnet.

Richard Wherlock

Richard Wherlock wurde 1958 in Bristol (GB) geboren und studierte an der Ballet Rambert School. Seit 2001 ist er Direktor und Chefchoreograf des Ballett Theater Basel. Von 2004 bis 2009 war er Intendant des Festivals «basel tanzt». Für das Ballett Theater Basel schuf er zahlreiche Choreografien, unter anderem Klassiker-Adaptionen wie «A Swan Lake», «Traviata – Ein Ballett», «Carmen», «Juditha Triumphans», «Eugen Onegin» oder «Tewje». Als Choreograf arbeitete er für zahlreiche internationale Kompanien und verschiedene Filmprojekte. Im März 2021 gibt das Theater Basel zu seinen Ehren ein Jubiläumsfest.

(bal)