Theater Tuchlaube
Das Glück der Reichen, das verheissungsvoll wirkt

Ein Fastfood-Lokal, ein Quadratmeter Parkettboden und drei Menschen im Kampf um Positionen auf dem Arbeitsmarkt: «Augusta» ist ein sozialkritisches Stück über den Kampf in der Unterschicht um den Aufstieg.

Julia Stephan
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«That’s life, that’s what all the people say, you’re ridin’ high in April, shot down in May.» Immer wieder wurde die Bühne des Theaters Tuchlaube in Aarau am Samstagabend zu Frank Sinatras «That’s Life» für Sekunden in ein kitschiges, luzides Sternenbannermeer getaucht. Dann gerieten die realen Verhältnisse der amerikanischen Unterschicht wieder unverstellt in den Blick: ein Fastfood-Lokal, ein Quadratmeter Parkettboden und drei Menschen im Kampf um Positionen auf dem Arbeitsmarkt.

«Das sind nur Fakten, das ist nicht die Wahrheit», sagt der neue Regionalverwalter der Putzfirma, Jimmy (Michael Schwyter), zu seiner jungen Angestellten Claire. Sein schmaler Oberlippenbart zuckt, die schlammgrüne Krawatte hängt über einem schreiend hässlichen Nadelstreifenhemd. Er spricht über Ehrlichkeit und Arbeitsmoral. Doch ehrlich mit der Arbeit meint es hier keiner. Man ist moralisch flexibel.

Selbstlügen und Intrigen

Molly (Miriam Japp), die resignierte, aber in sich ruhende Teamleiterin, lässt ihre jüngere Teamkollegin Claire (Francesca Tappa) die Drecksarbeit auf dem Boden erledigen. Ihr Argument: Rückenprobleme. Claire, burschikos, mit tiefer Raucherstimme, steckt mit ihrem jungen Optimismus ihren nichtsnutzigen Ehemann und die schlechten Wohnverhältnisse bisher locker weg. Doch es soll besser werden. Sie will nach oben. Und fällt Molly für die Rückenschmerzen ihrerseits beim Chef in den Rücken.

Mit «Augusta» des amerikanischen Autors Richard Dresser reiht sich ein sozialkritisches Stück in den Spielplan der Tuchlaube. Die von Nils Torpus inszenierte Koproduktion zwischen dem Theater Marie in Aarau, der Tuchlaube, dem Theater Winkelwiese in Zürich sowie dem Kleintheater Luzern feierte in der deutschsprachigen Schweiz erstmals Premiere.

Was «Augusta» so unbestechlich macht, sind die Momente, in denen sich die Figuren unter Selbstlügen und Intrigen in ihrer Menschlichkeit und Verletzbarkeit offenbaren. Zum Gutsein fehlt ihnen nicht der Wille, sondern das Geld.

Als Claire ihren Chef zum Treffen der Entscheidungsträger des nationalen Putzunternehmens in die Stadt Augusta begleiten will, deren lateinischer Stadtname ironischerweise für Erhabenheit steht, endet der amerikanische Traum vom Aufstieg in einem Absteigehotel. Claire hat sich für den Karrieresprung in ein Minikleid gezwängt, und der schmierige Jimmy vollführt vor ihren Augen einen entwürdigenden Seelenstriptease.

Erhabenheit ist Privileg der Reichen

Schade nur, dass diese Auf- und Abwärtsspirale in der zweiten Hälfte der Inszenierung so selten für Überraschungsmomente sorgt. Das immer gleiche schrille Possenspiel zwischen den drei Figuren wirkte an einzelnen Stellen etwas gehetzt und facettenreich, liess für Nuancen nur wenig Spielraum.

Dennoch hinterlässt die eineinhalbstündige Inszenierung eine bleibende Erkenntnis: Erhabenheit ist ein Privileg der Reichen. Ein besonders peinliches Beispiel für eine solche finden Claire und Molly vorgeführt im Tagebuch der alten Mrs. Townsends, in deren Sommerresidenz sie den Parkettboden schrubben. Von der Last des Besitzes und vom «sterbenden Licht» ist da die Rede. Und vom «Verheissungsvollen» einfacher Lebensverhältnisse. Nichts vom Glück der Reichen, dem die
Figuren hinterherjagen.

Weitere Vorstellungen Mi, 16.3., 20.15 Uhr; Fr, 18.3., 20.15 Uhr; Sa, 19.3., 20.15 Uhr.