Filmfestival
Das demokratischste Filmfestival der Schweiz

In Aarau startet zum 6. Mal das One Minute Film & Video Festival. Es gibt Einblick ins Damen-WC und in andere Welten.

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One Minute Film Festival
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One Minute Film Festival

Aargauer Zeitung

Christian Jungen

Es gibt Filmfestivals, bei denen die Besucher den Koller kriegen, weil sie langweilige Dramen aussitzen müssen. Das kann einem am One Minute Film & Video Festival in Aarau nicht passieren. Gezeigt werden nur Kürzestfilme, die maximal 60 Sekunden lang sind. Die Einminüter erleben zurzeit einen regelrechten Boom, weil es dank Digitalkameras und Handys fast für jedermann möglich ist, einen Film zu drehen. Längst haben sich die Einminüter weltweit zur eigenständigen Kunstfilmgattung entwickelt, die auf spezialisierten Festivals in Montreal, São Paolo, Madrid, Bratislava, Vilnius, Pozega (Kroatien) und in Aarau gezeigt werden.

One Minute in Aarau

Das Festival wird morgen Freitag um 19 Uhr mit einem Apéro im Freien Film, Aarau , eröffnet. Die Preisverleihung ist am Sonntag um 20 Uhr. 21. bis 23. August, Programm und weitere Infos unter : www. oneminute.ch

Gegründet wurde das One Minute Aarau 2003 von Stephan Filati und Kurt Dettling. «Wir haben selber Kurzfilme gedreht und fanden es unfair, dass die Festivals durch ihre Vorauswahl dem Publikum einen Teil der Filme vorenthalten, wobei ohnehin nicht alle die gleichen Chancen haben, weil es teilweise professionelles Equipment braucht», erklärt Filati. Also gründeten die Aargauer das One Minute - das demokratischste Filmfestival der Schweiz. Gezeigt werden sämtliche Einsendungen. «Wir können auch Filme auf die Leinwand bringen, die nicht so stark sind, weil sie ja nur eine Minute dauern», erklärt Filati.

Die erste Ausgabe fand im Kino Freier Film Aarau statt, wo die Co-Gründer mitwirkten, gezeigt wurden 150 Filme, die 400 Zuschauer anlockten. Inzwischen ist das Festival kontinuierlich gewachsen: 450 Filme zeigte man letztes Jahr im Freien Film, im Kino Schloss und im Kurszentrum. Zeitungen und Radiosender aus der ganzen Schweiz berichteten. Heuer kommt zum zweiten Mal ein Team der «Tagesschau» vorbei und etwa 30 Regisseure stellen ihre Werke persönlich vor, darunter einer aus den USA und einer aus Schweden.

Heuer umfasst das Programm 1000 Filme, aus denen das Publikum per Wahlkarte einen Sieger kürt, der eine Videokamera im Wert von 3000 Franken gewinnt. 325 Filme laufen zudem in verschiedenen Wettbewerbssektionen: Es gibt eine für Spiel- und Dokumentarfilme, eine für Regisseure unter 20 Jahren, eine für Animationsfilme und eine für Kunst- und Experimentalfilme. Eine dreiköpfige Jury vergibt in jeder Sektion einen mit 500 Franken dotierten One Minute Award sowie einen für den besten Beitrag eines Aargauers. Im Trend liegen laut Filati zurzeit die Animationsfilme, weil es immer einfacher werde, qualitativ gute Animationsfilme herzustellen.

«One-Minute-Filme heben sich durch die konzentrierte Struktur und das Tempo von der Beliebigkeit von Youtube- Filmchen ab», schreiben die Organisatoren im brusttaschengrossen Katalog. In der Tat ist es erstaunlich, wie viele Werke auf geistreiche und anregende Weise relevante Themen verhandeln. Olivia Brander zeigt in «Habensiehunger» anhand eines Tellers, der sich im Zeitraffertempo leert, wie viele Menschen auf der Welt hungern, und Stage-on-Air mokiert sich in «anPASSen» mit einer köstlichen Episode aus der Einwohnerkontrolle über das Prozedere der Einbürgerung. Und Sandro Barbieri gibt im stylischen «WCetera» ungeschminkt Einblick in eine Damentoilette. Allerdings wird sich der Besucher namentlich in der Sektion Experimentalfilm auch ein paar schräge Fingerübungen gefallen lassen müssen. Zu überlegen wäre zudem, ob es sinnvoll ist, dass auch Auftrags- und Werbefilme berücksichtigt werden.
Dass das One Minute durchaus ein Karrieresprungbrett sein kann, beweist die Auswahlschau von Filmen früherer Gewinner: So kehrt etwa Tobias Nölle nach Aarau zurück, um sein Meisterwerk «René» vorzustellen, mit dem er so ziemlich jeden wichtigen Kurzfilmpreis gewonnen hat - vom Goldenen Pardino in Locarno über den Hauptpreis der Winterthurer Kurzfilmtage bis zum Preis der Jugendjury am wichtigsten Kurzfilm- festival der Welt in Clermont-Ferrand.
Vielleicht träumt auch der eine oder andere Schüler von der Kantonsschule Baden oder der Minerva Basel von so einer Karriere. Zahlreiche Schüler haben nämlich eigene Filme eingereicht, die sie im Rahmen einer Projektwoche erstellten.

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