Malerei
Cuno Amiet auf den Spuren Gauguins

Der Solothurner Künstler Cuno Amiet war seiner Zeit voraus. Dies zeigt ein kürzlich erschienenes Buch mit Forschungen zu seinem Werk.

Urs Byland
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Cuno Amiet im Atelier vor zwei Entwürfen zur «Kunst».

Cuno Amiet im Atelier vor zwei Entwürfen zur «Kunst».

Nachlass C. A./ Albert Käser

Als der Solothurner Maler Cuno Amiet 1892 in die Künstlerkolonie Pont-Aven, ein Fischerdorf in der Bretagne, reiste, tat er dies auch wegen Paul Gauguin. Gauguin, dessen grosse Ausstellung in der Fondation Beyeler vor kurzem endete, war mit Grund dafür, dass die Künstlerkolonie ein Anziehungspunkt für junge Künstler geworden war. Gauguin war zu diesem Zeitpunkt schon längst in Tahiti und malte seine heute berühmten Bilder. Dennoch dürfte Cuno Amiet in Pont-Aven in Kontakt mit Werken von Gauguin gekommen sein. Die Wirkung muss sofort eingetreten sein.

Die Frage der Grundierung des Malgrundes beschäftigte damals die Künstler stark. Viel Beachtung wurde der Saugfähigkeit gegeben. Diese beeinflusst letzten Endes die Farbtöne, das Tiefenlicht und den Oberflächenglanz. Cuno Amiet (1868–1961) malte meist mit Grundierungen, wie im Buch «Kunsttechnologische Forschungen zur Malerei von Cuno Amiet 1883–1914» von der Autorin Karoline Beltinger (unter Mitarbeit von Ester S. B. Ferreira und Karin Wyss) nachzulesen ist. Das Buch wurde vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft herausgegeben.

Im untersuchten Zeitraum waren von 108 Bildern deren 67 eigenhändig grundiert, 32 gewerblich vorgrundiert und 9 nicht grundiert. In seiner Ausbildungszeit benutzte Cuno Amiet gewerblich grundierte Bildträger. In der Künstlerkolonie in Pont-Aven schlug er bald alle Regeln in den Wind und grundierte sein Tuch selber, die akademieferne französische Avantgarde nachahmend, welche neu radikale Wege einschlug. 1893 beschrieb er die Vorgehensweise in einem Brief nach Hause: «Nachdem ich die Leinwand auf einen Rahmen gespannt habe, präparierte ich sie selbst, was ich übrigens schon lange mache. Sie ist dadurch viel billiger & viel angenehmer zum Arbeiten.» 1908 bis 1912 verwendete Cuno Amiet wiederum gewerblich grundierte Bildträger. Wahrscheinlich nicht aus maltechnischen Gründen. Eine vorübergehende Raumnot könnte der Grund dafür gewesen sein. Das bisherige Malatelier, ein Wagenschuppen, musste einem Wohnhaus weichen. Amiet wohnte in dieser Zeit mit seiner Frau und den Adoptivtöchtern im zweiten Stock des Oschwander Wirtshauses. «Nicht einmal ins Atelier kann ich noch. Ich muss oben malen. Bin fast heimatlos», schrieb er 1908 Giovanni Giacometti, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Seine Platznot fand erst ein Ende, als die Amiets ein angrenzendes Bauernhaus erwerben konnten und zum Atelier umbauten. Sofort begann er wieder ölfreie, saugkräftige Grundierungen selber herzustellen.

Wenn Cuno Amiet Malmittel brauchte, so hatte er ein grosses Angebot zur Verfügung. Im Laufe der industriellen Revolution wurde das Angebot für die bildenden Künstler immer vielfältiger. In den Städten hatten mehrere Betreiber von Spezialgeschäften ein Auskommen. Cuno Amiet kam nach seinen Studien in München und Paris sowie dem Aufenthalt in Pont-Aven 1893 zurück in die Schweiz. Sein Verbrauchsmaterial dürfte Cuno Amiet in dieser Zeit und auch nach seinem Umzug auf die Oschwand hauptsächlich in seiner Heimatstadt Solothurn bezogen haben. In der Ausgabe von 1907/08 von Solothurns Adressbuch sind sieben Papeterien, drei Drogerien sowie zwei Farben-, Lack- und Firnisgeschäfte verzeichnet, die als Vertreiber von Künstlerbedarf infrage kommen. Mit seinem Freund Giacometti tauschte sich Cuno Amiet rege aus. Amiet lieferte ihm beispielsweise Skizzenbücher, Zierrahmen und Tubenfarben von der Solothurner Farbenhandlung Borrer und Rufer an der Hauptgasse 18. Giacometti nannte 1902 Amiet eine Zürcher Adresse für Temperafarben. Nicht unwesentlich zu dieser Zeit für die Künstler. Temperafarben wurden als bessere Alternative zu Ölfarben betrachtet. Wesentlich blieb aber Cuno Amiet die gute Haltbarkeit. Die neuen Farben, die damals in einem relativ frühen Zeitalter der industriellen Farbenherstellung in grosser Zahl auf den Markt drängten, wurden von den Künstlern trotz allen Zweifeln gerne ausprobiert. Weitere Hinweise auf die Experimentierfreude sind etwa die Ölfarbenstifte, die 1902 lanciert und bereits 1903 von Amiet verwendet wurden. Oder die Asbestzementplatten der Marke Eternit, die ein Jahr, nachdem sie in der Schweiz erhältlich waren, bereits von mehreren Künstlern bemalt
wurden.

Detailliert geschildert werden die Forschungen in Bezug auf Cuno Amiets Vorliebe für Tempera. Diese unterschied sich von der Ölfarbe dadurch, dass die Farbpigmente nicht nur mit Ölen, sondern auch mit Harz, Balsam, Wachs, tierischem Leim, Kasein, Gummi, Ei, Stärke, Seife, Honig, Zucker, Glyzerin etc. gemischt wurden. Diese Aufzählung verdeutlicht, wie breit sich der Fächer für die Künstler auftat. Antrieb, Tempera zu verwenden, war einerseits die mangelhafte industrielle Produktion der klassischen Ölfarbe, andererseits das Verlangen nach leuchtenden, dauerhaften Farben. Cuno Amiet dürfte in Pont-Aven erstmals mit Tempera gearbeitet haben. Tempera wurde zu seiner bevorzugten Malfarbe.

Mit ausschlaggebend dafür könnte gewesen sein, dass sein Bekannter Oscar Miller, Papierfabrikant und Sammler, Bilder von Künstlern besass, die mit Tempera malten, die auch Amiet gefielen. Zudem erhielt er 1897 und 1898 in Bad Flüh und in Solothurn Aufträge für Wandbilder in Aussicht gestellt, weshalb er sich nach einer geeigneten Technik umsah: «Du wirst lachen, mein Lieber & denken: er soll die verfluchte Tempera mal bei Seite lassen! Aber schau, dieselbe behext mich immer wieder», schrieb Amiet an Giacometti. Damit ist auch angedeutet, dass die Tempera nicht immer die gewünschten Resultate brachte.

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