Fall Gurlitt
Cornelius Gurlitt hortete keinen Nazi-Schatz

Die Task-Force legt ihren Schlussbericht vor. Nur gerade fünf Werke sind als Raubkunst identifiziert. Nun gerät die Politik ins Visier der Kritik

Sabine Altorfer
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«Das Klavierspiel» (um 1840) von Carl Spitzweg. Aus dem Besitz des Leipzigers Henri Hinrichsen. Noch nicht zurückerstattet.

«Das Klavierspiel» (um 1840) von Carl Spitzweg. Aus dem Besitz des Leipzigers Henri Hinrichsen. Noch nicht zurückerstattet.

lostart.de

Zwei Jahre und 1,7 Millionen Euro Untersuchungskosten nach dem Sensationsfund liegt der Schlussbericht der Task-Force Schwabinger Kunstfund vor. Ist nun also alles klar im Fall Gurlitt, im «grössten Nazi-Raubkunst-Fall»? Ja und nein.

Klar ist, dass der Fall Gurlitt bei weitem nicht so spektakulär ist, wie er dargestellt wurde. Für das Erbe von Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, das man 2013 ungeordnet in Cornelius Gurlitts Münchner Wohnung beschlagnahmte, stimmen weder das Sensations-Etikett «Milliarden-Sammlung» noch «Nazi-Schatz».

Weiterhin unklar ist, wie viele der Werke Raubkunst sind. Aber es sind weniger als erwartet. Lediglich bei fünf der 1497 Werke hat die Task-Force eindeutig einen «NS-verfolgungsbedingten Entzug» nachgewiesen (siehe Fotos). Und gar erst zwei wurden restituiert.

Ist die Task-Force also tatsächlich eines der «nutzlosesten und erfolglosesten Expertengremien, die die neuere Kunstgeschichte je sah», wie die «FAZ» gestern schrieb? Oder zeigt sie der Welt auf beispielhafte Art, wie seriös, wie moralisch einwandfrei Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht?

War Gurlitt ein Opfer?

Längst ist in Deutschland auch eine zweite Debatte entbrannt. Hat der Staat, haben die Staatsanwaltschaft und die Kulturstaatsministerin überreagiert? Haben sie die Sammlung des alten, hilflosen Cornelius Gurlittt zu Unrecht und mit Übereifer beschlagnahmt und ihn unverhältnismässig ins Rampenlicht gerückt. Haben sie bei ihm härtere Massstäbe angelegt als bei den staatseigenen Museen? Warum? Musste er hinhalten, um das Versagen von Ermittlungsbehörden zu vertuschen und um das schlechte Gewissen der Politiker wegen ihrer Untätigkeit bei Raubkunst zu beruhigen? Das schreibt unter anderem die «FAZ» und das formulierte der grüne bayrische Abgeordnete Sepp Dürr. Oder wird mit diesen Pauschal-Urteilen der Fall Gurlitt etwa gar wieder aufgebauscht? Einfach in eine andere Richtung?

Deutsche Gründlichkeit

Tatsache ist, dass der Fund erst inventarisiert und identifiziert werden musste, brauchbare Listen besass Gurlitt nicht. Und die Faktenblätter zu den einzelnen Kunstwerken zeigen, wie viele Quellen geprüft wurden, um ihre Geschichte zu ergründen. Kommt dazu, dass Gurlitt eben keine «Milliarden-Sammlung» besass, sondern vor allem Zeichnungen, Skizzen und Druckgrafik. Das sind Nebensächlichkeiten der Kunstgeschichte, die selten in die Werkverzeichnisse der Künstler aufgenommen wurden, und um die man bei Verkäufen selten viel Aufsehen gemacht hat. Und wer nachweisen kann, dass seine Familie einst eine Radierung besass, aber nicht welches der 30 oder 150 gedruckten Exemplare, wird einen Restitutions-Nachweis schwerlich erbringen können.

Getreulich, gar pingelig legt die Task-Force Rechenschaft ab: 115 Anfragen von möglichen Kunstwerk-Erben und 118 Besitz-Ansprüche auf Werke sind aufgelistet ... Bei 507 Werken kann Raubkunst ausgeschlossen werden. Weil sie entweder vor 1933 in den Besitz der Familie Gurlitt kamen – oder weil sie erst nach 1945 überhaupt entstanden sind.

Rund 160 Werke stehen noch unter (meist «schwachem») Verdacht. Sie sind zwar identifiziert, aber ihre Provenienz – also die Herkunft, die Vorbesitzer und Händler – ist nicht vollständig eruiert. Und damit ist die wichtigste Frage nach den rechtmässigen Besitzern nicht geklärt. Liegt das an der zu bürokratischen und zu schleppenden Arbeit der Task-Force oder an der Menge und der Schwierigkeit der Sammlung Gurlitt, wie Task-Force-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel begründet?

Die Arbeit der Task-Force wird nun im Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg weitergeführt.

Ein Blick in den Bericht der Task-Force lohnt sich trotz dieser Anwürfe.

http://www.taskforce-kunstfund.de/presse.htm

Auch die Faktenblätter zu jedem der 499 Werke, die geprüft wurden sind einsehbar

http://www.taskforce-kunstfund.de/nc/materialien/object_record_excerpts.htm

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