Kunstmuseum
Catharina van Eetvelde ist die Leise Rebellin der Linie

«ILK» ist der Name der neuen Ausstellung im Hauptbau des Kunstmuseus Basels. Sie zeigt Werke der Künstlerin Catharina van Eetvelde, die auch jenseits des Blatts Papier zeichnet

Isabel Zürcher
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Die Künstlerin Catharina van Eetvelde stellt im Kunstmuseum Basel aus.

Die Künstlerin Catharina van Eetvelde stellt im Kunstmuseum Basel aus.

Kenneth Nars

«Ich bin keine besonders schlaue Künstlerin», sagt Catharina van Eetvelde. Ihr Blick und ihre leise, insistierende Stimme unterstreichen den Ernst dieser Aussage. «Ich bin nicht jemand, die schaut, was dies oder jenes tun kann.» Umso präziser schaut, ja verfolgt sie jene kleinste Einheit, auf der die Darstellung unserer Wirklichkeit immer wieder gründet: die Linie.

Die 1967 in Gent geborene Künstlerin zeichnet. «Mich bestimmt die Zeichnung.» Und das schon lange. Sie zeichne, seit sie denken könne, und habe immer gewusst, dass diese Obsession irgendwann ihr Lebensinhalt werde.

Die Künstlerin legt Pläne aus, vermisst Länder und Körper, notiert in Hand- und Computerschrift Sätze, die sich in ihrem Kopf eingenistet haben und einen Weg ins Freie suchen. Ihre Figuren und Diagramme legen es auf Wiedererkennung an – ohne Verweis allerdings auf Herkunft oder Massstäblichkeit. Es könnten Visionen sein, die sie da auf dünnem Papier auslegt, Erinnerungen, die sich sprachlichen Codes anpassten und auf den ersten Blick auch ein Gedicht erwarten lassen.

Mittelformatige Kartonschachteln dienen als Verpackung, sind Rahmen und Schutz für Collagen, die Büroklammern scheinbar provisorisch zusammenhalten. Catharina van Eetveldes Zeichnung nimmt Gegenstände auf oder auch Flachbildschirme. Überall Linien: Sie sind beweglich und wandelbar, sie testen Anhaltspunkte und suchen Fortsetzungen – die Linie ist die Grösse, mit der van Eetveldes Kunst gleichzeitig mikro- und makrokosmische Dimensionen aufruft.

Unterschiedliche Wortschätze

«Zeichnen ist eine Haltung», sagt die Künstlerin wenige Tage vor der Vernissage ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Basel, «eine Form der Kommunikation». Diese Kommunikation muss durchlässig bleiben, darf auf keinen Fall in ein System von fixen Regeln münden. Flämischer Muttersprache, wohnhaft in Paris und zunehmend beheimatet in einer internationalen, Englisch sprechenden Szene der Kunst, hat van Eetvelde unterschiedliche Wortschätze bei sich. Sie weiss, dass Sprache auch in der genauesten Übersetzung Differenzen stehen lässt. Darum misstraut sie den Wörtern, wenn sie mehr als ein Instrument sein wollen und auf irgendeine Wahrheit pochen.

Wenn sie über ihre Kunst ins Reden kommt, könnte man die Künstlerin als trotzig missverstehen. Doch Trotz ist nicht ihr Antrieb. Vielmehr steht eine Dringlichkeit hinter diesem Schaffen, die sie vor voreiligen Zuschreibungen in Schutz nimmt.

Mit der Welt in Kontakt treten

Ihren Weg von universitären Disziplinen zum künstlerischen Handeln hat sie eingeschlagen im Sinn eines einmaligen und verbindlichen Entscheids: «Ich wollte mit der Welt in Kontakt treten.» Sie hatte realisiert, wie sehr die heutige Wissensproduktion unseren Blick in die Enge führe. «Es hat alles angefangen mit der Beobachtung, dass das Wirkliche mehr und mehr reduziert wird. Und dass das, was wir uns als Realität zu denken erlauben, auch immer kleiner wird.»

Wo sie künstlerisch gegen vermeintlich gesichertes Wissen, gegen das Eindeutige von Zeichen und Sprache, rebelliert, geht es ihr vor allem um eines: um Freiheit. Und darum, auch dem Unberechenbaren, Irrationalen einen Platz zuzugestehen. Van Eetvelde verwirft die Polarität zwischen analog und digital, feiert im Kleinformat die Co-Existenz von An- und Abwesendem, plädiert ganz allgemein für einen Verzicht auf Hierarchien: «Es gibt für mich kein Gefälle zwischen einem Stich von Albrecht Dürer und dem Gekritzel eines Wissenschaftlers. Denn es gibt ganz spezifische Gründe, warum Dürer die Linie so brauchte, wie er sie brauchte, und der Wissenschaftler anders.»

Und es gibt Gründe, warum Catharina van Eetvelde ihre Linien in so vielen Varianten zur Aufführung bringt, in den Raum trägt, verkabelt, oder ganz kunsthandwerklich zu Bündeln verschnürt. Ihre Kunst ist Modell für eine übergeordnete Gleichberechtigung, für das vitale Nebeneinander von unterschiedlichen Zuständen und Geschwindigkeiten. Auch wenn sie das Gegenteil behauptet: Catharina van Eetvelde ist eine ausgenommen schlaue Künstlerin. Auf jeden Fall eine, die aller komplexen Definitionsmacht entschlossen, mit Respekt, verspieltem Humor und vor allem mit der Sinnlichkeit ihres Zeichnens entgegentritt.

Catharina van Eetvelde «ILK». Kunstmuseum Basel, Hauptbau. Vernissage Freitag, 25. 11., 18.30 Uhr. Bis 12. 3. 2017.