Theater
Calixto Bieito: «Lorca sagte den Zweiten Weltkrieg voraus»

Heute feiert Calixto Bieito Premiere mit Lorcas «Bluthochzeit», einer zutiefst spanischen, emotionalen Tragödie, die die Basler Schauspieler unter Bietos Leitung mit viel Schweiss und Einsatz auf die Bühne bringen.

Susanna Petrin
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Calixto Bieito ist derzeit Hausregisseur am Theater Basel. Er liebt die Stadt und möchte auch danach hier zu Hause bleiben.

Calixto Bieito ist derzeit Hausregisseur am Theater Basel. Er liebt die Stadt und möchte auch danach hier zu Hause bleiben.

Kenneth Nars

Herr Bieito, Sie – das heisst Ihre Aufführungen – werden ständig mit den Worten Sex und Gewalt in Verbindung gebracht. Aber worum geht es Ihnen wirklich bei jeder Inszenierung, was ist für Sie die Essenz Ihres Theaterschaffens?

Es ist essenziell für mich, über meine menschliche Ruhelosigkeit, meine menschlichen Sorgen, mein menschliches Glück, alles, was mein Menschsein ausmacht, zu reden. Meine Gefühle und Gedanken kreisen um Poesie und Humanismus, ich versuche, diese möglichst gut in die Sprache der Kunst zu übersetzen. Wenn man sich einen Überblick über meine Opern- und Theaterinszenierungen verschafft, merkt man aber, wie sehr sie sich voneinander unterscheiden – ästhetisch, thematisch. Manchmal gelingt mir etwas, manchmal nicht. Was meine Arbeit zusammenhält, ist meine Obsession, in die Tiefe zu dringen – und nicht banal zu sein. Dabei beschäftigt mich, was die meisten Menschen heute beschäftigt: Liebe, Hass, Sex, die Gewalt um mich herum.

Dafür werden Sie als «radikalster Opernregisseur der Welt» bezeichnet. Offenbar wirkt es radikal, wenn Sie sich tiefer gehend mit dem Menschen auseinandersetzen.

In meinen Opern scheint häufig auch Hoffnung auf. Es kommt immer auf den Stoff an: Verdi ist voller Gewalt und Leidenschaft. Aber Benjamin Brittens «War Requiem», das ich vergangene Saison hier inszeniert habe, ist völlig anders. Es geht um Mitleid und Gnade. Ich fühle mich gar nicht radikal. Ich fühle mich wie ein einfacher Regisseur. Zu Hause schreibe ich Gedichte, weil ich es liebe, zu schreiben. Ich liebe es auch, zu malen. Ich liebe die Künste, und darum liebe ich auch Basel.

Wie erreichen Sie bei Ihren Produktionen die Tiefe, die Sie sich wünschen?

Ich investiere viel Zeit in die Vorbereitung, um danach auch bewusst vieles wieder zu vergessen. Ich reise in verschiedene Städte, ich lese, ich schaue mir Fotografien und Kunst an. Und ich versuche, in mich selbst zu schauen, manchmal in meine Kindheit oder in meine Pubertät. Darum betrachte ich auch oft die Bilder von Goya – vor allem wegen meiner Erziehung, die war voll von diesen Dingen. Ich möchte so meine Seele und mein Können für die Oper nähren. Ich gehe immer heraus aus dem Theater und versuche, meine Ideen in der Gesellschaft, den Menschen und der Kunst um mich herum zu finden.

Und dann bringen Sie diese Ideen wieder ins Theater hinein?

Wenn ich das Konzept habe, teile ich es mit den Menschen, die mit mir arbeiten. Am besten läuft es, wenn die Schauspieler und Sänger, die Leute rundum, zusammen mit mir einen kreativen Teil des Prozesses werden. Wir bilden zusammen eine kleine Utopie. Wir haben Spass, Disziplin und Hingabe. Gleichzeitig fliesst der gemeinsame Prozess, im Idealfall wie der Rhein, den ich jeden Morgen von meinem Fenster aus sehe. Wenn so zusammen mit dem Team ein kreativer Fluss entsteht, ist das schön.

Gelingt Ihnen das jetzt gerade bei den Proben zur «Bluthochzeit»?

Ja.

Sie haben diese hochemotionale, spanische Tragödie von Lorca für das Schauspiel Basel ausgesucht. Ist es nicht schwierig, dieses Werk mit Schweizer Schauspielern zu inszenieren?

Das geht sogar besser für mich. Klassische spanische Theaterstücke zu inszenieren, ist mir in einer anderen Sprache stets leichter gefallen. Die Sprache ist wunderschön auf Spanisch. Aber für mich ist es besser, solche Stücke im Kontext einer anderen Tradition zu inszenieren, das öffnet meinen Geist. Und ich kann es vermeiden, auf spanische Klischees zurückzufallen. Auch Calderóns «Das Leben ist Traum» habe ich zuerst auf Englisch gemacht, mit Schauspielern in der Tradition von Shakespeare. Und es war fantastisch. Erst danach habe ich es auf Spanisch inszeniert.

In Basel erlebte man in letzter Zeit eher selten starke Gefühle auf der Bühne, die Regisseure und Schauspieler sind zurückhaltend. War es schwierig für die hiesigen Schauspieler, so starke Gefühle zu zeigen?

Nein, sie sind sehr emotional. Gefühle sind schön auf einer Bühne, man riskiert etwas. Ich liebe es, Gefühle auf der Bühne zu sehen; die Knochen und das Blut, wie Lorca es metaphorisch sagt. Seine «Bluthochzeit» ist eine Tragödie einer Liebe, einer Familie und eines Landes. Ich habe Lorcas Text genommen, weil er bewegt.

Inszenieren Sie «Bluthochzeit» zum ersten Mal?

Ja, ich habe es auf Spanisch noch nie inszeniert. Und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein Stück ohne Musik gemacht habe.

Das ist sehr überraschend.

Ja, das wird ganz trocken, nur der Text. Es ist ein Gedicht, ein Oratorium. Federico García Lorca war ein Visionär. Er beschreibt, was bis heute in Spanien passiert: Zwei verschiedene Spanien bekämpfen sich immer noch. Natürlich ist sein Werk viel universaler. Lorca spricht über Leidenschaft, über die Dunkelheit der Leidenschaft und über den wahren Sinn der Liebe. Aber das Werk spiegelt eben auch das heutige Spanien.

Wie meinen Sie das?

Spanien ist ein Land ohne Aussöhnung. Die Wunden des Bürgerkriegs sind immer noch nicht verheilt, viele Leute hassen sich immer noch. Man kann Probleme nicht überwinden, wenn man nicht über sie spricht, wenn man darüber schweigt. Das ist in Spanien aber passiert. Und nun kommt die ökonomische, soziale und kulturelle Krise hinzu: Das bringt das Land in eine noch schwierigere Situation. Ich liebe Spanien, es ist ein wundervolles Land – aber mit vielen Problemen behaftet. Auch in Lorcas Stück können die Menschen ihre Gefühle nicht ausdrücken.

Es ist interessant, dass Lorca dieses Stück geschrieben hat – und später passiert ihm etwas ähnlich.

Ja, sie haben ihn während des Bürgerkriegs umgebracht, auf brutale Art. Er war 36 Jahre alt. Man weiss nicht, wo er begraben liegt, und niemand will darüber sprechen. Die Familie des Mörders lebt noch, Lorcas Familie lebt noch. Doch alle schweigen. Bluthochzeit ist eine traurige Geschichte. Es ist die Tragödie Spaniens, die zur Tragödie Europas wird. Lorca sagte den Bürgerkrieg voraus und den Zweiten Weltkrieg. Lorca hat prophezeit, dass dieser Hass über ganz Europa hereinbrechen werde wie eine Apokalypse.

Was ist Ihnen noch wichtig, was würden Sie gern noch sagen?

Ich habe viel zu sagen: über Lorca – und über Basel.

Sie lieben diese Stadt wirklich so sehr?

Ja, das ist jetzt mein Zuhause. Basel ist jetzt der Mittelpunkt meines Privatlebens und meiner professionellen Engagements.

Obwohl Basel viel kleiner ist als viele andere Städte, in denen Sie schon gearbeitet und gelebt haben.

Ich habe verschiedenste Angebote bekommen. Vor einigen Jahren auch, in New York zu wohnen. Ich habe mich für Basel entschieden. Es ist ruhig, voller Kultur, voller Kunst. Ich mag die Menschen hier, die Orte, den Rhein, das Münster. Ich spreche Italienisch, Französisch und Englisch – sobald ich mal zwei, drei Monate Zeit habe, werde ich Deutsch üben.

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