Buchkritik
Hat das Lektorat hier versagt? Sieben Jahre nach Hermanns wenig überzeugendem Erstroman erscheint «Daheim»

Judith Hermann, das einstige «Fräulein-Wunder», hat unter dem Titel «Daheim» ihren zweiten Roman vorgelegt. Sein Inhalt ist ziemlich fad – und die literarische Qualität erschütternd.

Peter Henning
Merken
Drucken
Teilen
 Literaturstar Judith Hermann

Literaturstar Judith Hermann

Bild: Andreas Labes

Judith Hermanns 1998 erschienenes Erzähldebüt «Sommerhaus, später» wurde auf Anhieb zum Sensationserfolg. Der Band ging mehr als 750'000 Mal über die Ladentische – und läutete damit das sogenannte «literarische Fräuleinwunder» ein, als dessen Star sie fortan galt. Denn zuhauf drängten in ihrem Windschatten Schreiberinnen mit Short-Story-Bänden auf den Markt – und bescherten der deutschen Kurzgeschichte damit eine kurze aufsehenerregende Renaissance.

An die meisten erinnert man sich heute nicht mehr. Judith Hermann aber blieb – und veröffentlichte weitere, nicht mehr ganz so erfolgreiche Erzählbände. Doch weil vielen – und leider offenbar auch für sie – der Roman als die «Königsdisziplin» gilt, wagte sie sich schliesslich in Form ihres 2014 publizierten ersten Romans «Aller Liebe Anfang» an die grössere Erzählform heran – und das leider wenig überzeugend. Mäkelnde Kritiken waren die Folge.

Judith Hermann: «Daheim». Roman. S. Fischer Verlag, 192 Seiten.

Judith Hermann: «Daheim». Roman. S. Fischer Verlag, 192 Seiten.

Bild: Andreas Labes

Hat das verlagsübliche Lektorat hier versagt?

Nun – sieben Jahre später – hat Judith Hermann erneut einen Roman vorgelegt. Er trägt den Titel «Daheim» – und erzählt die Geschichte einer namenlosen Frau, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat, ans Meer gezogen ist – und in einem Haus lebt, das ihr als Refugium und Aussichtsplattform mit Blick in die Zukunft dient. Dort hängt sie ihren Erinnerungen nach, schreibt Briefe an ihren Ex-Mann – und stolpert in eine Affäre.

Das Ganze beginnt mit einer dreissig Jahre zurückreichenden Reminiszenz an das frühere Leben der Ich-Erzählerin, die seinerzeit als Kontrolleurin in einer Zigarettenfabrik arbeitete. Eines Tages, so weiss Hermann in erzählerischer Präsenz zu berichten, wird sie von einem Zauberer angesprochen, der sie für seine Nummer «Die zersägte Jungfrau» engagieren will, mit welcher er auf Kreuzfahrtschiffstour gehen möchte.

Und hier beginnen die Probleme. Denn als verliessen sie auf der Stelle alle guten Geister, sobald sie an einem Roman schreibt, gelingt Judith Hermann aber auch gar nichts mehr. Schiefe Bilder und faktisch falsche Behauptungen reihen sich in hoher Dichte aneinander, sodass man sich als Leser irritiert fragt: Hat das verlagsübliche Lektorat hier versagt? Oder hat ein solches womöglich gar nicht stattgefunden?

«Schnecken kriechen» ebenso wenig «in ihr Haus zurück» wie «Raben blinzeln»

Wendungen wie «die Schnecke kriecht in ihr Haus zurück», «ich klappte den leeren Kühlschrank auf» oder «Sie blinzelte wie ein Rabe» legen diesen schlimmen Verdacht nahe. Und mögen die nachfolgenden Hinweise auch kleinkariert oder erbsenzählerisch erscheinen: «Schnecken kriechen» ebenso wenig «in ihr Haus zurück» wie «Raben blinzeln». Menschen tanken ihre Autos «nicht wie im Schlaf» – und «lösen sich» auch nicht «in Luft auf», wie sie an einer Stelle schreibt. Die Feststellung, dass «Autos Gas geben und weg sind» klingt erst mal witzig – genau genommen aber sind es deren Führer, die aufs Pedal drücken. Und Raben können nicht in dem Sinn zwinkern, wie wir es tun, nämlich als Ausdruck eines geheimen Zeichens; es handelt sich dabei lediglich um eine als Schleier wahrnehmbare Bewegung ihrer sogenannten Nickhaut.

So wünschte man sich, diese Autorin, die zweifellos mit einem hellwachen Sensorium gesegnet ist, gäbe die Idee, auch noch als Romanschreiberin reüssieren zu wollen, endlich auf.