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Buch Basel: 10 Höhepunkte von 10 Kulturschaffenden

Aus insgesamt 110 Veranstaltungen an der Buch Basel empfehlen literaturaffine Prominente ihren persönlichen Favoriten.

Anna Kardos und Susanna petrin
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Qual der Wahl am Festival. Die Bücher reichten auch Jürg Kienberger bei der Eröffnung bis zum Kinn. Roland Schmid

Qual der Wahl am Festival. Die Bücher reichten auch Jürg Kienberger bei der Eröffnung bis zum Kinn. Roland Schmid

Ein Festival ist immer Freude und Zumutung zugleich. Plötzlich könnte man an einem Wochenende mehr interessante Autoren, Bücher und Themen persönlich entdecken als durchs ganze restliche Jahr hindurch. Um die Qual der Wahl etwas zu erleichtern, haben wir zehn Kulturschaffende gebeten, je eine Veranstaltung zu empfehlen.

Sibylle Birkenmeier, Kabarettistin: «Wie toll, dass es die Buch Basel gibt, eine inhaltlich reiche Veranstaltung. Mein Auge reist und schwelgt ... Qual der Wahl! Mich interessieren vor allem junge Spoken-Word-Artisten, Gedichte und schreibende Zeugen von aktuellen politischen Krisenherden. Oh ja, Gedichte mit Rudolf Bussmann und ... «Wandern, graben, warten, genau das ist der Vorgang, der mich dazu bringt, ein Gedicht zu schreiben», sagt der guatemaltekische Dichter Humberto Ak’abal. Er war Hirte, Wanderverkäufer, Hilfsarbeiter. Heute gilt er als einer der wichtigsten Schriftsteller des indigenen Amerika. Das alles hat mit meinem Leben zu tun, denn ich bespiele mit meinem Bruder Michael als Kabarettistin das, was wir für aktuell und interessant halten. Wie sich andere Leute mit Sprache äussern, die in anderen Umgebungen, anderen Innenwelten, aber in derselben Zeitgeschichte leben, das packt mich immer wieder. Gerade in Zeiten, wo wir mitten in einer neuen und gleichzeitig alt bekannten Kriegsrhetorik leben. Da ist ein anderer Umgang mit Sprache für mich eine Wohltat. Zum Beispiel ein Gedicht! Medizin!»

Franz Hohler, Schriftsteller: «Die Migration gehört zu den Fragen, die uns heute am meisten beschäftigen. Wir sehen sie gewöhnlich von unserer Seite her, mit unseren Augen. Umso wichtiger, dass es auch Menschen gibt, die von der anderen Seite erzählen können, von der Mühe des Weggehens, von der Mühe des Ankommens, von der Mühe der Angewöhnung. Yusuf Yesilöz, der als kurdischer Türke in die Schweiz geflüchtet war und schon lange auf Deutsch schreibt, zeigt uns in seinen Büchern und Dokumentarfilmen immer wieder diese andere Seite. In seinem Roman «Soraja», aus dem er in Basel lesen wird, beschreibt er einen Ausgewanderten, der den Entschluss fasst, die Wahlheimat Schweiz nach Jahren wieder zu verlassen und zurück in die Türkei zu fahren, aber bis zuletzt nicht weiss, ob er das Richtige tut und ob er sich damit von einer Fremde in die andere Fremde begibt.»

Martin R. Dean, Schriftsteller: «Ich möchte Adolf Muschg zum 80. Geburtstag die Reverenz erweisen. Ich finde es wichtig, dass am Literaturfestival nicht nur der Nachwuchs gefördert, sondern auch ein Alterswerk geschätzt wird. Muschg ist ein wichtiger Kollege für mich, ein toller Intellektueller. Er hat sich nie zurückgezogen, die Welt ist ihm nie gleichgültig geworden. Immer noch nimmt er am aktuellen Geschehen Teil – das vermisse ich zum Teil bei jüngeren Menschen. Ich komme gerade von einer Lesereise in Bosnien, da wird einem der Gegensatz zwischen unserem Leben in der Schweiz und dem, was anderen passiert, noch bewusster. «Solidarität» ist ein lächerlich abgestandener Begriff geworden. Muschg, und das schätze ich so sehr an ihm, überlegt sich: Aber was tun wir jetzt?»

Desirée Meiser, Intendantin der Gare du Nord: «Es gäbe so viel Schönes und Spannendes zu nennen. Als kleine Auswahl vielleicht dies: Schön finde ich, im Wassertaxi mit einer Autorin oder einem Autor die Literatur im Wellengang zu erfahren. Nicht immer schön, dafür umso spannender sind die aktuellen politischen Bezüge. Von «Brennpunkt Ukraine» mit Andrej Kurkow bis «Brennpunkt Italien» mit Massimo Carlotto. Literatur als persönliche Hilfestellung, das politische Chaos auf unserem Planeten etwas besser zu verstehen. Toll ist auch die starke Präsenz von Mundart-Autoren. Ich bin ein grosser Fan von Pedro Lenz. Sehr witzig finde ich auch das Buch «Unger üs» von Guy Krneta und natürlich die ganze junge Slam-Power-Generation!»

Katja Fusek, Schriftstellerin: «Ich bin gerne in den Texten von Markus Ramseier unterwegs. Sie nehmen mich mit auf eine Reise hinter die scheinbar glatte Oberfläche von Alltäglichkeiten, schärfen meine Wahrnehmung und verändern meinen Blick auf die Welt. In Ramseiers Erzählungen und Romanen geht es häufig um ausgegrenzte, eigenbrötlerische Menschen, die abseits der gesellschaftlichen Normen leben, aber oft in überraschender Harmonie mit sich selbst. Verschattete, absurde, widersprüchliche Seiten menschlicher Existenzen werden ins Helle gerückt. Es entstehen sprachgewaltige Bilder von grosser Konzentration, lakonischer Schönheit, verständnisvoller Wärme und hintergründigem Humor. Ramseiers Kunst des Weglassens lässt Raum für Doppeldeutigkeit, Ironie und Fantasie. Ich kehre von den Reisen in seinen Texten mit dem Gefühl zurück, nicht mehr dieselbe wie zuvor zu sein. Das scheint mir das Wertvollste am Reisen und am Lesen.»

Michael Fehr, Spoken-Word-Künstler: «Am Ende würde ich mir am ehesten Humberto Ak’abals Lyrik-Lesung anhören, auf dass ich die Geister tanzen sähe. Es ist mir derzeit zu wenig Mystik. Am Anfang denke ich, ich müsste politischer sein, konkreter: «Brennpunkt: Mukoma Wa Ngugi, ‹Nairobi Heat›», da müsste ich hin, klar, abgesagt, aber da müsste ich hin. Was ist das, einen, gar Hunderte vor dem Tod bewahren, was ist das? Das müsste ich sehen, politisch. Aber ich bin politisch bloss weit draussen, abstrakt. Von da sähe ich, sähe ich genug, allenfalls die Chinesische Mauer, das ist mir füglich genug Politik, und dass die Erde immer voller Licht ist. Da sehe ich am Ende wieder die Geister tanzen, und ich denke, ich würde am ehesten da hin.»

Matthyas Jenny, Autor, Buchhändler und Gründer der ersten Buch Basel: «Mit Kindern an ein Literaturfestival? Das ist nicht nur möglich, sondern sehr zu empfehlen. Bereits die erste Veranstaltung heute um 10 Uhr führt zu Kindern auf dem Land und in der Stadt der Dreissiger- bis in die Sechzigerjahre. «Sockenschlacht und Löwenzahn» von der Baslerin Katharina Tanner ist ein Buch für Kinder und Erwachsene zum Vor- und Selberlesen. Ein Blick in die, für Kinder, unbekannte Vergangenheit ihrer Eltern und Grosseltern. Spielanleitungen und Rezepte ergänzen das Buch. Auch die weiteren Kinder-Veranstaltungen heute und morgen ab 14 Uhr sind zu empfehlen.»

Ines Goldbach, Direktorin Kunsthaus Baselland: «Sich auf eine Empfehlung beschränken zu müssen, ist nicht einfach. Da gibt es viele Veranstaltungen und vor allem Persönlichkeiten, die es lohnt zu erleben. Etwa die 1985 in Wetzikon geborene Dorothee Elmiger, die ihr aktuelles Buch «Schlafgänger» vorstellen wird. Es ist faszinierend, wie viel Leben, in all seiner Komplexität, seinen Veränderlichkeiten und Unsicherheiten wie Emigration, Vertreibung, Heimat und Identität oder auch Tod darin zusammenkommen und scharf gezeichnete «Mitdenkräume» schaffen. Da ist auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der sich als Mittelosteuropäer und seine Schriftstellerei mehr als Zustand denn als Profession bezeichnet. Der neu von ihm herausgegebene Band «Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht» versammelt Essays befreundeter Autoren, von denen viele, wie er selbst, Aktivisten sind und von den aufwühlendsten Tagen ihres Lebens berichten.»

Gesa Schneider, Leiterin des Zürcher Literaturhauses: «Besonders neugierig bin ich auf die Kafka-Band am Samstagabend im Volkshaus. Wie sich Kafkas «Schloss» vertonen lässt, wie der Schiftsteller Jaroslav Rudis und Jaromir Svejdik das anpacken wollen, darauf bin ich sehr gespannt. Dass ausserdem Reiner Stach, der nächstes Jahr den letzten Teil seiner Kafka-Biografie vorstellen wird, dabei ist, ist ein besonderes Highlight. Für den Sonntag kann ich mich nicht entscheiden, da ist einerseits Silvia Tschuis Ross-Performance – und gleichzeitig unterhält sich Heinz Helle mit Hansjörg Schertenleib. Hätte ich einen Avatar, jetzt könnte ich ihn gebrauchen!»

Uwe Heinrich, Leiter Junges Theater Basel: «Als ich vor 18 Jahren in die Schweiz kam, waren Guy Krnetas Texte das Erste, was ich in Schweizerdeutsch zu lesen bekam. Nachdem ich mich beim Verstehen von Baseldeutsch nicht so schlecht angestellt hatte, war die Begegnung mit seinem Berndeutsch ein Schock; aber auch eine Herausforderung. Selbst heute verstehe ich ihn immer noch besser, wenn ich ihm zuhöre. Das Kleinerwerden des Assoziationsspielraumes bedauere ich allerdings fast, denn ich habe die «unverständlichen» Stellen immer mit meiner Fantasie gefüllt und damit seine Texte stets auch ein wenig zu meinen gemacht. Das dürfte ihm gefallen. Ist er doch ein Autor, der nahe an seine Leser heranrückt. Schon seine umfangreiche Präsenz im Festivalprogramm zeigt, auf wie vielen Hochzeiten Krneta unterwegs ist, und ich kann ihm bescheinigen, dass er ein guter Tänzer ist.»

Gesamtübersicht: www.buchbasel.ch

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