Musical
«Black Rider» bleibt dem Original treu und ist doch eingebaslert

In der Basler Version von Tom Waits' Musical «Black Rider» hat es Platz für Michael von der Heide und eine Guggenmusik.Das Stück ist Schauermärchen, Drogen- und Liebesgeschichte in einem.

Susanna Petrin
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Das Liebespaar, die Mischpoche und der Teufel Sekunden vor dem alles entscheidenden Schuss.Tanja Dorendorf

Das Liebespaar, die Mischpoche und der Teufel Sekunden vor dem alles entscheidenden Schuss.Tanja Dorendorf

Bei Tom Waits ist Purismus weiss der Teufel fehl am Platz. Es raspelt seine Stimme, es scheppert die Musik, es holpern die Reime, es kollidieren die Stile. Also schöpft auch Regisseurin Corinna von Rad beim populären Tom-Waits-Musical «The Black Rider» aus dem Vollen: Themen, Symbole, Witze und Anspielungen purzeln durcheinander. Nicht einmal die Bandmitglieder, die feinen «Dr.Nic and the Green Bullets», bleiben schön in ihrem Orchestergräbchen, sondern steigen die Grosse Bühne des Theaters Basel rauf und runter.

Die zunächst aufgeräumte, holzgetäferte Jägerstube (Bühnenbild: Ralf Käselau) eröffnet dem Publikum, wie bei einem Adventskalender, ständig neue Einblicke hinter zuvor ungeahnte Fenster und Türen. Das schöne Käthchen (die wunderbare, eigens für dieses Musical nach Basel geholte Jazzsängerin Jelena Kuljic), eine echte weisse Taube in der Hand, singt auf ihrem Bett. Opernsänger Karl-Heinz Brandt schwebt auf einem Karrusellpferd vom Himmel herunter. Oder, die grösste Überraschung: Gegen Ende kippt die ganze Hinterwand wie ein Garagentor auf – und dahinter steckt eine ganze Basler Gugge-Muusig, die Gülle-Schlüch. (Eine Idee des musikalischen Leiters Rainer Süssmilch, die Tom Waits – stets auf der Suche nach neuen, schrägen Tönen – sicher gefällt.)

«Freischütz» neu erzählt

Alle diese Einfälle haben gut Platz in der neuen Basler Version «einer kleinen traurigen Geschichte mit einem brutalen Ende», wie Waits seinen Black Rider zusammenfasst. 1989 setzte der Musiker sich mit dem damals noch letzten lebenden Beatnik William Burroughs (Libretto) und dem Theaterregisseur Robert Wilson an einen Tisch. Das amerikanische Altmeister-Trio eignete sich die alte deutsche Volkssage des Freischützen neu an – diese diente bereits 1821 Carl Maria von Webers gleichnamiger Oper als Vorlage. Entstanden ist eine verquere, schwärzere Version des Stoffs; die Uraufführung von 1990 in Hamburg geriet zum Riesenerfolg.

Die Geschichte ist einfach: Käthchen liebt Wilhelm. Aber Wilhelm passt ihrem Papa nicht. Die Familientradition schreibt vor, dass der Schwiegersohn ein treffsicherer Jäger sein muss, kein intellektueller Softie. «Kommt was in den Magen rein, so folgt das Herz von ganz allein», sagt der Vater (Vincent Leittersdorf). Der für sie vorgesehene Jäger Robert könne es nicht sein, «er stinkt nach Zwiebeln und nach Wein», kontert die Tochter. Wilhelm (charismatisch: Max Hopp) will das Schiessen ja brav lernen, aber er ist leider ein hoffnungsloser Fall. Im phallisch vor ihm aufgebauten Gewehrlauf klemmt er sich in der Basler Inszenierung nur den Finger ein. «Einer wie du, trifft nicht mal eine angepflockte Kuh», sagt der Teufel – ein geschmeidiger, züngelnder Michael von der Heide. Da helfen nur noch seine Zauberkugeln. Bald schon ballert Wilhelm fast so herum wie die anderen Jäger, nur besser. Geht der Kugelvorrat aus, so bettelt er beim Stelzfuss wie ein Hündchen um mehr und mehr dieses Stoffs. Der entscheidende Wettschuss um die Braut steht bevor. Dumm nur: Die letzte Kugel, die steuert der Teufel.

Von allen Beatniks hat Burroughs wohl die schlechteste Erfahrung mit seinen Drogenexzessen gemacht. Bei einem Wilhelm-Tell-Spiel mit seiner Frau traf er im Rausch nicht das Glas auf ihrem Kopf... Und so ist Black Rider auch bei von Rad Schauermärchen, Drogen- und Liebesgeschichte in einem. Der unschuldige Wilhelm betritt wie die Figur eines David- Lynch-Films eine vom Bösen durchdrungene Welt. In diesem Haus geht der Teufel schon längstens ein und aus.

Ein Spielschluss zu viel

Die dunkelsten Abgründe inszeniert von Rad gerade noch jugendfrei. Die Jägersburschen packen Wilhelm, ziehen ihn aus – und legen ihm dann die Kleidung ihresgleichen an. Wir sehen Wilhelm, zersaust, mit offenem Gurt und hochgekrempelten Hemdsärmeln – auch hier stoppt die Regisseurin und verschont uns vor dem nächstlogischen Bild: Wilhelm zieht sich den Gurt aus der Hose, um den Oberarm und greift zur Nadel.

«Whatever you do, don’t sell your you, cause if you do, you’ve got no you», schreibt Burroughs. Von Rad und Dramaturgin Julie Paucker haben ein kraftvolles Musik-Theater inszeniert. Nur in den letzten sieben Minuten haben sie ihre Seele doch noch verkauft: an von der Heide. Es mag zwar eine lustige Idee sein, ihn für ein süsses Lied noch mal im Bademäntelchen aus der Garderobe zu holen, aber der Schluss mit dem Schuss wäre der stärkere gewesen.

The Black Rider. Viele weitere Vorstellungsdaten unter: www.theaterbasel.ch

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