Ackermannshof

Beeindruckende Kunst aus Haiti

Im Ackermannshof wird haitianische Kunst aus der Sammlung eines Baselbieter Ehepaares gezeigt. Gelingt das ohne Karibik-Kitsch?

Naomi Gregoris
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Haiti in der Ackermannshalle

Haiti in der Ackermannshalle

bz Basel

Als Heinrich und Marlyse Thommen zum ersten Mal in Port-au-Prince aus dem Flugzeug steigen, bleibt ihnen die Luft weg. Sie sind gut vorbereitet, aber die karibische Hitze ist etwas, das man nicht aus Büchern lernt. Man muss vor Ort sein, sie am eigenen Körper erfahren.

Es ist 1995 und die beiden sind auf dem Weg in die Schulhäuser des Landes, um dem schütteren Schulsystem Haitis wieder auf die Beine zu helfen. Sie haben von einer französischen NGO-Organisation den Auftrag bekommen, zwei Jahre lang in Haiti Lehrer auszubilden, einem Staat, wo 30 Prozent der Kinder nicht in die Schule gehen und selbst Lehrer meist nur ein paar Jahre Schulbildung haben.

Ohne Dach und Tür

All das wissen Marlyse und Heinrich, und doch bleibt ihnen in den folgenden zwei Jahren immer wieder die Luft weg, wie an diesem ersten Tag. An der Hitze liegt es allerdings nie mehr. Die Entwicklungshelferin und der Jurist, der selbst jahrelang in der Schweiz Lehrer ausgebildet hat, treffen auf ein Land, in dem der Staat seine Schulen vernachlässigt und Schulhäuser ohne Dach, Türen oder Fenster auskommen müssen. Doch schockiert rumstehen liegt nicht in der Natur der Thommens. Sie packen an, schreiben pädagogische Leitfaden, organisieren Seminare. Am Ende bleiben sie sechs Jahre in Haiti.

Es ist nicht nur die Hitze, die man in diesem Land am eigenen Körper erfahren muss. Und es ist nicht nur das Schulsystem, mit dem sich die Thommens bald sehr gut auskennen. 1995 übernachtet das Ehepaar im Hotel Universal in der Küstenstadt Cap Haïtien. Ihnen fällt ein Ölbild im Hotel auf und auf die Frage, wer es gemalt habe, werden sie in das Atelier des Künstlers geführt, gleich neben dem Hotel.

So wenig! Und doch so fröhlich!

Das Paar hat ein Auge für Kunst, Heinrich Thommen hat nach seinem Jurastudium Kunstgeschichte studiert und später die «Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts» in Olten gegründet. Was er jedoch im Atelier von Emmanuel Previl sieht, ist ganz anders als das, was er aus Europa kennt. Ein Ausdruck haitianischer Kultur, eine ins Bild gefasste Landesidentität. Er und seine Frau geben bei Previl ein Bild in Auftrag – das erste von vielen.

In sechs Jahren über 80 Werke gesammelt Marlyse und Heinrich Thommen aus Gelterkinden.

In sechs Jahren über 80 Werke gesammelt Marlyse und Heinrich Thommen aus Gelterkinden.

bz Basel

Das Treffen markiert für die Thommens den Beginn einer langen Sammelleidenschaft: Als das Ehepaar 2001 wieder in die Schweiz zurückkehrt, warten zu Hause über 80 Werke haitianischer Künstler auf sie, säuberlich verpackt, verschickt ins Sechsfamilienhaus nach Gelterkinden. Die Thommens haben sich das Land, in dem sie sechs Jahre lang tätig waren, in die Schweiz geholt.

Fast zwanzig Jahre später hängen 50 Exemplare aus der Sammlung im Ackermannshof Basel. Cai Ling Duong, Tobias Maurer und Milo Schwager, drei Studierende des Instituts Innenarchitektur und Szenografie der FHNW, widmen ihnen eine Ausstellung, die sie «bitter und bezaubernd» nennen.

Der Name ist Programm: Es soll genauso um die lebendige Kunst wie die schmerzvolle Vergangenheit des Inselstaats gehen, wird in der Broschüre betont. Ein ehrenwerter Ansatz, der keineswegs einfach ist: Die Bilder von Previl und seinen Landsmännern (gerade mal ein Werk stammt aus Frauenhand) sind auf den ersten Blick derart farbenfroh, dass man ohne Kontext schnell einer exotisierenden Versuchung verfällt: Die haben so wenig und machen doch so fröhliche Kunst!

Es liegt an der gekonnten Inszenierung, dass genau dies nicht geschieht. Duong, Maurer und Schwager haben die Bilder gitterartig mitten in der Druckereihalle platziert. Der Effekt ist ein Gewebe von Bildern, das man durchlaufen kann, mit sichtbaren Vor- und Rückseiten – eine poetische Umsetzung des Titels der Ausstellung. Für Kontext sorgen informative Kurztexte an den Wänden, die Themen wie Politik, Sklavenhandel oder Religion in Haiti behandeln.
Wer allerdings wirklich eintauchen will, soll sich die kürzlich erschienene Sammlungs-Publikation als Ausstellungsbegleiter schnappen. Das sorgfältig gemachte Buch vereint Anekdoten und kunsthistorische Einordnung – eine persönliche und zugleich tiefgreifende Auseinandersetzung von zwei Menschen, die nicht nur die Hitze, sondern auch die Kunst Haitis am eigenen Leib erfahren haben.

Was am Ende dazu führt, dass man als Besucher selbst ein paar Mal die Luft anhält: Welch bezaubernde Ausstellung!

«Bitter und bezaubernd – Kunst aus Haiti» Ausstellung Druckereihalle, Ackermannshof, bis 8. September. Begleitend finden diverse Veranstaltungen statt. Mehr Informationen hier.