Sneak Preview
Basler Dramaturgie: Was bedeutet dieser Begriff eigentlich?

Die neue Leitung des Theaters Basel reanimiert ein Konzept, das Friedrich Dürrenmatt 1968 für Basel entwickelt hat. Damals galt das Dreispartenhaus als das führende deutschsprachige Theater. An diese grosse Ära soll nun ab Herbst angeknüpft werden.

Susanna Petrin
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Ein Teil des neuen Teams stellte sich in Basel vor (v.l.): Pressesprecherin Ingrid Trobitz, geschäftsführende Dramaturgin Almut Wagner, Intendant Andreas Beck, Operndirektorin Laura Berman, Ballettdirektor Richard Wherlock.

Ein Teil des neuen Teams stellte sich in Basel vor (v.l.): Pressesprecherin Ingrid Trobitz, geschäftsführende Dramaturgin Almut Wagner, Intendant Andreas Beck, Operndirektorin Laura Berman, Ballettdirektor Richard Wherlock.

KEYSTONE

Schweizerische Bescheidenheit ist glücklicherweise nicht Becks Ding. Andreas Beck, der neue Intendant des Theaters Basel, hat hier ab kommendem Herbst Grosses vor und knüpft an Grosses an: Nämlich an die «Basler Dramaturgie», ein Theaterkonzept, das Friedrich Dürrenmatt während seiner kurzen aber heftigen Liaison mit dem Theater Basel prägte. Immer wieder liess Beck in jüngster Zeit den Begriff «Basler Dramaturgie» fallen – in Interviews und an der Spielplan-Konferenz. Doch woher kommt dieses Konzept, was bedeutet es?

1968. Das Theater Basel gilt vielen als das beste deutschsprachige Theater. Werner Düggelin, der neue Intendant, holt sich Friedrich Dürrenmatt weg von Zürich an sein Haus, als Dramatiker und als beratendes Direktionsmitglied, als «Advocatus Diaboli». Dürrenmatt wollte seinen Worten nach die «Generalfrage» prüfen, «ob Theatermachen noch Sinn hat oder bloss Konvention ist». So oder so war es sein Ziel, «das Theater zu berechtigen».

Vorbild «Play Strindberg»

So wandte er sich als erstes Shakespeares Königsdrama «King John» zu. Dürrenmatt überschrieb Schlegels Übersetzung, spitzte das Drama thematisch auf die rücksichtslose Machtpolitik zu, überzeichnete die Herrschenden zur grotesken Räuberbande. Die Basler Uraufführung am 18. September 1968 war ein Erfolg. Es folgte Anfang 1969 «Play Strindberg». Noch freier hatte Dürrenmatt sich Strindbergs «Totentanz» ermächtigt, hatte die Ehe-Tragödie in eine schwarze Ehe-Komödie mit bissigen Dialogen verwandelt.

«Play Strindberg» dient Becks neuem Hausdramaturgen Ewald Palmetshofer als Vorbild für eine neue Basler Dramaturgie. «Wir möchten Stoffe, Themen, Mythen neu befragen, auf die Gegenwart hin. Nicht nur auf der Regieebene, sondern auch auf der textlichen Ebene. So wie Dürrenmatt das in ‹Play Strindberg›» versucht hat», erzählt Palmetshofer bei einem persönlichen Gespräch in Wien, wo er und Beck bisher wirkten. Er hätte auch «König Johann» nennen können. Denn Palmetshofers neustes Stück basiert ebenfalls auf einem Königsdrama, das zu Shakespeares Zeit entstand, auf Christoph Marlowes «Edward II.». Es feierte an den Wiener Festwochen seine Uraufführung; im November wird es in Basel zu sehen sein. Und es gibt eine gute Vorstellung davon, was uns in Basel erwartet.

Palmetshofer hat den Stoff verdichtet und sprachlich aufgefrischt. Das Thema Homosexualität hält er für zweitrangig, er habe sich mehr dafür interessiert, was politische Macht ist, was der Staat ist. Dem Herrschaftsapparat, dem Edward II. vorsteht, fehle es an einer gemeinsam politischen Vision, an klaren Zielen und Werten. Dieser König sei ganz auf seine private Obsession, auf seine Liebe konzentriert. Er sei einer «hollywoodschen Romantik» verfallen, sein «sehr moderner Liebesbegriff» sei ein ausschliesslicher und erinnere an heutige Fantasien und Werbebilder. «Dort ist er uns nahe», sagt Palmetshofer. Das Privatleben zuerst, auch das ist sehr heutig: «Wo sind wir bereit, unsere persönlichen Interessen zurückzustecken für ein grösseres, gemeinsames Ziel? Wo sind unsere gemeinsamen Utopien angesichts der globalen Erfordernisse?», fragt Palmetshofer.

Für seine Verhältnisse ist Palmetshofer bei Edward ganz nah am Original geblieben. Stoffe neu auf die Gegenwart hin zu befragen, könne auch bedeuten, sich sprachlich und inhaltlich viel stärker vom Original zu lösen.

Facebook bei Ibsen

Auch der neue Hausregisseur Simon Stone passt in dieses Konzept. Seine Spezialität ist genau dies: Alte Stoffe auf heutig zu trimmen. In Wien spaltete seine Neufassung von Ibsens «John Gabriel Borkman» die Gemüter. Manche hielten die vielen Referenzen auf digitale Spleens wie Facebook für lustig, seine unerschrockene Bearbeitung für erfrischend. Anderen war diese Neuinterpretation zu oberflächlich. Das Basler Publikum wird sich kommenden Januar eine eigene Meinung dazu bilden können. Bis dahin bleibt Zeit, das Stück zu verbessern.

Zwei Basler Stücke waren kürzlich bereits in Wien zu sehen, darunter Simon Stones «John Gabriel Borkman» mit Caroline Peters und Martin Wuttke.

Zwei Basler Stücke waren kürzlich bereits in Wien zu sehen, darunter Simon Stones «John Gabriel Borkman» mit Caroline Peters und Martin Wuttke.

Reinhard Maximilian Werner

Bei der «Basler Dramaturgie» ist Beck noch eines sehr wichtig: Es soll nicht mehr zuerst ein Stück ausgewählt und danach ein Regisseur dazu gesucht werden. Die Arbeit fange vorher an. Zuerst würden er und sein Team darüber nachdenken, welche Themen aktuell sind und welche Theatermenschen in welcher Kombination Interessantes schaffen könnten. Danach komme man mit diesen ins Gespräch, diskutiere mögliche Ansätze und geeignete Stoffe.

Im besten Fall entsteht bei der Basler Dramaturgie ein neues, hochstehendes Theaterstück. Im schlechteren Fall bietet es keinen Mehrwert gegenüber dem Original. Der Weg, den das neue Theater Basel einschlägt, ist aber ein anspruchsvoller, ein vielversprechender. Nach neun Jahren unter Georges Delnon beginnt im Oktober am Theater Basel eine neue Ära. Hoffentlich so spannend wie damals, anno 1968, als Fritz der Grosse da war.

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