Opernhaus Zürich
Ballettdirektor: «Stücke zu kreieren, braucht unglaubliche Disziplin»

Der Deutsche Christian Spuck ist ab Herbst als Nachfolger von Heinz Spoerli Ballettdirektor am Opernhaus Zürich. Der 42-Jährige freut sich über die Berufung.

Elisabeth Feller
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Christian Spuck in Stuttgart, wo er bis vor kurzem noch Hauschoreograf war.

Christian Spuck in Stuttgart, wo er bis vor kurzem noch Hauschoreograf war.

Keystone

Was einst streng anmutete, erweist sich rückblickend als weiser Rat: «Beende erst die Schule und leiste deinen Zivildienst, bevor du in den Tanz einsteigst.» «Dafür bin ich meinen Eltern dankbar», sagt Christian Spuck (42), selbst wenn er erst mit 21 Jahren seine Ausbildung in Angriff nehmen konnte. «Das war für mich nicht einfach. Alle anderen, jüngeren Kollegen in der John-Cranko-Schule hatten eine Vorbildung, die mir – dem Spätzünder – eben fehlte.» Trotzdem hielt Spuck unbeirrbar durch, weil für ihn das, was er tat, nicht Beruf, sondern Berufung war: «Nicht ich habe den Tanz, der Tanz hat mich gesucht», sagt er dazu.

Disziplin und Schöpferpotenzial

Es machte ihm Spass zu tanzen und es macht ihm Spass, Stücke zu kreieren. Eines braucht es dazu immer: «Unglaubliche Disziplin». Paart sich diese mit einem Schöpferpotenzial wie bei Spuck, wird der Name zum Gütesiegel für emotionale, expressive Werke, deren Tanzsprache klassisches wie modernes Vokabular packend verquickt. Seine Handlungsballette sind in Stuttgart, Europa und Übersee Publikumsrenner. Dabei sind sie keineswegs leicht zu konsumieren.

Jüngstes Beispiel einer hochkomplexen Choreografie, deren ästhetisches Raffinement sich bis ins Bühnenbild und in die Kostüme erstreckt, ist «Das Fräulein von S.» nach E.T.A. Hoffmann: Ausgerechnet diese verschachtelte, personenreiche Novelle als Ballett! Spuck ist nicht verwundert über sein verwundertes Gegenüber. Er nickt: «Stimmt. Es ist ein spannender, aber auch komplizierter Stoff mit vielen Charakteren. Und: Es ist eine tolle Kriminalgeschichte mit Gift- und Juwelenmorden in Paris. All das hat mich fasziniert. Aber die Handlung wirkt konstruiert. Sie auf der Bühne nacherzählen zu wollen – das kam nicht infrage.» Was dann? «Verschiedene Teilaspekte herausgreifen und eine Geschichte erzählen, die in der Art ihrer verrätselten Darstellung das literarische Original auf neue und ungewohnte Weise erleben lässt.»

Die literarische Vorlage, so Spuck, habe ihm als Folie für den Versuch gedient, ein Handlungsballett auf andere Weise zu kreieren und dabei zwar theatralisch, aber mit Blick auf den Tanz viel abstrakter zu denken. Abstrakt? Spuck vertraut auf die Vorstellungskraft des Publikums. «Es soll Situationen suchen und auch anhand der abstrakten Bewegungen herausfinden, wo die Geschichte stattfindet.» Grösstes Kompliment nach der Vorstellung: «Wenn Zuschauer zu mir kommen und sagen: ‹Ich habe Ihr Ballett gesehen und danach das Buch wieder hervorgeholt.›»

Lustvolle Spurensuche

In Stuttgart geht das Publikum lustvoll auf Spurensuche – das dürfte in Zürich nicht anders sein. Ab Saison 2012/13 wird Christian Spuck, nach Heinz Spoerli, das Zürcher Ballett leiten. Er freut sich über die Berufung, weiss aber auch, «dass ich eine grosse Verantwortung übernehme. Jetzt habe ich einen zweiten Beruf; erstmals bin ich als Direktor für eine international renommierte Kompanie verantwortlich.»

Spuck hat einerseits Respekt vor seiner neuen Aufgabe, anderseits genügend Selbstbewusstsein, um in Zürich ein neues Ballett-Kapitel aufzuschlagen. Er betont, «dass es hier aber nicht nur Christian Spuck zu sehen geben wird, sondern viele andere Choreografen, die für das Zürcher Ballett Werke schaffen werden». Zwei erste Solisten – Katja Wünsche und William Moore – folgen ihm von Stuttgart nach Zürich. Ob ihm das den Abschied erleichtert? Spuck macht eine kleine Pause, sagt dann nachdenklich: «Stuttgart ist meine Heimat. Ich habe zuvor in verschiedenen Kompagnien getanzt. Doch in Stuttgart habe ich mich vor allem so wohl gefühlt, weil ich so gefördert wurde. Deshalb scheide ich mit einem lachenden und weinenden Auge.»

In Zürich könnte sich Spuck in einigen Belangen aber durchaus an Stuttgart erinnert fühlen. In der Limmatstadt, die er «als unglaublich offen und hilfsbereit erlebt», ist zum Beispiel die Hauptbühne der Oper fast gleich gross wie jene der Stuttgart Oper. In Zürich liegt die Oper am See – in Stuttgart am Schlossteich.

Zürich als Inspiration

Wie in Stuttgart wird Spuck wohl auch in Zürich «Augen und Ohren permanent offen halten. Ein Künstler muss sehen und hören, was passiert. Dann fliessen ihm die Ideen zu. Selbst eine Begebenheit auf der Strasse kann für ihn wichtig sein.» Dort und – wer weiss – vielleicht auch im Kino. Spuck mag nämlich Filme. Weshalb er mit Freuden gesehen hat, dass Zürich eine Kinostadt ist. Liefert sie den Stoff für ein neues Handlungsballett?