Weltausstellung Mailand

Bald ist Weltausstellung vor unserer Haustür, aber niemand merkt es

Zwei Millionen Schweizer erwartet Präsenz allein im Schweizer Pavillon an der Expo Milano 2015. Das ist mehr als ambitiös

Sabine Altorfer
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Das ExpoGate in Mailands Zentrum steht. Es ist Anlauf- und Infostelle für die Expo Milano 2015, die im Nordwesten der Stadt stattfindet. AFP

Das ExpoGate in Mailands Zentrum steht. Es ist Anlauf- und Infostelle für die Expo Milano 2015, die im Nordwesten der Stadt stattfindet. AFP

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In 42 Tagen eröffnet die Weltausstellung vor unserer Haustür. Aber weiss das hier überhaupt jemand? Wir fragten rum, zufällig, nicht repräsentativ. Das Ergebnis ist ernüchternd. «Die nächste Weltausstellung? Keine Ahnung.» «Vielleicht in Schanghai?» «Weltausstellung: Gibts das noch?» Und dann doch noch: «Mailand?»

Stimmt! Aber Achtung: Die Weltausstellung öffnet schon am 1. Mai. Für uns Schweizerinnen und Schweizer ist sie gar als Tagesausflug erreichbar. Warum aber spricht niemand über diese Chance? Liegt es an der fehlenden Werbung? Oder ist eine Weltausstellung in der heutigen Zeit gar überflüssig?

Die Schweiz ist jedenfalls dabei. Sie hat sich gar als erstes Land zur Expo Milano 2015 angemeldet, wie Präsenz Schweiz und das Aussendepartement (EDA) stolz mitteilten. «Angesichts der geografischen, wirtschaftlichen und kulturellen Nähe Italiens ist die Expo 2015 für die Schweiz von strategischer Bedeutung.» 2012 hat das Parlament 23,1 Millionen Franken für einen Schweizer Pavillon bewilligt, unter der Bedingung, dass Private 9 Millionen Franken übernehmen. Das klappte.

Präsenz Schweiz ist optimistisch

Neben den Bergkantonen planen (und zahlen) Basel, Genf und Zürich Auftritte. Und auch Firmen machen mit. Nestlé zum Beispiel. Der Konzern macht im Padiglione Svizzero eine eigene Ausstellung und liefert Kaffee. Das wiederum freut nicht alle. Und so gab es böse Kommentare, weil sich Firmen wie Nestlé oder Syngenta (als Partner von Basel) an einem offiziellen Schweizer Auftritt profilieren können.

Auch wenn die Nachricht von der Expo 2015 in Mailand bei den Schweizerinnen und Schweizern noch nicht angekommen ist, gibt sich der Direktor von Präsenz Schweiz, Nicolas Bideau, zuversichtlich. «Aus früheren Weltausstellungen habe ich gelernt, dass das Expo-Fieber meistens nach der Eröffnung steigt, wenn das Thema, der Standort der Expo und das Gastgeberland attraktiv sind. Alle diese Bedingungen treffen für die Expo Milano 2015 zu.»

Ist das realistisch? Reicht das Expo-Fieber, die Mundpropaganda nach der Eröffnung? «Nein, die Nachricht von einem solchen Ereignis muss sich früher verbreiten», sagt Martin Heller, der als Direktor der Expo.02 und Verantwortlicher für die Kulturhauptstadt Linz Erfahrung mit Grossanlässen hat. «Man kann am Eröffnungstag nicht einfach den Hebel der Begeisterung umlegen. Das Publikum, die Bevölkerung müssen früh neugierig gemacht werden, nicht nur mit Medienberichten, sondern auch mit Aktionen, beispielsweise mit Baustellenbesichtigungen oder Einbezug in die Vorbereitungen.»

Doch weder Präsenz Schweiz noch die Mailänder Organisatoren der Expo 2015 haben sich bis jetzt mit Werbung profiliert. Trotzdem erwartet Bideau drei Millionen Besucher im Schweizer Pavillon, alleine zwei Millionen aus der Schweiz. «Ein ambitiöses Ziel», sagt er selber.

Werbung – ein paar Plakate – gab es bisher nur von den SBB. Die Bahn bietet seit Januar Billette zu Sparpreisen an. Täglich werden vier bis fünf Extrazüge ab Schweizer Zentrumsstädten direkt zum Expo-Bahnhof Rho Fiera im Mailänder Vorort fahren. Wie viele Menschen Zugbillette im Vorverkauf gebucht haben, sagen die SBB nicht. «Wir sind zufrieden», schreibt uns SBB-Pressefrau Lea Meyer. Ausgebucht sei noch nichts, besonders gefragt seien mehrtägige Angebote mit Übernachtung in Mailand.

Gefragt seien auch die Anlässe im Schweizer Pavillon, betont Bideau: «Das Auditorium für Konferenzen ist zu 90 Prozent, die Partnerlounge zu 75 Prozent ausgelastet. Insgesamt 35 000 Personen werden an diesen Anlässen teilnehmen. Wir zählen schon 450 Buchungen von geführten Touren im Schweizer Pavillon für total 9000 Personen.» Das scheint angesichts der erwarteten 3 Millionen – oder täglich 16 000 Besucher – wenig. Aber Bideau betont: «Es sind beeindruckende Zahlen. Ich bin damit sehr zufrieden.»

Abstraktes Motto

Das Motto der Expo 2015 heisst «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben». Solche Generalthemen findet Martin Heller schwierig. «Sind sie zu eng gesetzt, sprechen sie nur wenige an. Und wenn sie zu weit gefasst sind, werden sie nicht mehr fassbar.» Bei den Ausschreibungen für solche Grossanlässe setzten die Verantwortlichen auf Sicherheit, Berechenbarkeit und deshalb auf das Übliche, um Akzeptanz und Sponsoren zu finden. «Aber das signalisiert: null Überraschung. Und weckt eben nicht die Neugier.»

Findet Heller eine Weltausstellung in der heutigen globalisierten Welt überhaupt noch sinnvoll? «Solche Formate erübrigen sich nicht, weil es eine andere mediale Wirklichkeit gibt.» Aber es brauche eben den Mut zur Überraschung, um Interesse zu wecken.

Von Kaffee bis Käse

Die Schweiz passt sich dem Expo- 2015-Motto Ernährung unter dem Titel «Confooderatio» an. In einem Pavillon mit vier Türmen wird sie vier Eckpfeiler der Schweizer Nahrung präsentieren: Kaffee, Salz, Wasser und Apfelringli – in Kleinstportionen zum Mitnehmen. Daneben errichtet man ein «House of Switzerland», eine Bühne, Ausstellungen der drei Städte und der Bergkantone, die Nestlé-Ausstellung und ein Restaurant mit Cervelat-Salat, Pizzoccheri und natürlich Käse. Bewährte Schweizer Präsenz also.

Der Padiglione Svizzero des jungen Brugger Architekturbüros Netwerch ist im Endausbau. Die Schlagzeilen wegen angeblicher Dumpinglöhne sind (schon fast) vergessen und der Schweizer Bau scheint auch nicht in die Expo-Mafia-Skandale verwickelt, die zu Entlassungen und Verzögerungen führten.

Der Eröffnung am 1. Mai sollte also nichts im Wege stehen. Bleibt nur noch die Frage: Buchen und reisen die Schweizerinnen und Schweizer? Nicolas Bideau verspricht zum Anheizen des Expo-Fiebers «noch einige interessante Medienveranstaltungen».

Fakten zur Expo Milano 2015

Die Expo Milano 2015 dauert vom 1. Mai bis 31. Oktober. Das Expo-Gelände befindet sich 15 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums in Rho Fiera. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 23 Uhr. www.expo2015.org

145 Länder und 3 internationale Organisationen beteiligen sich. Insgesamt erwartet die Expo Mailand 20 Millionen Besucher, zu drei Vierteln aus Italien. 8,5 Millionen Tickets seien abgesetzt.

Die SBB bieten Billette und auch Übernachtungen in Mailand, im Tessin oder im Wallis an. Täglich werden vier bis fünf Extrazüge direkt zum Expo-Bahnhof Rho Fiera fahren. Wer bis Ende April bucht, fährt günstiger.

Der Schweizer Auftritt steht unter dem Motto «Confooderatio». In den vier Türmen des Schweizer Pavillons erwarten die Besucher Lebensmittel zum Mitnehmen.
2,5 Millionen Portionen Nestlé-Kaffee (ist unser Exportprodukt Nummer eins, vor Käse oder Uhren), 2 Millionen Päckchen Salz der Schweizer Salinen, Wasser (aus dem Mailänder Grundwasser und nicht mehr wie einst geplant in Nestlé-Fläschli) und 420 000 Säckli mit getrockneten Apfelringli. Informationen: www.padiglionesvizzero.ch