Interview

Autor Charles Lewinsky: «Wer die Sprache beherrscht, ist mächtig»

In seinem neuen Buch spielt der Schweizer Autor Charles Lewinsky die Verhältnisse der USA in einer Schweiz der nahen Zukunft durch. Am Beispiel des Wortes «Dichtestress» erklärt er zudem, wieso Sprache in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt.

Anne-Sophie Scholl
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Charles Lewinsky
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Der Wille des Volkes von Charles Lewinsky.   
"Wer die Sprache beherrscht, beherrscht den gesamten Diskurs", sagt Lewinsky. Davon zeuge etwa das Wort "Dichtestress".
Über Sprache wird auch in seinem neuen Werk viel nachgedacht.
Zum 70. Geburtstag einen neuen Roman: Charles Lewinsky.

Charles Lewinsky

Sandra Ardizzone

Er habe gerade Enkelbesuch, schreibt Charles Lewinsky aus dem französischen Vereux, wo er im Sommer lebt. Ein Grossvater sitze da nicht neben dem Telefon. Trotzdem nimmt er nach dem ersten Klingeln ab. Lewinsky formuliert kurze, prägnante Sätze. Nach zwanzig Minuten sind Kinderstimmen zu hören. Man habe doch schon genug Material, um eine Sondernummer zu füllen, meint er und beendet das Gespräch zügig.

Herr Lewinsky, Ihr neues Buch ist ein Krimi. Hatten Sie sich nicht von Unterhaltungsformaten befreien wollen?

Charles Lewinsky: Ein Krimi ist nicht automatisch ein Unterhaltungsformat. Es ist einfach eine literarische Form.

Sie haben einen besonderen Ermittler, einen pensionierten Journalisten. Hat Sie vor allem diese Figur interessiert?

Ich weiss selber nie so genau, wie Figuren entstehen. Sie sind irgendwann einfach da, und dann muss man mit ihnen zurandekommen und sie im Beschreiben immer besser kennen lernen. Aber dahinter stehen keine theoretischen Überlegungen. Schreiben ist etwas, das sehr stark aus dem Bauch heraus passiert.

Was sind für Sie die Gemeinsamkeiten zwischen einem Ermittler und einem Journalisten?

Das eine ist ein Beruf, und das andere ist eine Funktion innerhalb einer Geschichte. In einer Geschichte kann jeder ermitteln, er muss nicht Detektiv oder Polizist sein. Bei Agatha Christie ermittelt Miss Marple. Sie ist einfach eine brave englische Hausfrau.

Sie machen sich also keine Sorgen um die Entwicklung der Medien in der Schweiz?

Die Medienlandschaft hat sich im Lauf ihrer Geschichte immer verändert. Die Zeitungen haben ihre Funktion als Mitteiler von Neuigkeiten weitgehend verloren, weil das Internet schneller ist. Sie müssen eine neue Funktion übernehmen, mit Hintergründen und vertieften Kommentaren, die das Internet nicht bietet. Das ist ein Umwälzungsprozess, den viele Zeitungen noch nicht vollständig durchgemacht haben. Es ist alles in Bewegung.

Der Wille des Volkes von Charles Lewinsky.   

Der Wille des Volkes von Charles Lewinsky.   

HO

Ist die Kontrollfunktion der Medien für Sie nicht bedroht?

Wenn es eine Bedrohung gibt, dann liegt sie darin, dass Leute unter dem Stichwort «Fake News» beschliessen, was passiert sein soll: fertig, und dann ist das so. Aber so schlimm, wie es im Buch beschrieben ist, wird es nicht werden, das glaube ich nicht. Es ist keine Prophezeiung, es ist ein Gedankenspiel: Wie wäre es, wenn.

Genau bei dieser Bedrohung spielen Journalisten doch eine wichtige Rolle.

Ja, klar. Aber man muss sich nur die letzte Pressekonferenz von Herrn Trump anhören. Diese Bedrohung stärkt die Medien eigentlich. Es ist ja kein Zufall, dass Zeitungen wie die «New York Times» plötzlich stark steigende Abonnentenzahlen haben.

Wie sehen Sie das in der Schweiz? Bei Tamedia, dem umsatzstärksten Verlagshaus, entscheidet der Verwaltungsrat demnächst über eine neue Strategie. Die redaktionellen Ressourcen sollen noch stärker gebündelt werden.

Ein schöner Ausdruck: «Wir bündeln die Ressourcen». Das heisst immer: Wir bauen Journalisten ab.

In der Branche befürchtet man, dass eine Zentralredaktion in Zürich eingerichtet wird.

Darauf wird es hinauslaufen. Aber umso stärker werden sich Medien entwickeln, die anders arbeiten. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt, was aus dem Projekt «Republik» wird, ob diese Online-Zeitung wirklich eine andere Art von Information geben wird.

Oder gewisse Parteien übernehmen die Presse: Soeben wurde bekannt, dass Christoph Blocher einen Verlag mit 25 Regionalzeitungen gekauft hat.

Man kann mit Geld vieles machen. Nur die Glaubhaftigkeit kann man sich nicht kaufen.

Was halten Sie von staatlicher Förderung der Medien?

Das sehe ich zwiespältig, weil immer die Gefahr besteht, dass der Staat nicht nur fördern, sondern auch inhaltlich mitreden will.

Zentrales Thema Ihres Buches ist ja eigentlich die Sprache. Was bedeutet sie Ihnen?

In Bezug auf die News ist es so: Wer die Sprache beherrscht, beherrscht den gesamten Diskurs. Wer ein Wort erfindet wie «Dichtestress», bewegt den Diskurs in eine bestimmte Richtung, bis alle Leute am Schluss wirklich über den «Dichtestress» reden, den irgendeine Werbeagentur erfunden hat. Wer es schafft, die Sprache zu beherrschen, hat eine sehr mächtige Funktion.

Das Sprachbewusstsein ist sehr wichtig für Ihren Ermittler.

Er ist einer, der das Gefühl hat, er sei ein altmodischer Sprachhandwerker und er wehre sich gegen Sprachschludrigkeiten. Er korrigiert sich jeweils selber, wenn er das Gefühl hat, er sei im Klischeeteich.

Er zeigt aber auch die Mehrdeutigkeit der Sprache auf.

(Überlegt) In dem Buch wird viel über Sprache nachgedacht. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich auf die Figur gekommen bin.

Sie wollen in Ihren Büchern Geschichten erzählen. Ihr neues Buch nimmt aber eine Debatte auf, die seit dem Amtsantritt von Trump stark diskutiert wurde. Was kann eine Geschichte zu dieser Diskussion beitragen?

Ich verkünde keine Botschaften. Die Botschaften sollen sich im Kopf vom Leser darstellen. Wenn ein Buch Anlass gibt zum Nachdenken, ist das doch schon mal etwas wert. Aber als Autor kann man das Ergebnis eines Denkprozesses nicht bestimmen.

Eine Figur in Ihrem Buch sagt, etwas wirklich Schlimmes, wie der Mord an John F. Kennedy in den USA, könne in der Schweiz nicht passieren. Wie nah an der Realität ist Ihr Buch?

Es ist keine exakte Beschreibung von Zuständen, nicht einmal eine exakte Beschreibung von Möglichkeiten. Es gibt ja den unterdessen schon abgeschliffenen Ausdruck «zur Kenntlichkeit verzerrt»: Es ist eine Dystopie, also eine Geschichte, die gewisse Tendenzen übertreibt und verstärkt, um sie zu verdeutlichen.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten eigentlich Vertrauen in das System der Schweiz. Ist das immer noch so?

Wissen Sie, wir haben so ein wunderbar kompliziertes, langweiliges System. Das hält noch lange.

Und Ihr Vertrauen in die Leute in der Schweiz?

Ich finde, wir haben im Grossen und Ganzen äusserst gut auf den demokratischen Prozess trainierte Leute. Das ist doch sehr positiv.